Kommentar

„Ein Bild von einer Suppe“ von Clemens Niedenthal

Pho ist eine vietnamesische Nudelsuppe. Mit viel Huhn gekocht, macht sie satt, falls nötig auch gesund und vielleicht auch noch warm ums Herz

Clemens Niedenthal
Clemens Niedenthal

Ein Foto von einer Pho ist keine vietnamesische Nudelsuppe. Und macht dementsprechend auch nicht satt. Allenfalls macht es Lust auf diese Suppe. Womit wir beim Wesen und den Verwertungszusammenhängen der zeitgenössischen Pho-, Verzeihung Foodfotografie angekommen wären. Zugegeben, als Gastrojournalist, dessen Ressort  auch von solchen Bildern lebt, hätte ich da vielleicht auch meine eigene Suppe auszulöffeln.
Neulich war ich bei zwei befreundeten Köchen. Ein Modemagazin aus Italien und eine Tageszeitung aus New York wollten gerade Bilder von ihrem Restaurant. Das schmeichelt natürlich. Und gut für das Geschäft ist es sicher auch. Und doch gab es diesen Beigeschmack: Warum schreibt da jemand über unsere Küche, ohne auch nur einen Bissen davon gekostet zu haben. Ich habe doch auch kein Lieblingslied, von dem mir bloß irgendwer erzählt hat, dieses Lied sei doch echt gut. Lieblingslieder muss man selber hören. Lieblingssuppen selbst auslöffeln. Bei all der Freude über den Stellenwert, den das Essen inzwischen in unserer Alltagskultur hat: Ein gutes Restaurant ist nicht bloß schick gemacht und hat nicht bloß die „richtigen“ Gäste. Es schmeckt. So einfach ist das. Zugegeben, meistens sehen dann auch die Fotos richtig lecker aus.

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