Essen & Trinken

Der Wilhelmine Speisesaal in Mitte

Der Wilhelminen Speisesaal

Wilhelmine Reichard wollte hoch hinaus. Als Luftfahrtpionierin lies sie sich im 18.Jahrhundert im Heißluftballon treiben. Dass Hugo de Carvalho sein erstes eigenes Restaurant nach jener Wilhelmine Reichard benannt hat, mag an der Adresse liegen. Sein Speisesaal liegt im Hinterhof des Gründerinnenzentrums in der Anklamer Straße. Jene Wilhelmine war ja im Wortsinne eine (Be-)Gründerin. Es passt aber auch zu de Carvalhos Küche. Das Utopische, die höheren Sphären – schon als Küchenchef im HBC in der Karl-Liebknecht-Straße stand der gebürtige Brasilianer ja für einen Stil, der das Handwerklich-Handfeste genauso zu schätzen wusste wie Produkte und Präsentationsformen, die man bis dato eher aus der Haute Cuisine gekannt hatte. Foie Gras, Alba Trüffel oder ein Wodka-Shot samt Nordsee-Auster, auch im Wilhelmine Speisesaal kocht er wieder genreübergreifend. Nur dass das heute – siehe ein Restaurant wie das Neuköllner Industry Standard – eben zum guten gastromischen Ton gehört.
Hugo de Carvalho kann als ein Pionier dieser Entwicklung gelten. Im HBC hatte er der Clubkultur das Kulinarische wenn schon nicht bei- so doch zumindest mitgebracht. In der Weinbar Maxime begleitete er später die Avantgarde im Glas mit eben solchen Tellern.
Die Wilhelmine ist jetzt also sein Speisaal. Es gibt vier viergängige Menüs (vegetarisch ?25 Euro, Fisch, Geflügel und Fleisch je 44 Euro), deren Gänge auch einzeln bestellt werden können. Immer ist da ein Hauptgang, der im guten Sinne satt macht. Zweierlei von der Maispoularde mit Dreierlei vom Mais etwa. Immer ist da ein sehr zeitgenössisches, manchmal vielleicht zu nonchalantes, aber nie anbiederndes Spiel der Aromen. Da die Röstnoten des angekohlten Gemüses, dort der Dialog von Pulpo und Zwiebelmettwurst auf geräuchertem Kartoffelpüree.
Unter der Woche gibt es einen fair kalkulierten, handwerklichen Mittagstisch. Und im Sommer – auch wenn der, zugegeben, fern ist – einen lauschigen Hinterhof.

Text: Clemens Niedenthal

Foto: Javier Moha

Wilhelmine Speisesaal, Anklamer Straße 38, Mitte, ?Tel. 44 30 80 01, Mo 12.30-15 Uhr, ?Di-Fr 12-23 Uhr, Sa 19-23 Uhr, So 11-15.30 Uhr?

www.wilhelmine-speisesaal.de?

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