Essen & Trinken

Tim Raues Ess- und Kochkultur in der Bötzow-Brauerei

la_soup_populaire_c-esther_suave_hipiViele der Kollegen und Kenner der Berliner Restaurantszene werden im ersten Moment wohl gedacht haben: „Der schon wie­der!“ Tim Raue hatte gerade erst zur Eröffnung des Sra Bua im hinteren Teil des Adlon gebeten. Es war ein rauschendes Fest, und das servierte Fingerfood machte neugierig, Tim Raue und Küchenchef Daniel Lengsfeld (früher in der Küche vom Ma, dann Katz Orange, jetzt wieder in der ehemaligen Ma-Küche) hatten in kürzester Zeit für die Wiederbelebung der hinteren Ecke des Adlons gesorgt. Und Tim Raues Restaurant, das er gemeinsam mit seiner Frau Marie-Anne seit über zwei Jahren erfolgreich führt, hat den zweiten Stern bekommen.

Nun also eröffnet Mitte Mai das La Soupe Populaire, was so viel heißt wie Volks- oder eben Suppenküche. Die Grundidee von Georg Näder, dem Eigentümer vom Bötzow-Gelände, ist es, den Atelierraum, also das Restaurant, allen zugänglich zu machen – La Soupe Populaire als Restaurant für jedermann. Der Gedanke dahinter ist, dass die Menschen sich die Ausstellung angucken, danach hinsetzen und beim Essen und Trinken über das, was sie gesehen haben, nachdenken können. Derzeit sind es die Werke von Eva & Adele, einem bekannten Aktionskünstlerpaar, die mit ihrer Installation an die Zukunft appellieren: Futuring – eine Zeit ohne Geschlechtertrennung und unterschiedliche Behandlung von Mann und Frau. Ein von ihnen erbautes Haus steht mitten im Raum.

la_soup_populaire_tip_raue_c-esther_suave_hipiRaue erzählt von den Anfängen: „Als ich hier vor über sechs Wochen hereinkam, stand nur Müll herum, und im ersten Moment war nur diese große, untere Fläche präsent. Ein Blick um die Ecke zeigte dann die zweite, obere Fläche. Großartig.“ Aber wie nun den roughen, trashigen, mit historischen Anspielungen und Zitaten kontaminierten Raum ausstatten? Alles mit hochmodernem Mobiliar einrichten, die Atmosphäre damit brechen? Das war die erste Überlegung. Doch Raue erinnerte sich an den Mann, der die Events der Bread & Butter ausstattete, an Luis Mock. Der besitzt einen großen Fundus an Vintage-Möbeln. Anfangs war der Innenausstatter allerdings wenig begeistert, in einem Zeitraum von ein paar Wochen den kompletten Raum einzurichten. Doch Mock kam, sah, überlegte und rollte wenige Tage später mit einem LKW an und richtete das Restaurant ein – zur Zeit auf zwei Ebenen mit 50 Sitzplätzen. „Wir haben noch ein paar Dinge hin und her geräumt, das war es dann auch.“

Doch wie kam es überhaupt zum Projekt Soupe Populaire? „Wir haben uns in meinem Restaurant kennen gelernt“, erzählt Tim Raue über die erste Begegnung mit Georg Näder. Raue kannte Näder kaum und wusste auch nichts über dessen erfolgreiches Unternehmen Ottobock (ein Medizinunternehmen, das sich auf Prothesen spezialisiert hat). Näder war auch nicht unbedingt Freund der asiatischen Küche, daher dauerte es eine geraume Zeit, bis er sich zu einem Geschäftsessen im Restaurant Tim Raue überreden ließ. Danach kam er regelmäßig und plauderte mit Raue immer mal wieder über die Bötzow-Brauerei und über den Plan, einen Raum für Ideen zu etablieren. Der Termin für die Fertigstellung ist auf Frühjahr 2015 gesetzt, doch bis dahin soll das Gelände belebt sein.

la_soup_populaire2_c-esther_suave_hipiIm La Soupe Populaire wird immer Kunst stattfinden, und bei der Konzeption der Ausstellungen ist Tim Raue eng miteinbezogen. Kunst spielt für den Zwei-Sterne-Koch schon seit längerer Zeit eine bedeutende Rolle, wie zum Beispiel das Gemälde von Harald Herrmann im Restaurant Tim Raue beweist. Rund um das Restaurant in der Rudi-Dutschke-Straße befinden sich mehrere Galerien, die Raue regelmäßig besucht. „Kunst inspiriert mich und gehört zur Lebenskultur.“ Im jeweiligen Kontext der ausgestellten Kunst wird für La Soupe Populaire die Speisekarte konzipiert. „Für den Gast ist das Spannende an diesem Restaurant, dass es ständig etwas Neues geben wird.“ Bötzow ist für Tim Raue ein Spielplatz. „Ich bin hier keinen Konventionen unterworfen. Wir machen das, was wir gerne selbst essen. Deswegen gibt es hier auch Königsberger Klopse, da habe ich die Masse selbst angerührt, den Kalbskopf klein geschnitten. Hier in der Böt­zow steht mein Name für Qualität. Nur die Rahmenbedingungen sind anders als in meinen anderen Res­taurants.“ Den Anfang macht die Kunst von Eva & Adele, und Tim Raue stellt mit Küchenchef Michael Jaeger den Hauptstadtbezug mit Berliner Küche her.

Mit dem Bötzow-Projekt und dem Restaurant im Atelierhaus wird ein Stück Berlin gezeigt, das so in München und Hamburg nicht existieren könnte. „Industrial shabby schick, das geht nur hier“, so Raue. Ursprünglichkeit und Kunst haben den Rahmen geschaffen, die Atmosphäre entsteht durch gutes Essen und Trinken. Es soll ein Platz für die Berliner sein, aber auch für diejenigen, die Berlin besuchen. Wenn man als Gast ins Restaurant gelangen will, geht es erstmal durch eine Halle, durch einen Raum mit langer Tafel, in dem ein weiterer Raum, nämlich die Küche steht. Der Küchenplaner hat damit eine einmalige Situation geschaffen. Hier werden von Michael Jaeger und weiteren fünf Mitarbeitern die vier Vorspeisen, vier Hauptgänge und zwei Desserts zubereitet. Die Gerichte sehen erst mal harmlos und unspektakulär aus. Doch zu schmecken ist die typische Tim-Raue-Aromatik: Süße, Säure und eine leichte Schärfe. Serviert werden die Gerichte mit Vintage-Silber-Besteck, Brot kommt auf Omas Gebäck-Tellerchen auf den Tisch und die Gerichte werden auf tiefen Tellern von der Königlichen Porzellan-Manufaktur serviert. Tim Raue ist gastronomischer Direktor auf Bötzow. „Ich sehe meinen Platz nicht in der Küche, Jaegerchen wird das als Küchenchef schon sehr gut machen. Ins Tagesgeschäft werde ich mich nicht einmischen, aber die Gerichte werden wir gemeinsam konzipieren.“ Das gesamte Gelände Bötzow zugänglich zu machen wird wohl allerdings noch ein bis zwei Jahre dauern. „Wir machen jetzt etwas, das die Türen offen hält“, sagt Raue. „Zu Preisen, die sich alle leisten können.“

Text: Eva-Maria Hilker

Foto: Esther Suave / HiPi

La Soupe Populaire im Atelierhaus auf Bötzow, Prenzlauer Allee 242, Prenzlauer Berg, Reservierungen unter: [email protected], Do-Sa 12-24 Uhr

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