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Die Mahlzeit zu Kanaan

Die Mahlzeit ?zu Kanaan

Wasser zu Wein. Dass ist eine Geschichte, bei der nicht einmal die Molekularküche mithalten kann. Ob aber die Hochzeit zu Kanaan überhaupt Pate gestanden hat für dieses großartige, mediterran-orientalische Lokal in der Bretterbude über dem S-Bahn-Ring? Passend wäre es. Ein Urmythos des Christentums, ein muslimischer Palästinenser und ein israelischer Jude. Willkommen in Berlin.  Willkommen an einem Ort, der keine Differenzen gelten lässt. Denn Oz Ben David und Jalil Dabit sehen überall nur neue Kombinationsmöglichkeiten.
Jemenitisch ist das Malawach, ein blätterteigiges Fladenbrot und das Shug, das süß-scharfe Tomatenpesto. Marokkanisch-irsaelisch das Shakshuka aus pochierten Eiern in einer Sauce aus Tomaten, Chili­schoten und Zwiebeln. Typisch deutsch ist die Konfitüre, die den mit Rosenwasser aromatisreten Milchpudding toppt. Der Tahini (eine Sesampaste) Cheesecake schließlich geht als universeller, quasi kosmokulinarischer Lieblingskuchen über die Theke.
Eigentlich war Oz Ben David als Unternehmensberater nach Berlin gekommen. Der junge Isreali sollte großen Unternehmen erklären, wie Menschen wie er so ticken.  Ein Discounter gehörte zu seinen Kunden, genauso einige Wohnungsbaugesellschaften. Sie alle einte ein Problem: "Sie hatten keine Ahnung, wie sie die jungen Menschen aus aller Welt, die gerade für kürzer oder doch länger nach Berlin kommen, ansprechen sollten." Also wurde Oz Ben David als Dolmetscher engagiert. Was er zu übersetzen hatte? Sozusagen ein Lebensgefühl.
Eines Tages hat ihn auch Jalil Dabit angesprochen. Der Palästinenser kam aus einer Gastwirtsfamilie. Jetzt wollte er auch in Berlin einer  werden. Ob Oz Ben David ihn beraten könne? "Aber ich wollte viel lieber mitmachen. Die Idee, ein eigenes Restaurant zu haben, war in meiner Lebensplanung fest vorgesehen."
Ob das Kanaan ein politisches Projekt sei? "Wir sind ein menschliches Projekt." Schließlich sei es die Kommunikation, die die Menschen zusammenbringt. "Die Kommunikation und das Essen." Oz Ben David hat das selbst erfahren. Ein früher Stammgast hat ihn etwa aufs Gewerbeamt begleitet:. "In Berliner Behörden wird ja grundsätzlich kein Englisch gesprochen."
Oz Ben David war das fremd. Womit er weniger die Sprachbarrieren meint, als vielmehr die unverholene Skepsis, mit dem ihm in den Amtstuben begegnet wurde. "Da gab es keine Gastfreundschaft, kein wirkliches Interesse." Gastfreundschaft aber ist das Fundament, auf dem die Küche des Kanaan, auf dem die Küche des Nahen Ostens baut. Auch deshalb kommen alle Speisen fast gleichzeitig auf den Tisch und zwar genau in dessen Mitte – zum gemeinsamen Teilen. "Meine größte Angst wäre, dass jemand das Kanaan hungrig verlässt, weshalb bei uns auch die Portionen echt groß sind. Ich glaube, dass steckt in der DNA der Menschen aus unserer Region und das eint uns über alle Nationen und Religionen hinweg: das Bedürfnis, gute Gastbeber zu sein."
Nur eines teilt Oz Ben David nicht: das Rezept für den Hummus, den es im Kanaan gibt. Die kleine, bereits große Portion für vier Euro.Ja selbst von seinen Mitarbeitern – inzwischen arbeiten junge Berliner aus sieben verschiedene Nationalitäten im Kanaan – kennt keiner die vollständige Rezeptur des  vermutlich, nein ziemlich sicher besten Hummus der Stadt.
Vielleicht ist es aber auch gerade deshalb so gut, weil man alle Leidenschaft schmeckt, die darin steckt. Die Leidenschaft für die authentische Küche des Nahen Ostens und die Leidenschaft für die Menschen, mit denen man sie sich teilt. Seit dieser Woche sogar auf einer tollen Terrasse, unter der die Züge der Ringbahn grüßen. Überall wird geschraubt und gewienert. In der Kopenhagener Straße gibt es noch viel zu tun.
Es ist eine lösbare Aufgabe verglichen mit der Utopie, die Oz Ben David und Jalil Dabit eigentlich durch die Köpfe spukt: Alle Menschen gemeinsam an einen Tisch zu bringen.  Käme es dazu, der Tisch wäre überbordend voll gedeckt.

Text: Clemens Niedenthal

Foto: Kfir Harbi / Styling Itay Novik (3); Kanaan

Kanaan: Die charmante Baracke gegenüber dem Umspannwerk wurde zunächst nur als Deli bespielt. Seit vergangener Woche trifft man das Kanaan hier auch abends an, etwa auf der tollen Terrasse über dem S-Bahn-Ring. Kopenhagener Straße 15, Prenzlauer Berg, Tel. 0176 22 58 66 73, Mo-So 12-23 Uhr (12-16 Uhr Lunch),? www.kanaanrest.com

Kanaan Express: Die Dependance am Kreuzberger Südkreuz muss nur zwei Monate nach Eröffnung bereits umgebaut und erweitert werden. Wiedereröffnung am 16. Mai.? Blücherstraße 37, Kreuzberg, ?facebook.com/Kanaan-Express-Xberg

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