Essen & Trinken

Die Henne und das Ei

Felix zu Löwenstein

Dem Ei geht es gut. Zumindest auf den Berliner Speisekarten. Dort spielt das 63-Grad-Ei kühn mit den Konsistenzen, hier dampft das Scotch Egg in herzhafter Bar-Food-Seligkeit, da entführt ein Њuf cocotte in die French Cuisine. Es wird pochiert und gewendet, hart gekocht und eingelegt. Keine Frage, das Ei ist von der Zutat wieder zu einem Haupt­darsteller geworden. Und klar, das hat mit der Internationalisierung der Hauptstadtküche zu tun. Mit kalifornischem Frühstück und israelischem Lunch. Aber auch mit den inneren Werten dieses grundsätzlichsten aller Nahrungsmittel. Ein einfaches Ei bringt einen schon mal über den Berg. Über den Berg aber ist das Ei noch lange nicht. Ein Gespräch mit Felix zu Löwenstein, Vorstand des Bundes für Ökologische Landwirtschaft, des Dachverbands der deutschen Ökoverbände, über industrialisierte Mastbetriebe, billige Hühner und über Geschichten vom ­Bauernhof.

Felix zu Löwenstein ist Landwirt, Agrarwissenschaftler – und Vorstand
des Bundes für Ökologische Landwirtschaft (www.boelw.de). Hühner hält er
keine mehr, mit seinen 220 Tieren konnte der Bio-Bauer nicht ökonomisch
wirtschaften

tip Herr zu Löwenstein, jedes fünfte im Einzelhandel verkaufte Ei kommt bereits aus einem zertifizierten Bio-Betrieb. Warum ist gerade das Ei das mit Abstand erfolgreichste deutsche Bio-Produkt?
Felix zu Löwenstein?Weil der finanzielle Aufwand für die Entscheidung so überschaubar bleibt. Der Mensch isst statistisch betrachtet 290 Eier im Jahr. Lassen Sie das Bio-Ei 15 Cent teurer sein, dann reden wir von gut 40 Euro. Anders beim Brathuhn, das braucht Auslauf, Platz, Bio-Futter – es kostet in der Aufzucht statt 80 Cent 2,50 Euro. Weil nur wenige verkauft werden, steigen zudem die Logistikkosten. Im Laden kostet’s dann acht Euro statt drei Euro. Das wird dann nicht mehr aus­gegeben.

tip Das Bio-Huhn ist uns also schlicht zu teuer?
Felix zu Löwenstein Umgekehrt: Das konventionelle Huhn ist schlicht viel zu billig. Einen Großteil der Kosten zahlt die Umwelt – die Wasserwerke für Nitrat­über­lastung oder wir alle für Anti­biotika-­Resistenzen. In der Hühnerhaltung ist die Industrialisierung der Produktion am meisten fortgeschritten. Es gibt Schlachte­reien, da werden pro Stunde 30?000 Tiere geschlachtet – in industriell durchgestylten Anlagen.

tip Was sollte der Weg sein – alte Rassen, kleinteilige Betriebe, Zweinutzungshühner?
Felix zu Löwenstein Die modernen, tatsächlich optimierten Rassen haben entweder eine hohe Lege- oder eine hohe Mastleistung. Bei Legehennen heißt das zudem, dass die männlichen Küken getötet werden, sie legen keine Eier. Nun gäbe es Mehrnutzungs­hühner. Aber die legen statt 300 Eiern im Jahr vielleicht 180 – das Ei müsste doppelt so teuer werden. Gleichzeitig wächst das Tier in der Mast auch langsamer, braucht also mehr Futter. Mehr pflanzlichen Input zu verbrauchen, um mehr tierischen Output zu erzeugen, das kann es auch nicht sein. Ein klassischer Zielkonflikt.

tip Das Berlin-Brandenburger Projekt Ei Care vernetzt­ Landwirte, die wieder auf Zwei­nutzungs­rassen setzen, und vermarktet deren Erzeugnisse …
Felix zu Löwenstein … und ich sage nicht, dass das nicht der richtige Weg ist. Es sind nur über Jahrzehnte mit wahnsinnig viel Geld diese spezialisierten Rassen gezüchtet worden, das holt man nicht in zwei Jahren wieder auf. Die Vielschichtigkeit dieser Debatte muss kommuniziert werden. Auch das verstehe ich unter einer nachhaltigen Landwirtschaft.

tip Kann da der gegenwärtige Trend zur kulinarischen Verfeinerung helfen, sozusagen die Lust auf das besondere Ei?
Felix zu Löwenstein Da gleicht ein Ei doch zu sehr dem anderen, um sprichwörtlich zu antworten. Jeder auch nur halbwegs klare Gaumen kann schmecken, warum etwa ein Märkisches Sattelschwein aus Freilandhaltung die bessere, nachhaltigere Wahl ist als das Schnitzel aus dem industrialisierten Mastbetrieb. Beim Ei funktioniert das so nicht. Was aber funktioniert: dem Kunden die Geschichte hinter dem Produkt erzählen, ihn zum Beteiligten an einem Projekt für eine bessere Landwirtschaft machen.

tip Es reicht also nicht, im Supermarktregal zum zertifizierten Bio-Ei zu greifen?
Felix zu Löwenstein Alle Produkte, die als „bio“ oder „öko“ ausgelobt werden, unterliegen den gesetzlichen Bestimmungen – egal, ob im Hofladen oder beim Discounter. Wer sich als Produzent nicht daran hält, begeht eine Straftat. Man kann und sollte der Zertifizierung also erst einmal vertrauen. Aber je größer der Markt wird, desto weniger Produktinteresse ist im Spiel. Deshalb sind Qualität und Verkäu­fer­kompetenz im Naturkostladen größer als im ­Discounter.

Interview: Clemens Niedenthal

Foto: Bündnis für ökologische Landwirtschaft

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