Essen & Trinken

Es ist Teezeit

Im Chasinho einfach nur einen schwarzen Tee zu verlangen, ist ungefähr so, als bestelle man in einem Gourmetrestaurant irgendeinen Wein. Das wird einem klar, sobald Mark Ritter nachsichtig lächelnd auf die Regalwand hinter dem Tresen der Kreuzköllner Teestube deutet, in der mehr als 80 verschiedene Teesorten aufgereiht in silbernen Dosen stehen. „Was für ein schwarzer Tee soll es denn sein? Aus welchem Anbaugebiet? Lieber eine frühe oder eine spätere Ernte, also First- oder Second Flush?“ Als er den ratlosen Blick sieht, schlägt er vor: „Fangen wir doch mit dem Samabeong First Flush an. Dieser Darjeeling stammt aus einem kleinen Teegarten, der nur von Frauen bewirtschaftet wird.“ Der 35-Jährige öffnet eine der Dosen, aus der ein fruchtiger Duft emporsteigt, und schaufelt sorgsam ein paar Gramm in eine Kanne. Dann zieht er eines der zusammengerollten Blätter auseinander: „Sehen Sie, wie lang dieses Blatt ist? Erst nach mehreren Aufgüssen hat es sich voll entfaltet.“

Tee, das merken Einsteiger hier schnell, ist eine Wissenschaft für sich – aber auch eine, die inzwischen einer immer breiteren Masse zugänglich gemacht wird. Was mit Hipster-Erfrischungsgetränken wie Club Mate oder ChariTea – mit dessen Kauf man Sozial-Projekte in Südafrika, Sri Lanka und Paraguay unterstützt – begann, hat sich in den vergangenen Jahren quasi zu einer Teerevolution entwickelt. So tranken die Deutschen 2012 durchschnittlich ganze 27 Liter pro Kopf – mehr als jemals zuvor. Und die Teefans werden immer jünger: Aktuelle Zahlen des Deutschen Teeverbands zeigen, dass 47 Prozent der Teetrinker unter 50 Jahren sind.

„Teetrinken entspricht dem Zeitgeist, schließlich wollen sich die meisten Menschen heute gesünder ernähren“, erklärt Marks Kollege Bastian Menningen. Die beiden sind zwei von neun selbst ernannten „Teefreaks“, die das im Oktober 2013 eröffnete Chasinho (was übersetzt so viel wie „kleiner Tee“ bedeutet) betreiben – alle Angestellten arbeiten hier ehrenamtlich, denn das Chasinho ist ein Projekt des Vereins zur Förderung regionaler Gemeinwohl-Ökonomien – alle Gewinne aus dem Teeverkauf fließen direkt in soziale Projekte im Kiez. Bei der Auswahl der Tees verlasse man sich allerdings weniger auf Fair-Trade-Labels. „Wie auf einer Plantage tatsächlich gearbeitet wird, das erfährst du nur vor Ort“, erklärt Bastian, der erst vor Kurzem einen kleinen Teegarten auf den Azoren besuchte. Doch nicht nur beim Tee achten die Betreiber auf soziale Verträglichkeit, auch für die Kunden sollen die Preise fair bleiben, Rentner, Studenten und Arbeitslose zahlen ohnehin weniger.

Auch im Berliner Luxus-Segment spielt Tee eine wichtige Rolle: Ob englische Champagner-Teatime im Waldorf Astoria, Afternoon Tea im Hotel de Rome oder Teestunde im Adlon. „Wer Tee trinkt, tut etwas für seine Seele“, erklärt Nick Paulus, ausgebildeter Tea Master. Der 25-Jährige arbeitet im Hфtel Concorde am Ku’damm. Das französische 5-Sterne-Haus will zeigen, dass eine Tea-time nicht immer britisch sein muss, und serviert dazu nicht nur die üblichen Scones mit Clotted Cream, sondern auch köstliche Macarons und Madeleines aus der hauseigenen Patisserie.

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