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Die besten Bars in Berlin

Die besten Bars in Berlin

Zum Perro Loco („tollwütiger Hund“) in der Sonntagsstraße am Ostkreuz gehört eine englische Bulldogge namens Whisky, deren Körbchen ein Whisky­fass ist. Der Ruf „Whisky – Fass!“ bedeutet also nichts weiter, als dass dem Hund geboten wird, ins Fass-Körbchen zu verschwinden. Ein charmanter Running Gag. Wie das Perro Loco überhaupt einigen Charme hat. Einen ganz eigenen zudem. Zunächst einmal fallen Thomas Fender und Peggy Knuth, die beiden Betreiber der Friedrichshainer Bar, durch ihre großflächigen Tattoos auf. Die tätowierte Lilie am Hals von Fender ist auch das im gesamten Laden präsente Markenzeichen des Perro Loco, das seine Drinks in schweren Vintage-Kristallgläsern serviert.

Wer also noch die schnieken, oft elegisch-anonymen Hotelbars mit dem Begriff Cocktail­kultur verbindet – im Perro Loco visualisiert sich bereits eindrücklich und exemplarisch, dass Berlin längst ganz anders trinkt: lustvoll, lässig – und vor allem ent­deckungsdurstig und kenntnisreich. Alles Entscheidende passiert im Glas. Nicht mehr im kalkuliert coolen Mienenspiel auf beiden Seiten des Tresens.

Von Whisky, der Bulldogge, weiter ins Tier, die Bar. Entstanden ist die noch in einer Zeit, als es dort, rund um die Neuköllner Weser­straße, einzig Schrammelkneipen gab. Ladenlokal angemietet, Kühlschrank aufgestellt, Bier rein – fertig war die Bar. Tier-Betreiber Sven Abel, der in einem früheren Leben mal Regisseur und Comic­zeichner war, sorgt mit seinem Humor für den Charme des Ladens. Und legt Wert darauf, dass die Bar „Tier“ und nicht „Das Tier“ heißt. Auf einem TV-Schirm ist im Dauerloop die weiße Katze des James-Bond-Gegners Blofeld zu sehen. Tier und die Tierpfleger, so die interne Bezeichnung der Barleute, leisten es sich, etablierte Standards wie Cosmopolitan, Caipirinha und Mojito gar nicht zu servieren.

„Wir wollen die Leute überzeugen, dass es was Besseres gibt“, so Abel. Und dass ein Abend in der Bar eben für neue Geschmacks­erfahrungen, ja Sinnes­eindrücke stehen sollte. Und nicht für das Festhalten an einem Longdrink­glas und den Klischees des kultivierten Rausches. Gerührt, nicht geschüttelt. Für Tier-Freunde gibt es sogar eine besondere Auszeichnung: Wer als Stammgast einen komplexen Wissenstest zu Spirituosen besteht, dem wird die Auszeichnung „Chevalier du Schnaps“ verliehen, die einhergeht mit dem Recht, monatlich eine ganz besondere Spirituosen­ration zum Sonderpreis zu erwerben. Außerdem versucht die Tier-Crew,  so wenig Wodka wie möglich auszuschenken: „Ganz einfach, weil er eher eine fade Zutat ist“, sagt Abel. Ganz darauf verzichten kann er allerdings nicht. Dafür werden dann doch zu viele Moscow Mule bestellt, wo der Wodka eben nicht zu kompensieren ist.

Wer die Berliner Barkultur begreifen will,  kommt um den Wodka ohnehin nicht herum: Er war das Funktionsgetränk durchtanzter Nächte. Wodka verhielt sich – auf Eis, im Cocktailglas, mit Red Bull – zur elektronischen Tanzmusik wie das Flaschenbier zur Strom­gitarre. Jeder Klang hat seine Droge. „Clubnächte erfordern einen klaren Kopf und eine gute Physis, deshalb wurde Wodka das Getränk der Neunzigerjahre“, sagt etwa Heinz Gindullis, der mit seinem Cookies eine eindeutige Signatur dieser Zeit geschaffen hatte. Seit dem Sommer ist der Club – nach 20 durchtanzten Jahren – Geschichte. Vor wenigen Tagen hat Gindullis just dort das Crackers eröffnet. Ein Haupt­stadtrestaurant im besten Sinne. Am Kopf­ende, natürlich, die zentrale Bar.

Der Weg in die Bar – genauer: in diese neue, lässige, aber auch verdammt kenntnisreiche Berliner Barlandschaft – kommt also aus verschiedenen Richtungen. Und eine davon ist eben die Präsenz „harter“ Alkoholika in der Tanzkultur der Mittejahre. High-Class-Drinking ist ein Trend, der mindestens bei Teilen des ausgehfreudigen Publikums das Clubbing abgelöst hat. Die in opulentem Art dйco eingerichtete Bonbon Bar in der Torstraße etwa ist mit ihren DJs ein Beispiel für den fließenden Übergang zwischen Club und Cocktail. Aber auch im Dean oder im angenehm unprätentiösen Melody Nelson fängt das Trinken zwar noch immer mit T wie Tanzen an, doch der Mix des Barkeepers hat auch den Remix des Disc­jockeys abgelöst.

Die besten Bars in Berlin

David Wiedemann, Grandseigneur der Berliner Bar­szene, Eigentümer des legendären Reingold in der Novalisstraße und der Barschule Berlin, in der viele Protagonisten der heutigen Bars­zene ihre Ausbildung absolviert haben, sieht die Berliner Barkultur „längst auf einem auch international respektablen Level angekommen“. Gerade wurde Marco Weinhold von der mindestens ob ihres Panoramablicks über Tiergarten und City West spektakulären Monkey Bar im Dachgeschoss des 25hours Hotel zum Barkeeper des Jahres gekürt.

Doch die Zeit, da man Cocktails fast ausschließlich in Hotelbars trank, ist Vergangenheit. Wichtige Mix-Stätten der frühen Jahre waren Harry’s New York Bar im Esplanade und das Marlene im Interconti. In dieser ersten Epoche der Barkultur Berlins wurden amerikanische Klassiker nachgemixt. In der Fasanenstraße in Wilmersdorf entstand mit der Cocktailbar Rum Trader (seit 1976, und damit älteste Cocktailbar Berlins), dem Fasan 47 und vor allen Dingen der legendären Galerie Bremer (1947–2009) die Keimzelle amerikanischer Cocktail­kultur in Berlin. Danach war Schöneberg die Gegend mit der größten Bardichte. Mit dem Jansen, dem Hudson, dem Green Door, der Bar am Lützowplatz gibt es dort einige Klassiker, die bis heute existieren.

Für die zweite Evolutionsstufe der Berliner Cocktailkultur war die Victoria Bar auf der Potsdamer Straße prägend. Nicht nur, dass Mitinhaber Stefan Weber schon 2001 vom „Gault Millau“ zum Barkeeper der Jahres ernannt wurde und dass mit Beate Hindermann eine der großen Ladys der West-Berliner Bar­geschichte mitmixt – die Victoria Bar machte sich einerseits durch ihre vielen Eigenkreationen einen herausragenden Namen, andererseits durch ihren schon legendären pädagogischen Eifer, dem Publikum mehr über die Getränke und Trink­kultur beizubringen.
Nun also ist die dritte Epoche der Cocktailkultur angebrochen, manche nennen sie das Mixology-Zeitalter. Es gibt immer mehr Frisches und Hausgemachtes, die Trend­bars rühren ihre eigenen Sirups an, verwenden ­frische Produkte, kre­ieren eigene Liköre, infusionieren Spirituosen mit extrahierten Aromen.

Der Bartender zelebriert einen Habitus und ein Handwerk, das dem des Chefkochs in einem gehobenen Restaurant gleichkommt. Und so spricht man bereits von der Epoche der Liquid Cuisine. Ganz wörtlich genommen etwa in der zum Jahresbeginn eröffneten Bar am Steinplatz: Christian Gentemann hat sich für seinen „Garten im Glas“ an den Farben und Aromen eines vegetarischen Fine Dinings orientiert. Und das Locke Müller am Spreewaldplatz bringt Gorgonzola und Birne ins Glas.

Distinktion geht durch den Gaumen, zumal in dieser Epoche des Kulinarischen: vormittags handgebrühter Kaffee, mittags ein frisch durch den Wolf gedrehter Burger, nach dem Büro erst ein Craft-Bier und später ein kenntnisreich gemischter Drink. Und wer zuvor lieber noch stilvoll diniert, hat es danach häufig nicht weit: Ob im Pauly Saal oder Katz Orange in Mitte, dem Martha’s in Schöneberg, dem Marques und Raclette in Kreuzberg – bei vielen Restaurants gehört die eigene Cocktail­karte zum guten Ton.

Die bemerkenswertesten Drinks auf unserer Reise durch die neue Berliner Barszene erhielten wir aber fraglos in der Bryk Bar von Carsten Schröder und Frank Großer in Prenzlauer Berg, die erst seit diesem Frühjahr geöffnet ist. Jedes Detail ist durchdacht, vom stilvollen Interieur bis zum mit Dill gewürzten Popcorn, das als Knabberbeilage gereicht wird. Frank Großer, gebürtiger Berliner, war elf Jahre im Ausland unterwegs, arbeitete in Wien, Vancouver und in St. Moritz, dort an der Bar des Kempinski Hotels.
Den distinguierten Fünf-Sterne-Background merkt man ihm in jeder Sekunde an. Spektakulär sind in der Bryk Bar nicht nur die Namen seiner Drink­kreationen, sondern auch die Inhalte und die Gesamtaufmachung: Ein „Crocodile Dundee Is Hunting!“ besteht aus Oktopus-infusioniertem Wacholder, haus­gemachtem Gurken-Thymian-Likör, Marmelade und Säure. Gäbe es für Cocktailbars Michelin-Sterne, dürfte hier womöglich das Prädikat „einen längeren Umweg oder eine Reise wert“ angebracht sein.Woran liegt es, dass Cocktails so populär sind und bei Nachtkultur- wie Esskultur-Aktivisten immer populärer werden? Ein guter Bartender hat die Möglichkeit, seinen Gast durch seine Mixturen auf einen Trip zu schicken. Und so erscheinen zehn oder auch mal 15 Euro für eine solche Reise nur auf den ersten Blick teuer. Schließlich geht es nicht (nur) um den Rausch. Es geht um das Berauschende neuer Geschmacks-, ja Sinnes­erfahrungen. Die Schule der Trunkenheit, um noch einmal die Macher der Victoria Bar zu zitieren, ist vor allem eine des Geschmacks. Und mehr noch des Wahrnehmungsvermögens.

Darüber hinaus passt die neue Lust am Cocktail mit seinen sorgsam gewählten Zutaten auch – Alkohol hin oder her – zum gestiegenen Bewusstsein für Ernährung, für Produkte und ihre Inhalts­stoffe. Die Sorge um sich selbst und ein beschwipster Hedonismus, gemeinsam sitzen sie an der Cocktailbar.

Der beeindruckendste Freigeist dieser neuen Trinkkultur ist Attalay Aktas, der mit seinem Partner Yalcin Celik die Schwarze Traube – dunkle Farben, schummriges Licht, unangestrengte Atmosphäre – in der Wrangelstraße betreibt. Attalay kommt als einziger der von uns besuchten Läden ganz ohne Getränkekarte aus. Welches Getränk der Gast am Ende erhält, ist Resultat eines Dialogs mit den Barleuten, und in den allermeisten Fällen gelingt es ihnen, ihr Gegenüber zu verblüffen, zu begeistern oder zu überraschen.

Die besten Bars in Berlin

Wir fragen ihn, ob und was er eigentlich selbst trinkt. „Ich lebe nach der Devise: Don’t get high on your own supply“, sagt er.

Dagegen bekennt Kilian Hohls vom ­Velvet in Neukölln freimütig: „Wir stehen halt auf Schnaps“ – und gibt Einblick in die Jagd nach Spirituosen, die möglichst exklusiv nur bei ihm zu finden sind. Uns beeindruckt der Safran-Likör „Chambon & Sambet“, der als Mix­zugabe für einen einzigartigen Flavour sorgt. Das Velvet ist auch Partner einer neuen Veranstaltungsreihe, der Barkin’ Kitchen. Hier gibt es zu einem Dinner statt Wein eine Cocktail­begleitung.

Kulinarische Verweise der etwas derberen Art erwarten uns derweil in der Torstraße – vorausgesetzt, man hat das dem Glamour der Zwanzigerjahre verpflichtete Butcher’s erst einmal gefunden. Um nämlich in die Räumlichkeiten einer ehemaligen Fleischerei zu gelangen, muss man zunächst durch den Currywurstladen an der Frontseite zur Straße gehen, um dort im WC-Bereich auf eine britische Telefonzelle zu stoßen. Darin befindet sich eine Klingel, mit der man um Einlass bitten kann. Drinnen gibt es dann die Bar, an der die Spirituosen an Fleischerhaken befestigt sind und eine Karte mit einigen außergewöhnlichen Drinks wie dem „Bearnuckle­“ auf Jalapeсo-Basis. Schade nur, dass der Geheimtipp nicht mehr so geheim ist und sich am Wochenende in Stoßzeiten vor der Telefonzelle eine lange Schlange bildet.

Eine Klingel hat auch das Buck and Breck, das ebenfalls sehr versteckt in der Brunnenstraße liegt und gerade mal Platz für 14 Gäste bietet. Die kleine Bar von Mix-Koryphäe Goncalo de Sousa Monteiro gilt Kennern als eine der besten der Stadt. Und wie für alle anderen Spitzenbars gilt hier: Reservieren ist ratsam, und es ist meist nicht empfehlenswert, in größeren Gruppen aufzutreten. Überhaupt sollte sich, wer bei den Top-Adressen im Zwölfer­pack anrauscht und womöglich nicht eingelassen wird, nicht allzu sehr grämen: Mixen kostet Zeit, und gerade am Wochen­ende sind größere Gruppen kaum adäquat zu bedienen.

Dabei ist Aufmerksamkeit – jene des Gastes und jene des Gastgebers – vielleicht der größte gemeinsame Nenner dieser neuen Berliner Barkultur. Und ein Rausch ist ent­gegen anders lautender Gerüchte doch gerade dann am schönsten, wenn man sich noch an ihn erinnern kann. Und an die berauschenden Geschmacks­erlebnisse.

Text: Jürgen Laarmann und Clemens Niedenthal

Fotos: Kai von Kotze

Adressen:

Bar am ­Steinplatz Steinplatz 4, Charlottenburg, Mo–So ab 16 Uhr

Bonbon Bar Torstraße 133, Mitte, Mo–So ab 19 Uhr, www.bonbonbar.de

Bryk Bar Rykestraße 18, Prenzlauer Berg, Mo–So ab 18 Uhr, www.bryk-bar.com

Butcher’s Torstraße 116, Mitte, Di–Sa ab 20.30 Uhr, www.butcher-berlin.de

Crackers Friedrichstraße 158, Mitte, ?Mo–So ab 18 Uhr, www.crackersberlin.com

Dean Rosenthaler Straße 9, Mitte,Do ab 21 Uhr, Fr+Sa ab 20 Uhr, www.amanogroup.de/eat-drink/dean/

Harry’s New York Bar Lützowufer 15, Tiergarten, ?Mo–Sa ab 17 Uhr, www.esplanade.de

Locke Müller Spreewaldplatz 14, Kreuzberg, Mo–Sa ab 19 Uhr, www.facebook.com/LockeMueller

Marlene Budapester Straße 2, Tiergarten, tgl. ab 12 Uhr, www.berlin.intercontinental.com/gastronomie/marlene-bar

Melody Nelson Novalisstraße 2, Mitte, Mo–Sa ab 19 Uhr, www.facebook.com/melody-nelson-bar

Monkey Bar Budapester ?Straße 40, ?Charlottenburg, tgl. ab 15 Uhr, www.25hours-­hotels.com

Perro Loco Sonntag­straße 5, Friedrichshain, Di–Sa ab 18 Uhr, www.perroloco-­berlin.de

Reingold Novalisstraße 11, Mitte, Di–Sa ab 19 Uhr, www.reingold.de

Rum Trader Fasanenstraße 40, Wilmersdorf, Mo–Fr ab 20 Uhr, Sa ab 21.30 Uhr

Schwarze Traube
Wrangelstraße 24, Kreuzberg, Mo–So ab 19 Uhr, www.facebook.com/schwarzetraube1

Velvet Ganghofer Straße 1, Neukölln, Di–Sa ab 20 Uhr, www.velvetberlin.de

Victoria Bar Potsdamer Straße 102, Tiergarten, tgl. ab 18.30 Uhr, www.victoriabar.de

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