Essen & Trinken

Brauhäuser in Berlin

meisterstueck_c_kerstin_anders_hipi„In München steht ein Hofbräuhaus…“ und in Berlin seit November 2011 auch. Aus rechtlichen Gründen allerdings heißt es an der Spree nur Hofbräu Berlin. Es ist Mittagszeit an einem normalen Wochentag. Tapfer spielt die Drei-Mann-Kapelle mit zünftigen Klängen gegen die Tristesse in der bayrisch-folkloristisch ausstaffierten Halle an der Karl-Liebknecht-Straße an. 1200 Plätze im Erdgeschoss und zusätzlich noch die große Terrasse würden für die Insassen etlicher Reisebusse ausreichen. Jedoch sind nur wenige der rustikalen, passend zum Gasthausflair mit Kerzen eingedeckten Biertische und -bänke besetzt –nicht viel zu tun also für die kellnernden Jungs und Mädels in Dirndl oder Lederhose. Donnerstag bis Samstagabend in den Spitzenzeiten sieht das häufig ganz anders aus – da wird auch schon mal auf den Bänken getanzt.

An der Hardware gibt es wenig zu rütteln: Das Münchner Original hat einiges in die Hand genommen, um die hauptstädtische Dependance vom Bierdeckel bis zum Engel Aloisius authentisch auszustatten. Und auch die Küche „haxerlt und brezerlt“ recht anständig daher – unangefochtener Renner ist die krosse Schweinshaxe. So bekommt denn der Gast, und das sind nicht nur Berlin-Be­sucher, was er erwarten darf: Wo Hofbräu drauf steht, ist selbst in der unwirtlichen Szenerie am Alexanderplatz Hofbräu drin. Nur einen Bierseidelwurf entfernt vom Hofbräu hat man in den letzten Jahren in der Friedrichstraße den kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht. Ein bisschen bayerisch geht an der Spree immer, das wussten die süddeutschen Brauer schon im 19. Jahrhundert und brauten und schenkten ihr Helles rund um die Friedrichstraße aus.

Eine Tradition, die heute auch bajuwarische Lokalitäten wie das Augustiner am Gendarmenmarkt wieder aufleben lassen. Und so wandelte Großgastronom Roland Mary sein San Nicci, wohl eines der schönsten Restaurants der Stadt, in das Fritz 101 um. Doch leider ist es schnell vorbei mit der Gemütlichkeit: Schon beim Eintreten fragt man sich, wer hier wohl die Franchise-Gebühren für bayerische Systemgastronomie kassiert? Nach dem man sich selbst platziert hat, fühlt man sich nach einem Moment des Innehaltens und Betrachtens wie in einem oberbayerischen Bahnhofs-Restaurant. Dazu passt optisch und inhaltlich die Speisekarte – а la „die gibt’s von uns zur Grundausstattung dazu, sprach der Brauereivertreter“ – auf der alle typischen Schmankerl und üblichen Standards vom Leberkäse über Schweinskrustenbaten bis zur Currywurst und Wiener Schnitzel vertreten sind.

Augustiner_hipiAllerdings nicht immer zu haben, jedenfalls nicht an diesem Mittag. Auf der Karte, die die flotte Bedienung im feschen, grob karierten Hemd zügig bringt, ist die Hälfte der Gerichte mit Kugelschreiber (!) durchgestrichen. „Das sind die aufwändigen Speisen, die gibt es erst abends“, erläutert die Kellnerin freundlich. Dazu zählt der Fritz-Koch beispielsweise sämtliche kleinen Gerichte wie Obazda, geschmälzte Maultaschen und Vesperplatte, alles vom Grill, aber auch drei von vier vegetarischen Gerichten und den Havel-Zander. Bleibt unter anderem der Leberkäse. Der kommt mit einer kleinen Portion lauwarmem Kartoffelsalat auf einer hübschen, länglichen Porzellanplatte daher. Er soll hausgemacht sein. Geschickt, wie er dies verbirgt – geschmacklich geht er eindeutig in Richtung Convenience. Und während dazu der gut gezapfte halbe Liter Allgäuer Büble gefällig durch die Kehle rinnt, wird man auch in einem anderen Genre, der Musik, unpassend heimgesucht. Aus den Boxen erklingt unüberhörbar: „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne und steht sie noch davor“.

Musikalisch gibt man sich unauffällig, kulinarisch durchaus innovativ und eigenständig. Das neue Meisterstück (Foto oben)am Hausvogteiplatz ist Restaurant und Feinkostgeschäft unter einem Dach. Der Name deutet nicht auf eine Bayern-Wirtschaft im klassischen Sinne hin, vielmehr auf die Selektion der Produkte: hochwertig, aus kleinen Manufakturen, viel Bio-Ware, manches Slowfood-zertifiziert. Das bayerische Element findet sich jedoch bei den Produkten, die man auch nach Hause tragen kann, und beim Ambiente. Hier wurde eine stilvolle Edel-Tenne mit Wohlfühl-Atmosphäre geschaffen – nicht bayrisch, aber kultig schon jetzt die 34 Kuckucksuhren. Ein kulinarisches Standbein ist das im Lokal selbst gebackene dunkle Brot mit verschiedenen Aufstrichen wie Aprikosen-Rosmarin-Aufstrich oder Honig-Senf mit jungem Lauch. In erster Linie aber ist das Meisterstück wohl ein ambitioniertes Wurst- und Bierhaus: von der Lachswurst und der kleinen Entenwurst mit Chilisenf über die Regensburger und die Nürnberger Bratwurst vom Meister Behringer bis zur Currywurst vom Fleischermeister Friedrich.

Gebraten oder gegrillt und ordentlich fetthaltig, was für manchen urbanen Magen eine Challenge ist, bei der der Sieger bereits feststeht. Dazu werden, als drittes und sozusagen korrespondierendes Element, handgemachte Craft-Biere aus aller Welt, die unter der Dachmarke Braufactum vermarktet werden, ausgeschenkt. Das ist nicht billig, aber gut – so wird zur gekräuterten Irschenberger Wurst ein Brooklyn Lager (0,35 l / 6,80 Ђ) des bekannten Brauers Garrett Oliver aus New York empfohlen. Zum Verkaufsschlager, natürlich der Currywurst mit wahlweise fruchtiger, würziger oder scharfer Sauce, ist ein Progusta, ein Bitterbier von Dr. Marc Rauschmann, nicht die schlechteste Wahl. Auch wenn der Berliner an sich schon aus Patriotismus einem frisch gezapften Schultheiß aus dem blank polierten Zapfhahn meistens den Vorzug gibt.

Text: Uwe Lehmann

Foto: Kerstin Ander / HIPI

Augustiner am Gendarmenmarkt Charlottenstraße 55, Ecke Jägerstraße, Mitte, Tel. 20 45 40 20, www.augustiner-braeu-berlin.de; tgl. ab 10 Uhr

Fritz 101 Friedrichstraße 101, Mitte, Tel. 306 45 49 80, www.fritz101.de; tgl. ab 10 Uhr

Hofbräu Berlin Karl-Liebknecht-Straße 30, Mitte, So-Do 10-1 Uhr, Tel. 23 45 98 20, www.berlin-hofbraeu.de; Fr+Sa 10-2 Uhr

Das Meisterstück Hausvogteiplatz 3-4, Mitte, Tel. 55 87 25 62, www.dasmeisterstueck.de;
tgl. 10-1 Uhr

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