Essen & Trinken

Clemens Niedenthal über Fräuleinwunder

Unsere Nahrung, und mehr noch ihre Inszenierung, taugt durch­aus zur lustvoll ausgestellten Nostalgie. Ein Köcheln im Gestern. Die Rezepte der Großmutter – oder irgend­einer von einem Kochbuchautor ausgedachten Großmutter –, ?im Emailbräter bereitet und auf Leinentüchern präsentiert. Von damals, als die Frauen noch „Fräulein“ genannt wurden. Jene zumindest, die keine Großmütter, Mütter oder zumindest Ehefrauen waren. Nun mag man an den emanzipatorischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts bedauern, dass die Küchenarbeit zwischen­zeitlich als allzu konservatives Rollenverhalten stigmatisiert worden war – die Tatsache, dass unverheiratete Frauen eben keine „Fräuleins“ mehr sind, bleibt unumwunden begrüßens­wert. Weshalb die Renaissance all dieser Fräuleins unter den kreativen, emanzipierten, jungen Gastro­unternehmerInnen auch nur bedingt mit einer retrophilen Ironie zu erklären ist. Also, liebe Fräulein Fiona (ein feines Restaurant in Charlottenburg), Fräulein Dickes (Feinkost in Friedrichshain), Fräulein Wild (Torten in Kreuzberg), Fräulein Burger (Burger in Mitte), Frollein Langner (Kneipe in Neukölln), Fräulein Frost (sehr gutes Eis) und Fräulein Brösel (sehr, sehr gute Schnäpse): Sollte diese Reminiszenz an überkommene Geschlechter­rollen tatsächlich mal ein guter Witz gewesen sein, so wurde er zumindest oft genug erzählt.

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