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Das zweite Wohnzimmer – Bierbaum 1 in Neukölln

Das zweite? Wohnzimmer - Bierbaum 1 in Neukölln

Ein bisschen erinnert das Ganze an diese typische Szene aus alten Western, in der ein Cowboy auf Durchreise die einzige Bar der Stadt betritt. Nur steht über so einer Bar in Berlin nicht Saloon, sondern irgendwas mit "-Eck". Vorsichtig öffnet man die Tür und muss ein bisschen blinzeln, um die Augen an das schummerige Licht und den Zigarettenrauch zu gewöhnen. Alle Köpfe drehen sich und mustern den Neuankömmling. Vielleicht verstummt sogar die Musik, was allerdings auch daran liegen kann, dass sich mal wieder keiner erbarmt  und ein paar Münzen in die Jukebox geworfen hat.
Das ist vor 16 Uhr häufig der Fall, denn dann herrscht in Berlins Eckkneipen eine eher bedächtige Stimmung. Stammgäste auf ihren Stammplätzen, die sich von entspannten Thekenkräften ihr Stammgetränk zapfen lassen. Manchmal gibt es auch Kaffee. Da ist es kein Wunder, dass Neuzugänge, zumal unter 35 und um diese Uhrzeit, ein paar verwunderte Blicke ernten. Aber, und das ist eine der vielen schönen Erkenntnisse dieser Geschichte, die Sie auf den folgenden Seiten lesen können: Verwunderung kann in einer solchen Kneipe ganz schnell in echtes Interesse umschlagen.  
Wer dem Wesen der Eckkneipe auf der Spur ist, der tut gut daran, zu jeder Tageszeit in diese Welt aus Eiche rustikal, Spitzengardinen und frisch Gezapftem einzutauchen. Das "zweite Wohnzimmer" des Berliners seien diese Läden, das hört man hier immer wieder. Und dieses Wohnzimmer kann erstaunlich vielseitig sein: Manchmal ein leicht bedrückender Raum, der unter den Rauchschwaden, den Sorgen und der Müdigkeit der Anwesenden den Kopf einzuziehen scheint. Dann, mit dem Feierabendverkehr auf den Straßen, kommt Leben in den Laden, die Gäste werden zahlreicher, lauter, jünger. Und am späten Abend, vor allem am Wochenende oder bei Fußballübertragungen, verwandelt sich so manche Kneipe in einen quirligen Schmelztiegel, in dem alt auf jung, ein bisschen betrunken auf sehr betrunken und aufgeregter Tourist auf abgeklärten Alteingesessenen trifft. Und, das ist das Erstaunliche: Fast immer funktioniert das.
Längst hat auch die U-30-Generation die Altberliner Kneipen für sich entdeckt. Es ist wieder hip, dem Traditionellen zu frönen, während sich Berlin wie im Zeitraffer ständig verändert. Es fühlt sich gut an: dieses abgegriffene Holz, der herzlich-raue Umgangston – und die Aufmerksamkeit der Menschen hinterm Tresen. Denn die sind das Herzstück jeder guten Kneipe. Sie hören zu, sie sorgen für Ordnung, sie hauen auch mal auf den Tisch. Und schaffen es trotzdem, ein kleines bisschen Heimeligkeit zu verbreiten. Von diesen echt beeidruckenden Frauen und Männern hinterm Tresen gibt es für die Stammgäste zum Herrengedeck bei Bedarf sogar eine Umarmung – zumindest aber ein Lächeln.

Text: Isabel Ehrlich?

Foto: F. Anthea Shaap

Bierbaum 1 Thomasstr. 9, Neukölln, durchgehend geöffnet

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