Essen & Trinken

Jugendbewegung Straight Edge

Foto: Cathrine GerickeIn der Popmusik ging es mal um ein Entgrenzungsmoment, einen Überschuss an Sinn und Bewusstsein. Hinter dem programmatischen Sex, Drugs & Rock’n’Roll stand das Versprechen, die Grenzen des Alltags durch Überaffirmation hinter sich zu lassen. Pop war in seinen wahrhaftigsten Momenten reiner Exzess: Revolution und Regression.

Einige Teenager in Washington DC sahen das Anfang der Achtziger allerdings anders. Sie waren der Konsumkultur, in der sie aufwuchsen, überdrüssig und protestierten gegen die Verfügbarkeit der Warenwelt mit der einzigen Waffe, die ihnen zur Verfügung stand: Verzicht. „Don’t drink, don’t smoke, don’t fuck!“, schrie Minor-Threat-Sänger Ian MacKaye 1981 in dem Hardcore-Manifest „Out of Step“. „At least I can fucking think!“ Minor Threat waren die Vorreiter der Straight-Edge-Bewegung, der ersten positivistischen Jugendkultur.

Allerdings auch der ersten Jugendbewegung, die noch spießiger war als die Elterngeneration. Alkohol galt als verpönt, ebenso Rauchen und Sex – bald kam auch der Fleischkonsum auf die Blacklist. Also ziemlich alles, was man gemeinhin mit den Grenzerfahrungen der Adoleszenz verbindet. Erkennungsmerkmal der Straight-Edge-Jugend war das schwarze Kreuz auf dem Handrücken, mit dem bis dahin Minderjährige an den Türen der Clubs markiert wurden, damit ihnen an der Bar kein Alkohol ausgeschenkt wurde.

Weiterlesen: Verzicht ist der neue Luxus – In einer Stadt, deren unendliche Möglichkeiten eine permanente Überforderung darstellen können, ist Reduktion zu einer Form der Selbstbestimmtheit geworden. 

Heute wird die Zahl von praktizierenden Straight-Edge-Anhängern in Deutschland im fünfstelligen Bereich geschätzt. Damit dürfte, gemessen an der Bioladen-Dichte, die Zahl praktizierender LOHAs allein in Prenzlauer Berg deutlich höher liegen. „Lifestyles of Health and Sustainability“ sind längt kein Privileg einiger rebellierender Jugendlicher mehr. Heute wird in Fragebögen auf Datingportalen zwischen „Veganer“ und „Vegetarier“ unterschieden und Laktoseintoleranz gehört zum guten Ton. Askese ist als Lifestyle-Doktrin offiziell in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft angekommen. Das hätten sich die Punk-Kids Anfang der Achtzigerjahre auch nicht träumen lassen.

Texte: Andreas Busche 

Foto: Cathrine Gericke

Weitere Ernährungstrends :

Paleo-Küche
Jagen und Sammeln also. Nur: Mit Rollenspielen im Mammutfell hat diese Steinzeit-Küche nichts zu tun. Vielmehr soll der Verzicht auf verarbeitete Nahrungsmittel wie etwa Getreide einer natürlichen Ernährungsweise am nächsten sein. Ob dem so ist? Im Sauvage, dem ersten Paleo-Restaurant Deustchlands, gibt‘s jedenfalls eines der besten Steaks der Stadt.
Restaurant Sauvage?, Winsstraße 30, Prenzlauer Berg, Mi–So 18–24 Uhr, ?So 11.30–15.30 Uhr; ?Pflügerstraße 25, Neukölln, ?Di–So 18–23 Uhr,? www.sauvageberlin.com

Clean Eating
Der Ernährungstrend Clean Eating beschreibt die Entscheidung, sich in der Auswahl von Lebensmitteln ausschließlich auf natürliche Produkte zu beschränken. Also kein raffinierter Zucker, keine Fertigprodukte und keine Konservierungsstoffe. Losgetreten hat den Trend die Ernährungs-therapeutin Tosca Reno aus den USA.

Detox
Wie der Name schon sagt, geht es darum, den Körper zu entgiften. Dafür verzichtet man auf Fleisch, Alkohol, Zucker sowie tierische Fette und ernährt sich stattdessen von Fisch, Gemüse und Säften, damit sich die Zellen regenerieren können. Pflegepeelings und Nahrungsergänzungsmittel sollen den Körper dabei unterstützen. Ein hübscher Nebeneffekt: Man verliert einige Pfunde. 

Teatox
Die Kur kommt ursprünglich aus Asien und dauert ungefähr zwei Wochen. Zusätzlich zum Detoxing trinkt man morgens und abends Teatox-Tees, die Körper und Seele zur Entgiftung anregen. Ein breites Teesortiment ist unter anderem erhältlich auf www.teatox.de. Firmensitz ist die Kreuzberger Bergmannstraße. Dort gibt es keinen Laden, aber demnächst werden die Produkte im Murkudis Concept Store im Charlottenburger Bikinihaus vertrieben. 

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