Fine Dining

Das Cell in Charlottenburg

In aller Deutlichkeit! Evgeny Vikentev wird als Star der russischen Küche gehypt. Sein Cell in der Uhlandstraße zeigt: So laut wie der Ruf sind seine Aromen

Foto: Aleksandra Stoliarova

Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis Evgeny Vikentev, Betreiber des Hamlet & Jacks in St. Petersburg und dort als Star der modernen russischen Gastronomie gehypt, sein Restaurant in der Uhlandstraße eröffnen konnte. Wie es aussieht? Offene, geometrische Schmiedeelemente um die Tische, eine Art Zellen-Aneinanderreihung mit leisen Bauhaus-Anklängen, ein ganz eigener Stil, der immerhin den Namen „Cell“ intuitiv begreifbar macht.

Auster, Sanddorn, Spirulina-Alge und japanisches Buchweizen-Koji, gefolgt von Muscheln, Steckrübe, Buchweizen und Yuzu – bei diesem Einstieg verpasst Vikentev saisonalen und regionalen Produkten auch eine gehörige Portion Internationalität. Und, zack, befindet man sich direkt in seinem „Time Step“-Menü: neun Gänge mit Fisch, Fleisch und Meeresfrüchten für 110 Euro. Alternativ „Roots Religion“ sein pflanzenbasiertes, vegetarisches Menü, ebenfalls neun Gänge und der gleiche Preis. Ente oder Trente, nur zwei Menüs, nichts à la carte, das ist mutig. Mutig ist auch der Kochstil, der durchaus polarisiert: Alle Speisen zeichnen sich durch eine intensive Aromatik aus und zeigen auf den Tellern, die der Küchenchef teilweise selbst gestaltet hat, eine sehr spezifische, mindestens polarisierende Handschrift. So kombiniert er etwa das kräftig marinierte Wildschwein Tatar mit Saiblings-Kaviar, Fichte und Klee. Erfreulicherweise fallen die Hauptgänge nicht ab. Das Hirschfilet ist auf den Punkt kurz vor medium, butterzart und harmoniert prächtig mit Kürbis, Schwarzkohl und Mandarine. Die „Roots Religion“ wird etwa mit Sellerie, Mimotte und schwarzem Trüffel oder einem Steinpilz-Tiramisu dann doch näher an der Küche als am reinen Produkt umgesetzt. Nur falls jemand Angst hatte, hier könnte es der nächste allzu brutal-puristisch meinen.

Unterm Strich ist das eine Aromen-Power, auf die man sich einlassen muss, denn eines ist Vikentevs Sache nicht: Dezenz. Für eine sehr gut korrespondierende Weinbegleitung (60 Euro), oder auch alkoholfrei mit Wasserkefir und Bullen-Molke, sorgt Chef-Sommelier Pascal Kunert (zuvor Cordobar). Er kann aus dem Vollen schöpfen, die Weinkarte, geordnet nach den klassischen europäischen Anbaugebieten, ist auch bei biologischen und biodynamischen Tropfen bestens aufgestellt.

Cell Uhlandstr. 172, Charlottenburg, Tel. 86 33 24 66, Di–Sa 18–22.30 Uhr, www.cell.restaurant

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