Berliner Köche

Der britische Koch Anton Michel

Scotch Eggs und ein dekonstruiertes Frühstück: Der noch immer ziemlich junge Anton Michel kocht wieder für Berlin. Er hat sich der britischen Küche angenommen

Anton Michel

Anton cooks. Very british indeed. Musste jetzt hier so stehen. Schließlich gab es vor knapp zwei Jahren schon einmal eine Restauranttür über der „Anton kocht“ gestanden hat. Am Wintefeldtplatz hatte der blutjunge Koch damals ein Pop-up-Restaurant eröffnet, dessen Exzellenz und Entschlossenheit in Windeseile durch das kulinarisch informierte Berlin geraunt worden war.  Dabei hatte das Projekt durchaus eine gewisse Fallhöhe: Anton Michel wollte die Berliner Küche rehabilitieren, ohne ihr ihre Authentizität zu nehmen: Berliner Schnitzel, so etwas stand damals tatsächlich auf der täglich wechselnden Karte. Berliner Schnitzel – das sind panierte Kuheuter.

Dagegen ist ein Scotch Egg – ein wachsweiches, fritiertes Ei im Hackmantel – ein fast vegetarischer Snack. So ein Scotch Egg steht jetzt im „Richwater & Mitchell“ auf der Karte. Genauso wunderbar mürbe Wildschweinrippchen mit Fries und Karottenpüree oder ein zum Salatteller dekonstruiertes „Full Englisch Breakfast“  – also Bacon, Tomate, Pilze und Ei.
Kurz: Anton Michel wird – von ein, zwei Gastropubs wie dem Gift in Neukölln oder dem Salt’n’Bone in Prenzlauer Berg einmal abgesehen – in diesen Tagen das erste zeitgenössische britsche Restaurant in Berlin eröffnen. Und damit die zweite Trumpfkarte seiner Biografie ausspielen: Der inzwischen 24-jährige Berliner ist nämlich auch ein Brite. Das Schulessen in London hat er noch auf der Zunge. Nach dem Abitur hat er bei Marco Müller im Rutz hospitiert und bei Kolja Kleeberg im Vau gelernt. Für einen Koch ist das eine beneidenswerte Kinderstube.
Danach dann „Anton kocht“  und der Vorsatz erstmal für eine „Grand Tour“ durch die guten Küchen Frankreichs zu tingeln. Die Liebe aber hat ihn in Berlin gehalten. Und auch im väterlichen Unternehmen, der Weinhandlung „Weinmichel“, gab es immer was zu tun.

Das ist aber nur die eine Wahrheit. Die andere erzählt von einer neuen Generation gut, nein exzellent ausgebildeter Köche, die sich vom rauen Ton und der deligierten Arbeit in den großen Häusern verabschieden und die auch nicht mehr unbedingt nach den Sternen kochen müssen. „Das hier ist Moabit, das ist der Beusselkiez, schon deshalb soll der Laden auch etwas nahbares, handfestes haben,  für zwanzig Euro kann man ein zwei Teller essen und ein, zwei Gläser trinken.“ Und außerdem: „Der Charme und Charakter eines Ladens lebt auch von seinem Publikum, ich wollte einen Ort, an den die Gäste, gern auch die Berliner Briten,  ganz alltäglich kommen.“ Deshalb gibt es, neben den durchaus formvollendet eingedeckten Tischen, immer auch fünf, sechs spontan zu belegende Plätze an der Bar.
Und es gibt Weine, großartigen Schaumwein zumal, von der Insel. Schließlich ist auch Anton ein „Weinmichel“. Und britischer Wein eine dem Königreich angemessen exzentrische, vor allem aber längst vorzügliche Sache. „Die Böden sind ja dieselben wie in der Champagne.“ Schließlich haben sich die britischen Inseln erst vor nicht einmal 10.000 Jahren vom Kontinent getrennt.

Ob er die Briten und ihre Esskultur denn um etwas beneide? „Um ihre Lässigkeit“, sagt Anton Michel. „In London bedeuten ein weißes Tuch, Silberbesteck und Bleikristall mitnichten, dass es ein steifer Abend wird. Gleichzeitig kann es passieren, dass man in irgendeinem Pub plötzlich vor einem Teller sitzt, den man in einem Sterneladen erwarten würde.“
Und  sonst? Britischer Käse sei schon sehr vorzüglich. Aber einige der Besten, Blue Cheese und Cheddar, bekommt Anton Michel ja ohnehin direkt vom großartigen Neal’s Yard Dairy auf dem Londoner Borough Market. Dann wären da noch diese rauchigen Austern aus der Konservendose, aber die bringt er einfach mit, wenn er seine Großeltern, und seine Mutter, mal wieder in Chelsea besucht.

„Richwater & Mitchell, Berlin & London“ steht auf dem Emailschild, das jetzt also über dieser Restaurantür in Moabit hängt. Und, ja, es sei durchaus eine Vision irgendwann auch mal in London zu Tisch zu bitten. Vielleicht dann ja wieder mit deutscher,  also Berliner Küche. Die Britenjedenfalls wären verwegen genug, um auch das mit dem Kuheuter einmal zu probieren.

Wiclefstraße 30, Moabit. Eröffnung voraussichtlich Donnerstag, 12. Januar. Ab dann donnerstags bis montags ab 18 Uhr. www.facebook.com/RichwaterMitchell

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