Essen & Trinken

Thomas Struck über das Kulinarische Kino der 64. Berlinale

Das Kulinarische Kino, das im Rahmen der Berlinale in diesem Jahr bereits zum achten Mal ?läuft, hat sich in den Jahren nur marginal verändert. Von Anfang an ging es darum, Filme zu zeigen, die auf die eine oder andere Weise etwas mit dem großen Thema Essen zu tun haben. Dabei kann es sich um ökologische Themen handeln oder um Genuss. Vor allem aber geht es um soziale Themen, die beim Essen sehr stark miteinander verbunden sind.

Herr Struck, in diesem Jahr haben Sie das Kulinarische Kino unter das Motto „We like it hot … und lassen nichts anbrennen“ gestellt. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Das, was uns von allen anderen Lebewesen unterscheidet, sind der Gebrauch des Feuers und die Fähigkeit, zu kochen. Wir sind die kochenden Affen, sagt der Anthropologe Richard Wrangham. Doch das Feuer bedroht auch die Nachwelt, denn die Erwärmung des Globus hat ein beunruhigendes Ausmaß angenommen. Also tun wir etwas und lassen nichts anbrennen.

Das Kulinarische Kino möchte also nicht nur unterhalten, sondern auch aufrütteln?
Wir waren vor acht Jahren, als wir mit dem Kulinarischen Kino begonnen haben, das erste A-Festival, das sich des Themas Nahrung in diesem Umfang angenommen hat. Aus dem Verständnis, dass Nahrung für uns ein Kulturgut ist, passt das Thema perfekt in ein Festival, das ja einen Kulturauftrag hat.

Im Unterschied zu ähnlichen Veranstaltungen, die es zunehmend gibt, servieren Sie nicht nur intellektuelle Kost, sondern es gibt nach der Vorstellung auch etwas zu essen. Wie ist die Idee entstanden?
Da muss man etwas weiter ausholen. Essen und Film sind zwei Medien, sie sehr stark miteinander verbunden sind. Was vielen nicht bewusst ist: Die Kinos machen heute mehr Gewinn mit dem Verkauf von Fast Food als mit dem Zeigen der Filme. Man kann sogar sagen, die Kinos sind, und zwar schon seit den Fünfzigerjahren, so etwas wie Fast-Food-Paläste mit angeschlossener Projektion. Beim Kulinarischen Kino drehen wir das Rad rückwärts, wir praktizieren die Trennung des Films vom Essen.

Wie das? Stellen Sie nicht sogar einen direkten Bezug zum Essen her?
Der Zuschauer soll seine ganze Aufmerksamkeit dem Film widmen, soll es aushalten, über einen längeren Zeitraum mal nichts in sich hineinzustopfen. Danach aber bekommt er erstens etwas Anständiges zu essen serviert und zweitens etwas, das mit dem soeben Gesehenen zu tun hat. Die Emotionen aus dem Film gehen hinüber zum Essen. ?Und das macht allen Spaß. Aber es ist keine Eventgastronomie, wir verfolgen einfach diese Form von Inspiration.  

Wie entstehen die Menüs?
Der Koch schaut sich den Film an und lässt sich dann zu einem Menü inspirieren. Er hat da vollkommen freie Hand, es muss nichts aus dem Film sein, also keine Speise, die da vielleicht eine Rolle spielt.

Wonach suchen Sie die Köche aus?
Wir haben in diesen acht Jahren etwa mit einem Dutzend Köchen zusammengearbeitet. Ich versuche immer eine Mischung hinzu-bekommen von Köchen, die das Projekt schon kennen, und solchen, die neu sind. In diesem Jahr sind Daniel Achilles und Matthias Diether zum ersten Mal dabei. Die Köche haben schon Interesse, beim Kulinarischen Kino mitzumachen. Grundsätzlich kann man sagen, dass ich viel mehr besetzen könnte, als tatsächlich möglich ist.

In diesem Jahr sind die Roca-Brüder aus Spanien dabei, die mit ihrem Restaurant El Celler de Can Roca den 1. Platz auf der Liste der besten Restaurants der Welt belegen. Wie ist Ihnen das gelungen, die mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten Köche nach Berlin zu holen?  
Über unser Netzwerk sind wir auf den Film des katalanischen Künstlers Franc Aleu aufmerksam geworden. Er hat eine Dokumentaion über die drei Brüder aus der Stadt Gironda gedreht, über eine Idee, die sie haben. Eine gastronomische Oper. Wir haben dann gesagt, dass die Besucher der Berlinale schon enttäuscht wären, wenn die Rocas nicht auch kochen. Tatsächlich haben sie zugesagt.

Was ist für Sie das Spannende an „El somni“, dem Film über die Roca-Brüder?
Erst mal finde ich die Brüder interessant. Sie kennen die Gastronomie seit frühester Jugend, sind praktisch in der Küche des Arbeiter-restaurants ihrer Eltern aufgewachsen, haben sich dann weiterentwickelt, stehen ganz oben. Und suchen nun auch neue Felder, ihre Kunst in Beziehung zu setzen zur Musik, zum Film – und damit haben sie auch recht. Das Essen ist ein Werk auf Zeit. Anfangen, sich da messen zu wollen, die Hochnäsigkeit der Hochkultur erst mal zu ertragen, das ist schon interessant. Ich glaube, dass die Leute den Film sehr unterschiedlich bewerten werden.

Das Kulinarische Kino wird durch weitere Veranstaltungen ergänzt, das Youth Food Cinema etwa, das sich an die jüngeren Zuschauer richtet, oder die Tea Time, die jeweils 17 Uhr im Spiegelzelt stattfindet. Was erwartet die Gäste dort?
Die Tea Time ist uns sehr wichtig. Hier gibt es Talkrunden mit Schauspielern, Regisseuren, Autoren, bei denen wir die Möglichkeit haben, die Themen aus den Filmen noch einmal zu vertiefen. Am 11. Februar etwa wird es mit den Roca-Brüdern ein Gespräch über Wirklichkeit und kulinarische Träume geben, einen Tag später diskutiert Michael Naumann mit Regisseur Diego Luna und dem Produzenten und Autor Eric Schlosser über „The Human Factor“ in der Lebensmittel-branche. Die Talks sind kostenlos und wer sich für Hintergründe interessiert, sollte die Gelegenheit nutzen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was waren bisher Ihre Highlights?
„Food, Inc.“ im Jahr 2009 war ein Meilenstein, der Dokumentarfilm von Robert Kenner, der zusammen mit den Bestsellerautoren Eric Schlosser und Michael Pollan die verantwortungslosen Produktionsweisen der Lebensmittelindustrie aufdeckt. Auch der Auftritt von Ferran Adriа ist unvergesslich, wie er erklärt, welche gastronomische Bedeutung ein Glas Wasser hat, das war fantastisch. Und ich kann mich noch gut an den Weinabend mit Stuart Pigott erinnern, an dem er mit vier Winzern, einer großen Anzahl von Flaschen, zwei Gläsern in der einen Hand, das Mikrofon in der anderen, einen Weinabend gestaltet hat. Es wurde eine enorme Menge Flaschen geleert an dem Abend, mit allen Anwesenden. Sagen wir mal so: Der Rausch ist bei uns allen auch ein Teil des Themas. 

Interview: Marion Hughes

Foto: Ali Ghandtschi, Piero Chiussi / Berlinale (unten)

Termine:
Der Vorverkauf für das Kulinarische Kino beginnt ?am 3.2. um 10 Uhr an den zentralen Vorverkaufs-?stellen in den Arkaden am Potsdamer Platz, im Kino ?International und im Haus der Berliner Festspiele ?sowie online unter www.berlinale.de

Sonntag, 9.2.?“Final Recipe“, Regie: ?Gina Kim, Südkorea/-Thailand/Singapur 2013, Spielfilm, 98 Min.? Koch: Daniel Achilles

Montag, 10.2.?“El somni (The Dream)“, Regie: Franc Aleu, -Spanien 2014, ?Dokumentarfilm, 82 Min.? Koch: Hermanos Roca

Dienstag, 11.2.? „Zone Pro Site: ?The Moveable Feast“, Regie: Chen Yu-Haun, ?Taiwan 2013, Spielfilm, 145 Min.? Koch: Tim Raue

Mittwoch, 12.2.?“Bushi No Kondate ?(A Tale of Samurai ?Cooking – a True ?Love Story)“, ?Regie: Yuzo Asahara, Japan 2013, Spielfilm, ?121 Min. ?Koch: Michael Kempf

Donnerstag, 13.2.?“Natural Resistance“, ?Regie: Jonathan ?Nossiter, Italien 2014, Dokumentarfilm, ?83 Min. ?Koch: Matthias Diether

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