Essen & Trinken

Café-Kultur-Revolution in Berlin

Neue Coffeshops vermitteln mit hausgemachten Snacks, fair gehandeltem Kaffee, internationalem Flair und bodenständigem Kiezbewusstsein die Verbindung vom alten und neuen Berlin

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Die Tür öffnet sich im Minutentakt. „Rodi, machst du uns drei Cappuccino zum Mitnehmen?“ und „Heute mittag kommt ein Freund von mir, kannst du ihm meinen Wohnungsschlüssel geben?“ Rodi alias Serhad Rodi Yegin steht hinter der Theke seines kleinen Coffeeshops, verteilt Küsschen und Umarmungen an eine Gruppe französischer Frauen, nimmt den Haustürschüssel in Verwahrung und legt ihn in eine Schublade, wo schon drei andere liegen. Dazwischen zaubert er unzählige Espressi und strahlt bei alledem eine gute Laune zum Neidisch werden aus. Das Bagel Coffee Culture (Foto oben) am Mehringdamm ist sein ureigenstes Reich, das merkt man sofort. „Ich liebe Kaffee, ohne Kaffee kann ich nicht leben“, meint der Barista und schäumt Milch für den nächsten Latte Macchiato auf. Rodi verarbeitet nur hellgeröstete Arabica Bohnen von verschiedenen Berliner Röstereien, den Bonanza Coffee Heroes, Röststätte Berlin oder Five Elephants. Sein Barista-Handwerk hat er in London bei der Speciality Coffee Association of Europe gelernt.

myxa

In England kam er auch auf die Idee, ein kleines Kiez-Café zu eröffnen – wie es das in London an jeder Straßenecke gibt. „Der Stil, den ich hier im Cafй habe, der ist sehr typisch für London“, meint Rodi. Ein Café ohne viel Chichi, in dem sich die Nachbarschaft mittags trifft, mit gutem Kaffee und ein paar kleinen, günstigen Snacks. Das Wort Culture steht aber nicht ohne Grund im Namen. An den hohen Wänden hängen Bilder von jungen Künstlern, die Rodi fast alle in seinem Laden kennengelernt hat – beim Plausch über der Kaffeetasse. „So ein Café will man einfach im Nachbarhaus haben“, strahlt ein Kunde, bevor er sich wieder nach draußen in die Kälte traut. Trotz Berlins viel beschworener Cafй-Dichte scheinen Orte wie dieser immer ihr Publikum zu finden. Von außen mögen sie unauffällig aussehen, die Einrichtung ist ein Beweis von kostengünstiger Kreativität. Doch mit ihrem kleinen, qualitativ hochwertigen Angebot und familiärem Flair sind sie so etwas wie das Herz eines Kiezes. So auch das Myxa in der Neuköllner Lenaustraße (Foto Mitte). Ausstellungen gibt es hier nicht, aber die Kultur kommt dennoch nicht zu kurz, regelmäßig finden Lesungen und Konzerte von Singer-Songwritern aus der Nachbarschaft statt. „Wir bekommen so viele Anfragen, eigentlich könnten wir mindestens drei Konzerte pro Woche veranstalten“, erzählt Anastasis Giannousakis. Zusammen mit Michalis Kavadias hat er das Myxa gegründet.

Seit drei Jahren sind die beiden Griechen in Deutschland, ungefähr ein Jahr Vorbereitung brauchten sie für ihr Café. Das lag vor allem daran, dass sie ihr Herzensprojekt mit anderen Jobs abstimmen müssen. Giannousakis arbeitet in Potsdam als Forschungsassistent, mindestens eine Schicht pro Woche übernimmt er aber im Myxa. „Das ist so etwas wie unser Wohnzimmer, wir haben auch unsere eigenen Platten hier“, erklärt er. Die gesamte Inneneinrichtung haben die beiden selbst gebaut, aus Holz, das sie geschenkt bekamen oder auf der Straße fanden. Die Küche bietet eine Mischung aus klassischem Café-Angebot wie Kuchen und typisch griechischen Gerichten wie beispielsweise Dakos – ein kretisches Gericht, das Giannousakis als „gesunde Bruschetta aus Gerstenbrot“ beschreibt. Und was ist wichtig, damit die Anwohner das Café annehmen? „Man sollte in der Gegend verankert sein, so dass einen die Leute auf der Straße treffen und man sich kennt“, meint Giannousakis. Das passiert auch an der Eberswalder Straße. Hier hat das Nothaft Seidel eröffnet, das zweite Caféprojekt von Lena und David Nothaft. Die Geschwister haben in Neukölln bereits das Café Geschwister Nothaft, beim neuen Projekt kam Lenas Freund Tom Seidel mit ins Boot. Auch hier wird in Berlin gerösteter Kaffee verkauft, auch hier sind alle Baristas in London bei der Speciality Coffee Association of Europe trainiert worden. Und auch dieses Caféprojekt wurde von anderen europäischen Städten beeinflusst. David Nothaft und Tom Seidel haben früher im Ausland gelebt, David in London und Barcelona, Tom in New York. „Wir wollten hier ein bisschen dieses Feeling haben wie in New York oder London“, meint David Nothaft und schaut sich im Cafй um. Das Konzept scheint aufzugehen, in seinem Café arbeiten Leute aus acht Nationen.

Die Entscheidung, das neue Café gerade in Prenzlauer Berg zu eröffnen, war kein Zufall. Nothaft und Seidel fanden, dass gerade dem ehemaligen Trendbezirk, der in den letzten Jahren zum schicken Familienrevier mutierte, ein unaufgeregtes, nachbarschaftliches Café dringend fehlt. „Ich habe früher hier gewohnt“, erzählt David Nothaft, „da war Prenzlauer Berg noch ein bisschen anders. Dann hat sich hier alles verändert, es wurde sehr schick, ich bin dann nach Neukölln gezogen“. Jetzt ist er zurück und bezirzt den Bezirk nicht nur mit gutem Kaffee, sondern auch mit selbstgebackenen Rührkuchen. Denen kann man im vorderen Teil des Cafés beim Entstehen zuschauen. Und wie im Bagel Coffee Culture gibt es auch hier wechselnde Kunstausstellungen an den Wänden. Die Anwohner nehmen das Café an, und zwar sowohl die jungen, internationalen Gäste, als auch die alte Nachbarschaft. Eine Tages kam eine ältere Frau vorbei, die vor langer Zeit in den Räumen des Cafés geboren worden war. „Sie hat uns Fotos mitgebracht und alles zu den Räumen erzählt, um 1900 war hier wohl ein Hutladen drin“, erzählt David Nothaft mit leuchtenden Augen. Und das ist ein Geheimnis der neuen Café-Bewegung: Sie bringen das neue internationale Berlin mit der alten Stadt zusammen.

Text: Annika Zieske

Fotos: Quinones, Esther Suave (Mitte) / HiPi

Bagel Coffee Culture Mehringdamm 66, Kreuzberg, Tel. 65 21 88 25, Mo-Sa 8-21 Uhr, So 9-21 Uhr

Myxa Lenaustraße 22, Neukölln, Tel. 68 32 44 47, Mo-Fr 11-2 Uhr, Sa 10-2 Uhr, So 10-1 Uhr

Nothaft Café Schönhauser Alle 43a, Prenzlauer Berg, , Mo – Fr 8 – 18 und Sa – So 9- 1

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