Essen & Trinken

Café Tiergarten: Auf einen Kaffee mit der Moderne

Drei junge Menschen mit Hang zur Kunst haben das Café Tiergarten wieder­belebt. Und arbeiten mit ansteckendem Enthusiasmus und gutem Geschmack an der ­Wiederentdeckung des Hansaviertels als einem urbanen Möglichkeitsraum.

Frische Ideen mitten im Erbe der Moderne: Das Café Tiergarten macht Spaß. Foto: Clemens Niedenthal

Die Markise strahlt wieder im authentischen Orange von 1957. Einem Farbton, denn man eher mit den plastikbunten 1970er-Jahren in Verbindung bringen würde. So ist das eben mit den Epochen, an die sich das kollektive Bewusstsein vor allem in Schwarz und Weiß erinnert.

„Die Stadt von Morgen“, so lautete das damals weniger selbstbewusst, als hoffnungsfroh intendierte Motto der IBA 1957. Mit Walter Gropius, Luciano Baldessari, Sep Ruf, Egon Eiermann oder Oscar Niemeyer waren fast alle stilprägenden Architekten der europäischen Nachkriegsmoderne vertreten. Nur Le Corbusier sollte seine Wohnmaschine stadtauswärts an der Heerstraße realisieren. Aber die hätte innerhalb dieses luftigen, vom Grün des Tiergartens und der Utopie einer offenen Stadtgesellschaft durchzogenen Ensemble auch buchstäblich jeden Rahmen gesprengt.

Die  Stadt von Morgen wurde zu einer Utopie von Gestern: Nie wieder nämlich wurde in Berlin, im großen Stil zumindest, so mutig und gleichzeitig so demokratisch wie hier im Hansaviertel gebaut. Irgendwann zog dann die Akademie der Künste aus ihrem traumschönen Düttmann-Bau am Hanseatenweg an den nach der Wiedervereinigung hektisch zusammengewürfelten Pariser Platz. Und auch das Café Tiergarten im von Fritz Jaenecke und Sten Samuelson entworfenen Schwedenhaus war zuletzt für einige Jahre geschlossen. Über Monate mussten die neuen Betreiber:innen die Vermieterin überzeugen, es nochmal mit der Gastronomie zu versuchen.

Leonie Herweg hat das Hansaviertel über ihren Großonkel kennengelernt. Der wollte im Alter noch einmal etwas erleben. Und zog nach Berlin, in einen 16. Stock im Hansaviertel, wo er noch heute, 97-jährig, lebt: „Als wir dann selbst nach Berlin gekommen sind, waren all unsere Freunde in Kreuzberg oder Neukölln, aber da wollten wir nicht hin. So kam das Hansaviertel wieder ins Spiel.“

Träumen von der Stadtgesellschaft im Café Tiergarten und dem Hansaviertel

„Wir“, das sind Leonie Herweg und ihr Lebensgefährte Simon Freud. Nicolas Mertens, ein Freund noch aus Frankfurt, mit Gastronomieerfahrung zudem, ist der Dritte im Bund. Kaum ins Hansaviertel gezogen, fiel der Blick der Kunsthistorikerin und Kuratorin auf ein leerstehendes Ladenlokal am Hansaplatz: „Also bin ich in den Bürgerverein eingetreten, um herauszubekommen, wer die Läden vermietet. So ist dann 2023 der Kunstraum Grotto entstanden, eine kleine, urbane Höhle für Kunst und Kultur.“

Im Café Tiergarten sitzt man auf Monoblocks. Foto: Clemens Niedenthal

Seit diesem Frühjahr ist, einmal quer über die Altonaer Straße, zum Kunstraum ein Café hinzugekommen, das historische Café Tiergarten. „Wir wollen“, so Herweg, „Räume schaffen, um das Hansaviertel neu zu beleben, dafür ist ein Café prädestiniert. Ein Kunstraum hat immer etwas elitäres, aber auf einen Kaffee zusammenzukommen oder abends auf ein Bier, das ist für ganz viele Menschen zugänglich.“

Bis dahin aber war es ein Weg. Und der begann mit einer Archäologie der Moderne. 67 Jahre nach der Eröffnung des Cafés wurden die originalen Farbschichten freigelegt und rekonstruiert. Weiß, Hellblau, Gelb, das Orange der Markise. An Bugholz-Tischen von Alvar Aalto stehen Stahlrohr-Stühle von Egon Eiermann, beide ja Hansaviertel-Architekten. Auf der Terrasse stapeln sich alpinweiße Monoblocks:„Die finden wir einfach toll, weil darin ein absolutes Urlaubsgefühl eingeschrieben ist. Zudem signalisieren sie neben all den Designklassikern, die ja ins Hansaviertel gehören, ein Spiel mt den Widersprüchen, das uns Spaß macht.“ 

Filterkaffee für vertrödelte Vormittage

Spaß machen soll das neue Café Tiergarten. Deshalb der Filterkaffee als Free Refill für vertrödelte Vormittage, deshalb das wunderbare, frisch gezapfte Landbier vom Barnimer Brauhaus für den Tagesausklang unter Tiergartenbäumen. Die noch kleine Karte vereint leckere Dinge, oft aus der Berliner Nachbarschaft. Brot und Kuchen von Domberger, Wein von Viniculture,  Focaccia von einem befreundeten Fotografen, der nun auch Focaccia backt. Auf den Trottoir markiert ein fast menschengroßer Bialetti-Espressokocher des Künstlers Stefan Marx das wiedereröffnete Café – und die Lust von Herweg, Freud und Mertens an jener künstlerischen Durchdringung des Alltags, für die damals, 1957, ja auch das Hansaviertel stand.

Einfach schick. Foto: Clemens Niedenthal

Kunstvermittlerin Leonie Herweg kooperiert deshalb mit der benachbarten Hansabibliothek, zudem lädt der „Yellow Salon“ im Café Tiergarten regelmäßig zu Künstlergesprächen. Urbane Möglichkeitsräume bei Fassbier, Blechkuchen und wirklich exzellentem Kaffee, Orte wie das Café Tiergarten braucht es mehr in Berlin.

  • Café Tiergarten Altonaer Str. 3, Tiergarten, Di–Do + So 10–18 Uhr, Fr+Sa 10–22 Uhr, online
  • Grotto Bartningallee 5 (Hansaplatz), Tiergarten, regelmäßige (Architektur-)Führungen durch das Hansaviertel, 12 Euro, online

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