Essen & Trinken

Die Rum-Kultur in Berlin

Die Rum-Kultur in Berlin

Auf unsere Ehefrauen und unsere Geliebten. Und mögen sie sich nie begegnen!“, so lautete der Trinkspruch der britischen Marine, der zur Verteilung der täglichen Rum-Ration an Samstagen an Bord der Schiffe ausgerufen wurde. „Tot“ hieß der Becher mit dem Melasse-Destillat, das die Seeleute am 31. Juli 1970 zum letzten Male ausgeschenkt bekamen. Seitdem zelebrieren Rum-Liebhaber dieses Datum alljährlich als „Black Tot Day“ und gönnen sich einen köstlichen Schluck.
Zum Glück für Genießer von heute, entwickelte sich das derbe alkoholische Getränk vom mutmachenden Kampfkraft-Elixier zur herrlichen Delikatesse. Ursprünglich ging es um das Bedürfnis der Menschen nach Süße.  Und just dorthin war der Rum, als alkoholische Grundierung zuckrig süßer Party-Mixgetränke bis vor Kurzem ja wieder zurückgekehrt.  Indes: Längst geht es dem Rum wie seinen Liebhabern wieder um Klasse, Destilationshandwerk und Aromenvielfalt. Ja selbst Bacardi, einst Urheber des sprichwörtlichen „Feelings“,  destilliert und vertreibt inzwischen so exzentrisch gute wie exzentrisch teure Sondereditionen.
Ja mehr noch: „Rum ist gerade die  Spirituose, die alle anderen ablöst“, sagt Dirk Becker, Betreiber des Rum Depots im Schöneberger Akazienkiez. „Zu uns kommen die Gin-Trinker, die Whisky-Trinker … sie landen alle beim Rum.“ Einen guten Grund dafür weiß Christian Gentemann von der Bar am Steinplatz: „Durch sein Grundprodukt, also den Zuckerrohrsirup, ist ein guter Rum aromatischer als es eine aus einem Korn gebrannte Spirituose jemals sein kann“.  
Was also sprach da noch gegen den Rum? Vor allem, so Gentemann, seine Verfügbarkeit: „Klar, es gab die Supermarktware. Aber darüber hinaus war es noch vor fünf, sechs Jahren hierzulande echt kompliziert, einen guten, handwerklichen Rum zu bekommen.“
Marco Polo und weitere Entdecker des ?13. Jahrhunderts berichten von Asien und dem Zuckerrohr. Auch von einem weinähnlichen Getränk, dem Arrak, einem engen Verwandten des Rums. Im 15. Jahrhundert ist es dann Christoph Columbus, der das Bedürfnis der Menschen nach Süße erfüllen möchte. Das Klima der Karibik erscheint ihm günstig für die wertvolle Kulturpflanze. Die ersten Zuckerrohr-Setzlinge an Bord der Schiffe überstehen die Überfahrt und verbreiten sich von Insel zu Insel und bis Brasilien und Mexiko.
Wie aber kommt nun der Rum ins Spiel? Vermutlich eher zufällig, wie bei vielen bedeutenden Erfindungen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Regenguss über Zuckerrohrreste hernieder geht und in der Hitze des nächsten Tages eine Gärung beginnt. Irgendein waghalsiger findet sich immer, der die Flüssigkeit dann auch probiert. Und siehe da: ein Rauschgefühl gibt den nötigen Mut, um gegen die Unterdrücker auf den Plantagen vorzugehen und einen Aufstand zu wagen. In Überlieferungen britischer Marinesoldaten, welche die Aufstände niederschlagen mussten, taucht also der Begriff „Rumbullion“ auf. Abgeleitet von Rebellion und dem lateinischen Wort für Zucker: Saccharum.
Die meisten Rumsorten werden aus Melasse hergestellt, einem honigartigen, dunkelbrauen Zuckersirup. Diese Melasse enthält noch einen hohen Zuckeranteil, der aber nicht mehr kristallisiert. Also wird destilliert. Noten von Karamell, getrockneten Früchten, Schokolade und Gewürzen bilden die aromatische Bandbreite der Melasse-Rums.
Rum aus den früheren französischen Kolonien wird anders gefertigt. Jener „Rhum Agricole“ entsteht aus frischem Zuckerrohrsaft. Die jungen Destillate entwickeln eine fruchtige Frische und eine subtile Säure, die sich bei gereiften Rhum Agricoles elegant abmildert.
Die Vielfalt ist immens. Von „weltweit ungefähr 16?000 tatsächlich im Handel erhältlichen Abfüllungen“ spricht Dirk Becker vom Rum Depot – von den milden, sanften Rums kubanischer Stilistik bis zu den pfeffrig-würzigen Jamaikanern ist für jeden Geschmack und Geldbeutel etwas dabei. Bereits für 20 bis 30 Euro je Flasche können köstliche Melasse Rums erworben werden. Die Agricole Rums sind meist etwas teurer.
Ein Meilenstein der Rum-Geschichte sind die 1860er-Jahre, als auf Kuba Don Facundo Bacardi Massу mit Kohlefilterverfahren experimentiert und seinen Rum zu einer klaren Spirituose mit ungewohnt mildem Aroma entwickelt. Die Marke mit der Fledermaus prägt fortan die Rumherstellung.
Ausgerechnet die Prohibition in den USA in den Jahren von 1919 bis 1933 verhilft dem Rum zum endgültigen Durchbruch. Auf Schiffen – den sogenannten „Rum Runners“ – verlassen durstige Amerikaner die Hoheitszone der USA, um auf hoher See mit Rum aus der nahen Karibik versorgt zu werden. Meeresrauschen.
Die Qualitäten der Rums steigern sich stetig und so macht es Freude, als Digestif auch einmal einen gereiften Rum aus Guyana, Mauritius oder Panama statt eines Whiskys oder Grappas in Erwägung zu ziehen. Oder als Begleiter zur Schokolade oder der Zigarre. Dazu noch ein Trinkspruch der britischen Marine? Wir wählen die Mittwochs-Losung: „Auf uns selbst!“ Cheers.

Text: Peter Eichhorn

Foto: 2014 Thomas Rafalzyk

Die Läden
Rum Depot, Apostel-Paulus-Straße 35, Schöneberg
Finest Whisky, Winterfeldtstraße 48, Schöneberg
Kierzek, Weitlingstraße 17, Lichtenberg

Die Bars
Lebensstern im Cafй Einstein, ?Kurürstenstraße 58, Tiergarten
Immertreu, Christburger Straße 6, Prenzlauer Berg
Rum Trader, Fasanenstraße 40, Wilmersdorf
Bar am Steinplatz, Steinplatz 4, ?Charlottenburg

Das Festival
Das German Rum Festival  ist die europaweit kompetenteste Veranstaltung zum Thema. Samstag, 3. Oktober und Sonntag, 4. Oktober, in der Station Berlin, Luckenwalder Straße 3–4, ?Kreuzberg, www.rumfest-berlin.com

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