Essen & Trinken

Das Festival „Stadt, Land, Food“ – Die grünere Woche

Stadt, Land, Food

Die Sache mit den Schweinehälften ist noch nicht zu Ende diskutiert. Aber die Herren von der Innung sind schon mal begeistert. Zerlegen, selchen, wursten in einer ehemaligen Schule am Lausitzer Platz. Mitten in einer Nachbarschaft, in der man lange suchen müsste, um einen Betrieb der Berliner Fleischerinnung zu finden. Einige türkische Metzger vielleicht. Daneben noch die Fleischtheken der Bio-­Supermärkte. Darüber hinaus aber leben die Konsumenten und ihre Nahrungsmittel vor allem in einer, nun ja, ein­geschweißten Gemeinschaft.
Florian Niedermeier vom Team der Markthalle Neun findet das paradox. Sollten wir uns nicht eigentlich vor Essen ekeln, das seine Natur so gekonnt zu verbergen versteht? Der zu normierten Kuben zusammengeklebte „Formschinken“. Die bilderbuchorange Tiefkühl­karotte. „Stattdessen strebt die Lebensmittelindustrie danach, die Natur unserer Nahrung zu klausulieren. Der Konsument soll über die Biografie seiner Lebensmittel gar nicht erst ins Grübeln kommen.“
Genau deshalb wird An­fang Oktober, am Erntedank­wochenende, rund um die Kreuz­berger Markthalle Neun Wurst gewurstet, Sauerteig geknetet und Schnaps gebrannt. Das Festival Stadt, Land, Food will das Lebensmittelhandwerk zurück in die Stadt und unter die Menschen bringen. Mit all seinen Gerüchen und Geräuschen. Ursprünglich war das Festival als kritische Parallelveranstaltung zur Grünen Woche konzipiert. Gemeinsam mit dem agrarindustriekritischen Bündnis „Meine Landwirtschaft“, dessen „Wir haben es satt“-Demonstration zum selben Termin bereits mit der Antiatomkraftbewegung der Achtzigerjahre verglichen worden ist. Beinahe 30?000 Menschen hatten im Januar im Regierungs­viertel für eine transparentere, kleinteilig organisierte Lebens­mittelkultur protestiert.
Dass Stadt, Land, Food jetzt an einem eigenen Termin am Erntedankwochenende (2. bis 5. Oktober) stattfinden wird, scheint dennoch konsequent. Zum einen, weil das Erntedankfest auch in unserer säkularisierten Zeit ein starkes Symbol für die Bedeutung ist, die gute und ausreichende Ernährung für die Menschen hat. Zum anderen, weil Stadt, Land, Food keineswegs nur ein Protest-Event werden soll. Sondern durchaus auch eine Feier der leiblichen Freuden. Ein Ort, an dem sinnlich erfahrbar werden soll, was gleichzeitig in Vorträgen, Filmen und Podiumsdiskussionen verhandelt wird: die Zukunft unserer Lebensmittel, ja mithin unseres Lebensstils. Sei es als Kindertheater-­Inszenierung oder in einem religionsübergreifenden Erntedankgottesdienst.
„Wir wollen, dass die Nahrungsmittelkultur wieder ein lebendiger Teil der Stadt wird“, beschreibt Florian Niedermeier die Herzens­angelegenheit der Markthalle Neun wie von Stadt, Land, Food: „Essen ist nun mal ein Riesen­thema für jeden von uns, mehrmals am Tag. Und unsere Halle ?ist ja nicht nur Markt, sondern ?auch Marktplatz. Ein Platz, an dem die Öffentlichkeit zusammenkommt.“  
Zusammengekommen ist schon einmal eine große Allianz  an Partnern, die Stadt, Land, Food gemeinsam gestalten werden: „Meine Landwirtschaft“ und das Kulinarische Kino der Berlinale, die Händler und Produzenten der Markthalle, dazu ein wissenschaftlicher wie künstlerischer Beirat, dem etwa die kalifornische Gastronomin Alice Waters, Slow-Food-Gründer Carlo Pe­trini oder der Universalkünstler Peter Kubelka angehören. Schließlich soll sich Stadt, Land, Food als das alternative Food-Festival in Deutschland etablieren. Oder einfach nur als das Food-Festival.

Text: Clemens Niedenthal

Foto: Kai von Kotze

Stadt, Land, Food 2. bis 5. Oktober rund um den Lausitzer Platz und die Markthalle Neun

Weitere Informationen zu dem Festival finden Sie hier

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