Essen & Trinken

Ein tolles Essen kann – sollte – ganz einfach sein

Paetzold_JohannesEin befreundeter Sommelier, zu Zeiten dieser Berliner Anek­dote noch etwas beleibter, bekam auf die Frage nach den Empfehlungen vom Wirt zu hören: „Schmeckt hier alles, Dicker!“ Der Freund war so perplex, dass er und seine Freundin zweifelten, ob sie richtig gehört hatten. Als die Speisen aufgetischt wurden, gab es aber auch noch verbunden mit einem Klaps ein joviales: „Hau Rein, Dicker!“ Berlin ist ein merkwürdiger Ort auf Erden, Herzlichkeit und Kantigkeit bilden für die Eingeborenen die perfekte Paarung bei der Kommunikation. Mag sein, aber in Sachen Service stellte diese Berliner Eigenheit die Grundlage für Gastrokultur im Westen der Stadt, vom Osten ganz zu schweigen.

In England, von wo aus ich 1991 zurückkehrte, um das Zusam­men­wachsen der two tribes in Berlin mitzuerleben, war es zu jenen Zeiten genau andersherum: Essen nicht der Rede wert, Service: very committed. Seit diesen Tagen und besonders in den vergangenen Jahren hat ein Mentalitätswandel in Berlin stattgefunden, der mir Respekt abverlangt. Bei dieser positiven Entwick­lung sind gleichwohl nicht nur der Wirt und sein Personal gefragt, sondern auch wir selbst. Ich schlucke im wahrsten Sinne nichts herunter, sondern nutze die Kellnerfragen für positive Kritik. Den souveränen Kellner und Gastronomen erkennt man daran, dass er dies als Bereicherung annimmt. Es dreht sich in einem Restaurant eben nicht alles nur ums Essen, so wie es in einem Konzert nicht nur um die Musik geht. Jedem noch so gewieften Koch kann etwas schiefgehen, wenn der Ober meine Sympathie hat, kommen wir trotzdem gut durch den Abend. Das Maß der Dinge ist Österreich, wo Kellner ein Ausbildungsberuf ist.

Wenn ich für Radioeins in der Rubrik „Location Check“ (mittwochs, 11.40 Uhr) Restaurants besuche – auf eigene Rechnung übrigens (weil ich immer nach dieser Traumbeschäftigung gefragt werde) –, dann betrachte ich die Gastronomien auch im Blickwinkel des Kleinbetriebs, jedes Wort später im Studio soll auch dem unternehmerischen Risiko dieser Locations Rechnung tragen. Der Blick in die Gastronomie ist immer auch ein Blick in das freie kreative Unternehmertum in Berlin, von der Wirtschaftskrise ist die Feinschmecker-Gastro als eine der ersten betroffen. In meinem eigenen Kiez gibt es zu wenig, was über die tägliche Nahrungsaufnahme hinausgeht. Natürlich sticht das Weinstein heraus, mit seiner exzellenten Weinauswahl und -beratung und seinem Acht-Gänge-Menue. Das Zander ist ebenso eine beständige Größe, genau wie im Res­tau­rant Pfefferberg kommt man der neuen Bürgerlichkeit im Prenzlauer Berg mit dem Sonntagsbraten entgegen, begrüßenswerte Renaissance einer alten Familientradition, an der sich auch ein Koch viel besser austoben kann als bei einem Brunch. (Ich habe die Faszination vom Brunch nie verstanden, zum Ausspannen vielleicht angenehm, aber alle halbe Stunde einen Gang nachlegen von einem dahinwelkenden Frühstückstisch …?). Das Restaurant Pfefferberg gehört ebenso zu den preisgünstigen wie innovativen neuen Adressen, genau wie die Kostbar, wo der Kellner durch seine Freude an der Weinkultur besticht und der Koch auf kleinstem Raum zaubert.

HartmannZwei andere Kiezgegenden sind immer wieder Anlaufstellen für mich, beruflich, aber auch privat. Zuerst sei Kreuzberg genannt, fast zweistellig die Zahl der Küchen und ihrer Restaurants, die in oberen Gault-Millau-Regionen kochen und dabei das Menü meist preiswert anbieten. Good value for money, nein, excellent value: Bei Hartmann, der alle Gastro-Preise verdient hat (aber kann er nicht die Beilagen etwas größer gestalten?), im E. T. A. Hoffmann von Thomas Kurt, bei Andreas Staack im Noi Quattro (der jetzt endlich seine Bestimmung mit einem Relaunch am Südstern gefunden zu haben scheint), in Riehmers Hofgarten, und natürlich im Horvбth und H. H. Müller (wobei dort die Köche nun auf Wanderschaft gegangen sind, zu erwarten ist aber, dass weiterhin auf hohem Niveau gekocht wird). Ich radle durch diese Gegenden und bin immer noch erstaunt, wie schnell das hier alles wachsen konnte.

Berlins Gastro-Szene ändert sich, und sie ändert sich schnell. Selbst da, wo man keine Änderung erwartete, um den Savignyplatz zum Beispiel, haben das französische Restaurant Belmondo (Bouillabaisse!! Weinberatung!!!) oder das Bond in einem eher gediegenen Umfeld ihre Ausrufezeichen gesetzt. Und am Ku’damm hat Danijel Kresovic in der Nachfolge von Tim Raue das Restaurant 44 nach anfänglichen Widrigkeiten nun auf Kurs gebracht. Zwei Gastronomien aus dem Brandenburger Umland seien noch lobend herausgehoben, beide tragen den Namen Alte Schule, einmal am Scharmützelsee, Torsten Lojewski lockt Berliner Feinschmecker hierher, zum anderen die Alte Schule in Fürstenhagen (genau genommen wenige Kilometer über die Landesgrenze hinaus), wo Florian Löffler (einst Küchenchef VAU) und Nadine Gala vorzüglich kochen und bewirten.

cookies_creamMit Florian Löffler sei abschließend eine Mini-Auswahl an rigoros persönlichen Favoriten begonnen: das Cookies Cream, wo Stephan Hentschel ein sensationelles vegetarisches Menü in Szene-Atmosphäre für 28 Euro anbietet. Das Facil, in dem Michael Kempf seine Aroma-Küche in asiatisch entspanntem Interieur in helllichtem Raume über den Dächern Berlins kredenzt. Und – ganz andere Ess-Abteilung – das Ousies in der Grunewaldstraße, wo authentisch, wie in den 60ern und 70ern in Griechenland üblich, das Essen als bunte Sammlung von Vorspeisen auf den Tisch kommt. Tolles Essen kann – sollte – ganz einfach sein.

Fotos: Betty Müller, Anna Blancke, Jenny Sieboldt

Alte Schule Kolpiner Straße 2, 15526 Reichenwalde, Tel. 03 36 31-594 64, www.alteschule-restaurant.de; Di-Sa 11.30-14.30 + 18-21.30 Uhr, So 11.30-20 Uhr
Alte Schule Fürstenhagen Zur Alten Schule 5, 17258 Fürstenhagen, Tel. 039831/22023, www.hotelalteschule.de; Mi-So 18-22 Uhr
Belmondo Restaurant Bar, Knesebeckstraße 93, Charlottenburg, Tel. 36 28 72 61; tgl. 11-24 Uhr
Bond feels like home, Knesebeckstraße 16, Charlottenburg, Tel. 50 96 88 44, www.bond-berlin.de; Mo-Fr 10-24 Uhr, Sa+So 9-24 Uhr
Cookies Cream Friedrichstraße 158, Mitte, Tel. 27 49 29 40, www.cookiescream.com; Di-Sa ab 19 Uhr
E. T. A. Hoffmann Yorckstraße 83, Kreuzberg, Tel. 78 09 88 09, Hotel: 78 09 88 00, www.restaurant-e-t-a-hoffmann.de; Mi-Mo ab 17 Uhr, Küche bis 23 Uhr
Facil The Mandala Hotel, Potsdamer Straße 3, Tiergarten, Tel. 590 05-12 34, www.facil.de; Mo-Fr 12-15 + ab 19 Uhr, Küche bis 23 Uhr, Sommerpause: 25.7.-9.8.2009
H. H. Müller Paul-Lincke-Ufer 20, Umspannwerk, Kreuzberg, Tel. 61 07 67 60, www.hhmüller.com, www.umspannwerk-kreuzberg.com; Mo-Sa 18-1 Uhr, Küche bis 23 Uhr
Hartmanns Fichtestraße 31, Kreuzberg, Tel. 61 20 10 03, www.hartmanns-restaurant.de; Mo-Sa ab 18 Uhr, Küche bis 24 Uhr
Horvбth Paul-Lincke-Ufer 44a, Kreuzberg, Tel. 61 28 99 92, www.restaurant-horvath.de; Di-So 18-1 Uhr, Küche bis 24 Uhr
Kostbar Koppenstraße 75, Friedrichshain, Tel. 29 77 90 16, www.restaurant-kost-bar.de; Mo-Sa 12-23.30 Uhr
Noi Quattro Südstern 14, Kreuzberg, Tel. 32 53 45 83, www.noiquattro.de; Mo-Fr 12-24 Uhr, Sa 17-24 Uhr
Ousies Grunewaldstraße 16, Schöneberg, Tel. 216 79 57, www.taverna-ousies.de; tgl. ab 17 Uhr, Küche bis 24 Uhr
Restaurant 44 im Swissфtel, Augsburger Straße 44, Charlottenburg, Tel. 220 10 22 88, www.restaurant44.de; Mo-Sa 12-14.30 + 18-22.30 Uhr
Restaurant Pfefferberg Schönhauser Allee 176, Prenzlauer Berg, Tel. 44 38 34 04, www.pfefferberg-restaurant.de; Mo-Fr 11.30-24 Uhr, Sa ab 17.30 Uhr, So ab 12 Uhr
Riehmers Hofgarten Yorckstraße 83, Kreuzberg, Tel. 78 09 88 00, www.riehmers-hofgarten.de; Mi-Mo ab 17.30 Uhr
Weinstein Lychener Straße 33, Prenzlauer Berg, Tel. 441 18 42, www.weinstein.eu; Mo-Sa 17-2 Uhr, So+Feiert. ab 18 Uhr, Küche bis 23.30 Uhr
Zander Kollwitzstraße 50, Prenzlauer Berg, Tel. 44 05 76 78, www.zander-restaurant.de; Di-So ab 18 Uhr, Küche bis 23 Uhr

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