Essen & Trinken

Die Frau hinter der Bar

BartenderMarcellaHeuser

Marcella Heuser hinter ihrem Tresen in der Marlene Bar

Geschäftig hantiert Maureen Reichel hinter dem Tresen. Die zierliche 29-Jährige mit dem Pferdeschwanz schält Limetten, presst Saft aus Zitronen. Früher Samstagabend. Im Stagger Lee bereitet man sich auf eine lange Nacht vor. Schon nimmt der erste Gast auf einem der schweren Ledersessel Platz, beugt sich vor und winkt Maureen heran: „Mäuschen, hol mir mal den Barkeeper.“ Maureen Reichel kennt das schon, noch immer wird die gelernte Kosmetikerin auf das Klischee der Service-Maus reduziert, die keine Ahnung von Spirituosen hat. Dabei liegen hinter der Besitzerin einer der besten Bars in Deutschland, wozu das Fachmagazin „Mixology“ das Stagger Lee 2012 kürte, acht Jahre Barkeeper-Erfahrung und eine Intensiv-Ausbildung an der Barschule Berlin.

Oder wenn Männer sich im Stagger Lee auf eine Barkeeper-Stelle bewerben, dann verlangen sie auch meist „den Chef“. „Dann mache ich mir einen Spaß und erzähle, der Boss heißt tatsächlich Stagger Lee“, sagt sie und grinst, denn die Bar wurde nach einem Kriminellen aus dem St. Louis des späten 19. Jahrhunderts benannt. Frauen hinter dem Tresen haben es noch immer schwer. Auch in Berlin, wo die Trends in der Barkeeperszene gemacht werden, ist der weibliche Mixer oft noch ein ungewohnter Anblick. „Klar ist es nicht einfach, in einer Männerdomäne zu arbeiten“, sagt Maureen. Trotz aller negativen Erfahrungen überwiege aber das Positive – und die Bar sei nun mal genau ihr Ding.

Tatsächlich werden Frauen wie Maureen immer mehr: „Seit fünf, sechs Jahren sind die Barmaids definitiv im Kommen“, sagt Lysann Gutenmorgen. Die 31-Jährige ist nicht nur deutsche Vizemeisterin im Barmixen, sondern auch im Vorstand der  Deutschen Barkeeper-Union Berlin-Brandenburg. „Vor einigen Jahren waren nur ganz wenige Frauen in meinem Kurs“, erzählt die Expertin, die als Ausbilderin an verschiedenen Barschulen arbeitet, „heute ist das Geschlechterverhältnis fast ausgeglichen.“ In der Praxis sieht das noch anders aus. Eine Blitz-Umfrage unter Berliner Nachtschwärmern ergab, dass sich kaum einer da­ran erinnern kann, dass überhaupt jemals eine Frau seinen Cocktail gemixt hat.

BartenderKonstanzeGeissler„Ich finde, es gibt es immer noch viel zu wenige von uns“, sagt Constanze Geißler (Foto). Die Barchefin der Duke-Bar im Ellington Hotel ist bekannt in der Branche, auch international. Das Missverhältnis habe man gut beim Bar Convent im Oktober beobachten können, sagt sie. Das jährliche Branchentreffen gilt als die wichtigste Veranstaltung ihrer Art in Europa – mit vielen Auszeichnungen in diversen Kategorien. „Aber wieder war keine einzige Frau unter den Nominierten.“ Constanze würde im Duke gerne mehr Frauen anstellen, aber „bei mir bewerben sich auf eine Barkeeper-Stelle fast nur Männer. Das Verhältnis ist etwa eins zu zehn.“ Das liege wohl auch daran, dass der Beruf Frauen viel abverlangt.

Nachtschichten, Wochenenddienst: „Um so viel zu erreichen wie ich, muss man sich richtig reinhängen“, sagt die Barchefin nachdenklich. „Ich bin jetzt 33 und habe keine Kinder, das hat schließlich einen Grund.“ Auch sie kennt skeptische Blicke männlicher Gäste, die ihr etwa keine kompetente Wiskeyberatung zutrauen. Dann punktet sie mit Fachwissen. Und mit Kreativität. Und die körperliche Arbeit? Ein solches Argument lässt sie gar nicht erst zu.

Auch Marcella Heuser packt selbst an. Die 24-Jährige kommt gerade aus der Hintertür der Marlene Bar im Hotel Intercontinental. „Ich war am Kisten schleppen“, entschuldigt sie die Verzögerung. Und schlüpft schnell hinter den Tresen, um einen Pink Panther zu mixen, eine Eigenkreation, die es gleich auf die Karte schaffte. Gekonnt wirft sie einen Eiswürfel in die Luft und fängt ihn mit ihrem Shaker wieder auf – ein bisschen Show muss sein. Im Januar erst hat sie ihre Ausbildung als Restaurantfachfrau abgeschlossen. Weil der Chef ihr Talent als Mixerin erkannte, durfte sie dann hinter die Bar wechseln. Dort freue man sich sowieso über jedes weibliche Gesicht, „denn gerade in Kongresszeiten sitzen hier tausend Männer in Anzügen herum“, sagt Marcella.

Die Barkeeperin fällt auf – das hat auch unerfreuliche Folgen. „Täglich“, antwortet sie knapp auf die Frage, wie oft sie und ihre Kollegin sich gegen unerwünschte Avancen wehren müssten. Das gehe vom Kompliment für die „süßen Grübchen“ bis hin zur Einladung aufs Zimmer und einer detaillierten Notiz auf der Rechnung, was der Gast gerne mit ihr dort anstellen würde. Was dann hilft? Ein Chef, der den Rücken stärkt und der auch schon mal besagte Rechnung zur Rezeption bringt, wo der Gast dann zur Rede gestellt wird.

Die Leute hinter der Bar als Sex-Objekt – das gibt es natürlich auch. In beide Richtungen. Maureen Reichel würde ihre Bar Stagger Lee gerne mit einer kompletten Frauenmannschaft betreiben. Doch mitten im Schwulenkiez rund um den Nollendorfplatz wäre das wohl geschäftsschädigend. „Die Jungs hier wollen schließlich auch was fürs Auge haben“, sagt sie und lacht.

Text: Johanna Rüdiger

Fotos: Gerd Metzner 

ADRESSEN:

Barschule Berlin Chausseestraße 10, Mitte, Tel. 54 48 25 72, www.cms.barschuleberlin.de

Stagger Lee Nollendorfstraße 27, Schöneberg, Tel. 29 03 61 58, www.staggerlee.de

Duke-Bar im Ellington Hotel Nürnberger Straße 50-55, Charlottenburg, Tel. 683 15 40 00, www.duke-restaurant.com

Marlene Bar im Intercontinental Budapester Straße 2, Tiergarten, Tel. 26 02 12 53, www.berlin.intercontinental.com

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