Essen & Trinken

Edith Berlinger und das Rio Grande

Berlinger„Ich bin in der Sauce“, Edith Berlinger hat nicht nur einen unverkennbaren österreichischen Dialekt, sie hat auch eine ganz eigene metaphorische Sprache. „In der Sauce“ bedeutet, dass sie in ihren Restaurants an vorderster Front steht, mitarbeitet, Gäste bedient und für ihr Wohlergehen sorgt, das Personal schult. Das Attribut „Galionsfigur“ will sie so nicht stehen lassen. „Wir wollen Teamarbeit, keine Hierarchie.“ Mit „wir“ ist sie und ihr Partner Dietmar Schweitzer gemeint. Der sei der kluge Kopf, der Mann im Hintergrund, der eher Probleme lösen, die Dinge eben intellektuell hinterfragen und verarbeiten würde. Dietmar selbst lacht über Ediths Einschätzung. Klar würde er die Abrechnung machen, im Büro sitzen, Planungen skizzieren, aber sonst? Dietmar war es auch, der die Verhandlungen und die Entwicklung des Gröbenufers drei Jahre lang mitverfolgt hat. Seit Frühjahr 2009 heißt es May-Ayim-Ufer, benannt nach der antirassistischen Aktivistin und Dichterin.

Die beiden betreiben seit ein paar Tagen das Rio Grande, eine Gaststätte direkt am Wasser im restaurierten Gebäude – „für die Kreuzberger wollen wir etwas machen“. Gemeinsam mit dem Kreuzberg-Museum werden in der anschließenden Galerie zudem Ausstellungen zum Thema Wasser stattfinden. Manchmal, so erzählt die Wahl-Kreuzbergerin, schwappt das Wasser der Spree schon mal auf die Terrasse. Der Ort war sehr begehrt unter den Berliner Gastronomen und auch unter den Reedereien. Denn diese Location ist nicht nur ideal an der Oberbaumbrücke gelegen, sie hat auch eine Anlegestelle. „Bei der Eröffnung waren dann aber auch viel Mitbewerber da und haben sich mit uns über diesen neuen Ort gefreut.“ Edith Berlinger tut das gut. Denn es gibt auch die dunkle Seite der Gastronomie und den „Kindergarten“, wie sie es nennt.

Mit ihrem legendären Jolesch hat sie schon zahlreiche Hochs und Tiefs erfahren, mit ihren Köchen und mit ihrer Restaurantleiterin, mit den Kellnern – „man muss das Gesicht behalten“. Wieder so eine Edith-Berlinger-Schöpfung. Fördern würden sie die Mitarbeiter. „Sie können den Chef machen, Verantwortung übernehmen, wenn sie das Zeug dazu haben.“ Flache, fast gar keine Hierarchien ist wieder das Thema, und das gebe es in der Gastronomie selten. Damit wären manche überfordert und würden das eigene Versagen den beiden, Edith und Dietmar, in die Schuhe schieben. Würden eben nicht das Gesicht behalten. Doch „der Hardy, der hat den Arsch in der Hose gehabt und sich selbstständig gemacht. Vor dem habe ich große Anerkennung„. Mit Hardy meint sie Stefan Hartmann, der sich mit dem Hartmanns in der Fichtestraße selbstständig gemacht hat und sehr schnell auch als Aufsteiger und Berliner Meisterkoch prämiert wurde. Hartmann hat lange Zeit im Jolesch gekocht, genauso wie Jörg Eichhofer von der Spindel und Anabela Campos-Neves vom jüngst eröffneten Anabelas Kitchen (siehe Kritik). Die Ära Berlinger ist nun im Jolesch Vergangenheit. Das Ehepaar aus Österreich, Max Sedrak und Renate Dengg, führen die Kreuzberger Adresse und Institution für österreichische Küche weiter fort, vielleicht konsequenter und traditioneller, wie es die Wirtin mit der blonden Mähne und dem auffälligen Lippenstift geführt hat.

Im Rio Grande lässt man sich mehr Spielraum mit den Speisen. Der Gast findet neben dem Kalbsrahmgulasch mit Butternocklern auch Spaghetti mit Garnelen und Rucola. Edith will vielschichtig Interessen decken, sie schätzt diese bestimmte Mischung ihrer Gäste aus Kreativen, Schwulen, alteingesessenen Kreuzbergern und Berlin-Besuchern. „Letztens hat mich ein Gast gefragt, ob es mich stört, wenn er mit seinem Laptop hier arbeitet.“ Da vertritt Edith Berlinger österreichische Kaffeehauskultur. „Das gehört doch dazu.“ Das Rio Grande ist für die beiden, Berlinger und Schweitzer, eine Art Lebenstraum, hier wollen sie die nächsten zehn Jahre Kreuzberg und seine Gäste bewirten. Und wenn man am großen Fenster im Mittelstück des langgezogenen Raumes sitzt und den einmaligen Blick genießt, dann erscheint einem Berlin wieder etwas harmloser und heimeliger. Doch der Blick auf die andere Seite erinnert an die für die Stadt so typisch widersprüchlichen Interessen. Das gegenüberliegende Ufergelände ist hart umkämpft. Die Initiative „Mediaspree versenken“ widersetzt sich den kommerziellen Interessen neuer Eigentümer und Investoren, die sich und ihre Pläne unter eben dem Sammelbegriff Mediaspree zusammengetan haben.

Einen gewissen anarchistischen Widerstand fürchtet auch der Senat am May-Ayim-Ufer. Noch ist die restaurierte Uferanlage eingezäunt. Die Fassade schimmert unschuldig in sandfarbenem Putz. Man will erst noch mal einen Schutzanstrich vornehmen, damit Graffitis keine dauerhaften Schäden anrichten können. „Daran mussten wir uns erst gewöhnen“, Edith und Dietmar sind eher die Pragmatiker, und wenn es um Probleme baulicher Art geht, es fehlen zum Beispiel ein paar Kacheln an der Wand, dann beheben die beiden das Problem. Doch der Bezirk ist für die Restaurierung zuständig, da muss alles, auch die neuen Kacheln, erst seinen formal korrekten Lauf nehmen. Auch das Horvбth ist für die beiden ein Lehrstück der besonderen Art. Noch heute verstehen die beiden den Abgang von Küchenchef Wolfgang Müller nicht so richtig. Halb Kreuzberg und die Gastro-Szene hat sich darüber den Kopf zerbrochen und ein Gerücht nach dem anderen in die Welt gesetzt. „Für ihn haben wir das Horvбth überhaupt gemacht“, sagt Berlinger, die um die Qualitäten und Ambitionen des Kochs weiß, der gerade ein Kochbuch veröffentlicht hat.

Fünf Jahre lang sollte Müller als dritter Teilhaber das Restaurant nach vorne bringen und dann alleine übernehmen. Im vierten Jahr hat er hingeschmissen. Müller hätte keinen Einblick in die Bücher bekommen, so ein Gerücht, das andere, dass er mit Ralf Zacherl etwas zusammen machen will. „Wir hätten miteinander reden können.“ Edith Berlinger ist bis heute die Enttäuschung anzumerken. Doch sie überlässt das Horvбth nicht dem Zufall, sondern dem jungen österreichischen Koch Sebastian Frank. Auf ihn setzt sie große Hoffnungen. Denn das Lokal hat schon historisch immer eine besondere Rolle gespielt, wie in den siebziger Jahren, als Oswald Wiener (Vater von Sarah Wiener) mit seinem Exil dort halb Berlin das Abendessen kochte.

Text: Ev-Maria Hilker

Foto: Cathrin Bach

Horvбth Paul-Lincke-Ufer 44a, Kreuzberg, Di-So 18-1 Uhr, Tel. 61 28 99 92, www.restaurant-horvath.de

Rio Grande May-Ayim-Ufer 9, Kreuzberg, tgl. ab 10 Uhr, www.riogrande-berlin.de

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