Essen & Trinken

Die kulinarische Boheme

Die kulinarische Boheme

Handwerklich hergestellte Marmelade nach traditionellen Rezepten wollte Cathrin Brandes verkaufen. Das perfekte Ladenlokal hatte sie auch schon entdeckt. Nur die Kredit­zusage fehlte noch. Keine große Sache, dachte Brandes, denn als Juristin konnte sie den perfekten Businessplan für ihre Geschäftsidee präsentieren. Und es stand viel auf dem Spiel: Das Marmeladengeschäft sollte ihr Sprungbrett aus einem gut bezahlten, aber langweiligen Job als Anwältin werden. „Aber keiner hat mich ernst genommen“, sagt Brandes. Sie sitzt in einem Kreuzberger Cafй und wirkt empört. Da waren die Banken, die ihr keinen Kredit geben wollten. Da waren die Etablierten der Branche, die ihr Konzept eines radikal regionalen „Made in Berlin“-Aufstriches nicht verstanden. Das Ladenlokal ging an einen anderen Mieter, ihr Traum platzte.
Das war vor zwölf Jahren. Heute arbeitet Brandes als Beraterin für Food-Start-ups, hat den Speisenklub Neukölln gegründet, ein Berlin-Kochbuch geschrieben und ist Sprecherin der Food-Fachmesse Next Organic Berlin. „Inzwischen hat sich alles geändert, mein einziges Pro­blem mit dieser Geschäfts­idee wäre heute, dass so etwas inzwischen jeder macht.“
Nirgendwo in Deutschland gilt das so sehr wie in Berlin. So wie die Stadt nach dem Mauerfall zum Mittelpunkt der Techno-Szene und vor zehn Jahren zum Konvergenz­punkt von Internet-Start-ups und selbst ernannter Digitaler Boheme wurde, ist Berlin heute das Zentrum der Foodies. Statt „was mit Medien“ machen junge Kreative, oft Quer­einsteiger, jetzt „was mit Essen“ – wenn auch nicht irgendwas: Statt einfach nur einen Burgerladen zu eröffnen, verkauft man Burger aus Brandenburger Wildfleisch als Street Food im Bite Club (wie Sebastian Arndt von Hirsch & Eber) oder kocht inmitten von Kunst vegetarische Menüs (wie Tainб Guedes in der Entretempo Kitchen Gallery). Und Festivals wie Stadt Land Food oder die Berlin Food Week haben Popkomm oder Bread?&?Butter den Rang abgelaufen.
Auch für Alexander Neumann geht die Gleichung „Food ist die neue Kreativwirtschaft“ auf. „In den letzten Jahren hat sich hier ein unglaubliches Foodie-Netzwerk entwickelt.“ Der Anfang Dreißigjährige sitzt an seinem Schreibtisch in der Marienburger Straße, vor wenigen Monaten ist seine Erdbär GmbH in neue Räume gezogen – man hat sich vergrößert, auch personell. Die Wände von Neumanns Büros sind mit den bunten Maskottchen seiner Produkte illustriert. Freche Freunde, so der Markenname, ist eine Erfolgsstory: Alles begann im Dezember 2010 mit einem Pürier­stab in der Wohnung von Neumann und seiner Frau Natacha. Inzwischen führen bundesweit mehr als 500 Super­märkte die gesunden Kinder­snacks. Die Pürees aus Bio-Obst und -Gemüse, ohne Zuckerzusatz, Aromen oder Konservierungsstoffe, werden im Quetschbeutel verkauft und sollen Kinder spielend an den Geschmack von Gemüse heranführen.
Genau diese zunehmend intensive Auseinander­setzung mit dem Essen und seinen Inhaltsstoffen und die damit einhergehende Sehnsucht nach Qualitätsprodukten mit transparentem Herstellungsprozess ist es, die den Foodie-Trend beflügelt. Denn je mehr sich die Menschen mit dem, was auf den Teller kommt, beschäftigen, desto mehr steigt auch ihre Begeisterung für gutes Essen, wird das kreative Nahrungsmittel zum Statussymbol.
Die kulinarische Boheme

Doch auch die Neumanns hatten am Anfang mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Investoren oder Förderung für ein Food-Start-up? „Man hat uns ausgelacht“, sagt Neumann. Ob sie nicht doch lieber etwas online machen wollen, bisschen E-Commerce, vielleicht eine App oder so? Freche Freunde startete deshalb zunächst nur mit privaten Investitionen. Und als es um eine Produkt­erweiterung ging, entschieden die Unternehmer sich dafür, auf die Investitionskraft der Masse zu setzen. Ihre Idee traf den Nerv der Zeit: Bei einer Crowdfunding-Kampagne kamen in gerade mal neun Stunden 250?000 Euro zusammen. „Schade, dass es für Leute wie uns, die Berlin weiter­bringen, keine offiziellen Förderprogramme gibt“, sagt Neumann. Gastro-Beraterin Cathrin Brandes sieht das ähnlich. „Die Foodies machen Berlin sexy, aber Berlin tut nichts dafür“, sagt sie.
Das sieht man bei der Berliner Industrie- und Handelskammer naturgemäß etwas anders: „Wir machen keinen Unterschied zwischen den Technik- und den Gastro-Start-ups“, sagt eine für Start-ups zuständige IHK-Sprecherin. Schon allein, weil die Definition so schwierig sei. Nach Schätzung der IHK gibt es in Berlin rund 2?500 Start-ups – also innovative Unternehmen mit starkem Wachstumspotenzial. Wie viele davon kulinarischer Art sind, sei schwer zu sagen. „Natürlich ist es einfacher für ein Technik-Start-up, weil durch den Onlinevertrieb der potenzielle Markt viel größer ist“, heißt es bei der IHK. Ansonsten bräuchte man neben einem guten Produkt vor allem eines: emotionale Unterstützung bei der potenziellen Kundschaft.
Die haben Tanja Krakowski und Lea Brumsack für ihre Culinary-Misfits-Geschäfts­idee auf jeden Fall. Die beiden Designerinnen verarbeiten für ihren Catering­dienst und ein per Crowd­funding finanziertes Cafй erfolgreich Möhren, Gurken und Kartoffeln, die so krumm und schief gewachsen sind, dass sie es nicht in den Handel schaffen. Aber auch sie beklagen die mangelhafte wirtschaftliche Unterstützung. „Besonders Coaching und Beratungsangebote fehlen uns, das hätte uns am Anfang sehr geholfen“, sagt Krakowski. Ihrer Ansicht nach profitiere die Berliner Tourismuswirtschaft enorm von Food-Konzepten wie ihrem. Wie zum Beleg erzählt die Misfits-Frau dann von den niederländische Touristen, die jüngst zu ihr ins Cafй gekommen seien, in der Hand eine Wegbeschreibung: „Wir waren einer der Food-Stopps auf ihrer Sehenswürdigkeiten-Liste.“  
Und ganz nebenbei: Die Culinary Misfits dürfen  die Hauptstadt in diesem Jahr sogar im Deutschlandpavillon auf der Weltausstellung in Mailand vertreten.
Auch das Gelände der August-Sander-Schule, unweit der Universal-Zentrale und des MTV-Gebäudes in Friedrichs­hain, könnte auf dieser Liste stehen. Denn hier besuchen Food-Fans das Pilotprojekt der Topfarmers und kaufen Südfrüchte wie Papayas und Kiwis – oder einen afrikanischen Wels. Markus Haastert hält einen dieser Fische gerade prüfend in die Höhe. „So frischen Fisch gibt es sonst nirgendwo in Berlin“, behauptet er.

Die kulinarische Boheme

Die Fischzucht ist Teil eines ausgeklügelten Aquaponic-Systems. Das Verfahren kombiniert Fischzucht mit Gemüse­anbau – ohne Pestizide und Düngemittel. Zwei große Fischtanks mit jeweils bis zu 250 Fischen stehen direkt im Gewächshaus zwischen Südfrüchten, Kresse und Tomaten, die Fisch­ausscheidungen werden zum Düngen der Pflanzen genutzt, die Pflanzen wiederum filtern das Wasser für die Fische: ein in sich geschlossener und nachhaltiger Kreislauf. Das Pilotprojekt, an dem die August-Sander-Berufs­schüler mitarbeiten, soll bald auf 2?000 Quadratmeter aufgestockt werden und wäre dann die größte Aquaponic-Farm Europas – mitten in Berlin.
Noch verhandelt Haastert, dessen Unternehmens­beratung Blue Economy Solutions das Projekt finanziert, über ein neues Gelände. Er träumt davon, aufs Dach zu gehen. „Rooftop-Farming, das wäre auch ein sehr guter Marketingvorteil, allein die Bilder würden viele Menschen zu uns locken“, sagt er. Denn wer bei ihm einkauft, kauft eben nicht nur den frischen, regionalen Wels, sondern die Tour durch die Aquaponic-Farm gleich dazu  – am besten mit schickem Panorama­blick über die Dächer von Berlin. Denn bei den heutigen Food-Start-ups reiche es einfach nicht mehr aus, nur das perfekte Produkt zu bieten, sagt Haastert. „Die Leute suchen das besondere Erlebnis.“

Text: Johanna Rüdiger

Fotos: Hannes Schmidt/ Berlin Food Wee; Serena Salvadori; Daniel Banner/ Kitchen Guerilla

Mehr über Cookies erfahren