Essen & Trinken

Boulevard der Extreme

BalthazarEigentlich lieben sie ihren Kurfürstendamm, eigentlich. Und schlechtreden wollen sie ihn nun schon mal gar nicht. Auch Holger Zurbrüggen nicht. Der Koch und Inhaber des Balthazar hält seit über sechs Jahren das Niveau in seiner Küche hoch – trotz aller Tiefen, die der 3,5 Kilometer lange Prachtboulevard des alten Westens in den letzten Jahren erfahren hat. „Es ist die schönste Straße Berlins, ich lebe seit 22 Jahren im Umkreis des Kurfürstendamms. Ich habe mein komplettes soziales Umfeld immer hier in der Umgebung gehabt. Ich will gar nicht woanders hin, hier fühle mich geborgen.“ Der Mann, der auch die Teilnehmer der Kocharena auf Vox coacht, ist als Westfale von Natur aus Optimist. Der Ku’damm hätte sich in letzter Zeit gut entwickelt. Ob denn die Jubiläumsfeiern einen entsprechenden Auftrieb geben würden? Die Ausstrahlung von früher hätte die Straße noch lange nicht, gibt Zurbrüggen zu. So gäbe es ja keine Kaffeehauskultur mehr wie vor 20 Jahren.

Die Wertschätzung dieses speziellen Handwerks sei völlig abhandengekommen. Während des Gespräches auf seiner Terrasse fällt der Blick auf die Baustelle gegenüber. Dort wird ein Laden in einen weiteren Coffee-Shop umgebaut. Die Dichte der Coffeeshops auf dem Kurfürstendamm ist mittlerweile einmalig, genauso wie der gnadenlose Gewerbemix aus Discountern, Fastfoodketten und Luxuslabels. Damit das auch noch mal deutlich wird, signalisiert eine rote Holzbude „Espresso Ambulanz“, so der bezeichnende Name, den Trend zur To-Go-Kultur. Das mit den Holzbuden ist sowieso ein heikles, weil grundsätzliches Thema. Während das Ordnungsamt auf der einen Seite bei den ansässigen Gastronomen hart durchgreift – so darf Zurbrüggen keinen roten Teppich auf seiner Terrasse auslegen, weil „Stolpergefahr“ –, steht auf der anderen Seite einer Holzbude am Breitscheidplatz mit schnellem Essen nichts im Wege. Genauso wie der schnellen Entsorgung der Pappteller auf der Straße. „Ästhe­tik wird ganz willkürlich definiert.“ Profit steht an erster Stelle von zwei Organisatoren (AG City und Kurfürstendamm.de), die den Kurfürstendamm nach vorne bringen wollen. So bei den Plakatwänden an der Gedächtniskirche. Was zudem die goldenen Schleifen an den Straßen­laternen für eine Bedeutung haben? Von den ansässigen Unternehmen weiß das keiner so richtig.

WegnerDirekt um die Ecke vom Balthazar ist Jens Wegner wieder am Werke. Es ist sein zweiter Anlauf in der Dahlmannstraße, einer ehemals für ihr ausführliches Nachtleben bekannten Seitenstraße. „Vom Ku’damm? Da kommt keine Laufkundschaft zu uns.“ Jens Wegner hat vor zwei Jahren mit seiner Frau Juana das Restaurant mit dreißig Plätzen eröffnet. Und wollte nach zwei Jahren schlafloser Nächte und einem Arbeitseinsatz von „selbst und ständig“ mal wieder eine gewisse Sicherheit haben. Doch die Festeinstellung in Brandenburg hat er nach drei Wochen beendet. Er ist Gourmetkoch alter Schule mit einem Gefühl für realistische Preise. Bei ihm sei noch nie jemand von den Organisatoren des Ku’damm-Jubiläums vorbeigekommen, um vielleicht Informa­tionen auszutauschen oder Wegner einzubinden in die geplanten festlichen Aktivitäten. Das irritiert auch Christian Schulze vom Le Compagnon in der Knesebeckstraße. Warum er von so gar nichts weiß, aber die Gastronomie in der Hardenbergstraße – eine ziemliche Strecke vom Kurfürstendamm entfernt – involviert ist? Ein Rätsel.

Auf die Eröffnungsveranstaltung „125 Jahre Kurfürstendamm trifft 125 Jahre Automobil“ ist kaum jemand gut zu sprechen. Holger Zurbrüggen staunte nicht schlecht, als die Oldtimer-Fans ihr mitgebrachtes Essen auspackten. „Ich wollte schon Teebeutel für das mittlerweile heiße Mineralwasser reichen.“ Walter Schuber von der Austeria nimmt es ähnlich sportlich wie Zurbrüggen. Aber auch er wunderte sich letztlich nicht an dem geringen Interesse an seinem Angebot. Denn in der Nähe seiner extra aufgebauten Bar, an der er Sekt, Champagner und Austern angeboten hatte, wurden Tausende von roten Getränkedosen an das Publikum verteilt – umsonst. Walter Schuber ist fast schon gastronomisches Urgestein des alten Westens, er war der Wirt des in den 80er Jahren angesagten Tasty, war Chef des Chalet Corniche im Grunewald. Und unternahm einen kurzen Abstecher an den Gendarmenmarkt. „Das war mir zu anonym.“ Am Kurfürstendamm kennt man sich eben. Er eröffnete im Ok­­tober 2005 die Austeria. Mit Erfolg, „nur 2010 war es mit der Baustelle schwierig“. Baucontainer standen vor seiner Tür und ver­sperrten den Weg. Auch der gebürtige Österreicher will nichts Schlechtes über den Kurfürstendamm sagen, aber „das Savoir-vivre, das Genießenkönnen“, das sei nicht richtig ausgebildet. Warum das nun in Kreuzberg klappen würde, wenn es heißt „Kreuzberg kocht“, dass da Gäste einfach Spaß daran haben, mal genussvoll etwas auszuprobieren, warum das nicht am Kurfürstendamm klappt? Walter Schuber zuckt mit dem Schultern: „Aber wir sind auf einem guten Weg.“

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: mary-Ann Weber / HIPI

Austeria Brasserie Kurfürstendamm 184, tgl. 11-1 Uhr, Küche 12-23.30 Uhr, Tel. 881 84 61, www.austeria-brasserie.de

Balthazar Kurfürstendamm 160, tgl. ab 18 Uhr, Küche bis 23 Uhr, Tel. 89 40 84 77, www.balthazar-restaurant.de

Wegner Dahlmannstraße 22, Mo-Sa ab 18 Uhr, Tel. 53 08 19 66, www.restaurant-wegner.de

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