Essen & Trinken

Essen auf den Berliner Partymeilen

Luigi_ZuckermannDie Kreidetafel an der Wand neben dem Tresen trägt die Spuren zahlreicher Nächte. Viele Gäste haben Liebesschwüre, Sprüche, Zeichnungen oder ihre Namen hinterlassen. Alle paar Wochen wird sie sauber gewischt, um Platz für Neues zu schaffen – nicht ohne vorher ein Foto für die Facebookseite zu machen, erklärt Jakob Scheer.

Sein Imbiss namens Scheers Schnitzel liegt an der Ecke Warschauer Straße/Stralauer Allee. Hier an der Oberbaumbrücke kreuzen sich die Achsen des Nachtlebens. Im Norden liegt die Revaler Straße mit dem RAW-Gelände, das Matrix und die Busche, im Süden auf der anderen Seite der Spree das Watergate, Magnet, Comet und die Bars rund ums Schlesische Tor. Geht man nach Osten, landet man im Salon zur wilden Renate, im Westen liegen Berghain und Kater Holzig. Deshalb kommen manche Gäste mehrmals auf ihrem Weg durch die Nacht vorbei. Oft nur auf einen Shot, den gibt es hier für einen Euro. „Beim dritten Besuch wollen sie dann was essen.“

Scheers Konzept ist simpel: Es gibt Schnitzel. Im Brötchen, mit Pommes oder Kartoffelsalat. „Das mögen alle, es ist einfach und eines der Lieblingsessen der Deutschen“. Die Zutaten wie das Fleisch kommen aus der Region und es wird stets frisch paniert und zubereitet. Auch zur nächtlichen Peaktime. „In der Regel sind die Gäste nicht in Eile, das ist eher im Mittagsgeschäft so“, erklärt der gebürtige Neuköllner.

Nach der täglichen Hektik wird nachts der Imbiss auch gerne mal zur Party ausgebaut. Jakob Scheer hat einen Laptop aufgestellt, an dem jeder seinen MP3-Player anschließen und DJ sein kann. So entstanden die ersten Spontanpartys im Laden, bei denen eine Gruppe Spanier Reggaeton auflegte und wild getanzt wurde. Mittlerweile haben auch Veranstalter wie das Proud Magazine den Schnitzelimbiss entdeckt. „Vor der ersten Veranstaltung habe ich das Mobiliar ein bisschen verstärkt, damit nichts zu Bruch geht“, lacht der Inhaber. Dass es manchmal wilder zugeht, stört hier niemanden. „Wer nachts essen geht, ist nicht auf der Suche nach gediegener Atmosphäre, die Gäste freuen sich über die Partystimmung.“

Wer spätnachts auf der Suche nach Essbarem jenseits von Döner, Pizza oder Burger ist, hat es selbst in Berlin manchmal nicht leicht. In Hamburg etwa gibt es einen Imbiss, wo sich die ganze Szene nach einem Partywochenende trifft. Bei Jakob Scheers ist es ähnlich. Er will den Nachtschwärmern ein partykompatibles Umfeld bieten.

Am Kottbusser Tor, einem weiteren zentralen Nacht-Spot, haben die Macher des Südblock einen Nachtimbiss eingerichtet. Tünya Özdemir erläutert die Idee: „Wenn man ausgeht, möchte man ja oft vorher noch was Essen, um eine gute Grundlage zu schaffen. Oder vor dem Nachhausegehen oder auf dem Weg in den nächsten Club. Bei uns müssen die Leute nicht aus ihrem Feierumfeld raus, wenn sie Hunger haben.“ Essen gibt es im vorderen Bereich des Clubs, noch vor der Kasse. So können Gäste auch nur zum Essen vorbeikommen. Bodenständige internationale Hausmannskost steht auf der Karte. Ein Klassiker ist Pastrami, ein Gericht, das aus der rumänisch-jüdischen Küche in die USA eingewandert ist. Gewürztes, gepökeltes Fleisch wird mit Sauerkraut zwischen zwei Roggenbrotscheiben serviert. Außerdem gibt es Kumpir, gefüllte türkische Backkartoffeln und Gulasch, aus Rindfleisch oder als vegane Soja-Variante.

Wenige hundert Meter weiter liegen rund um den Moritzplatz zahlreiche Clubs wie das Prince Charles, das Freudenzimmer und das Ritter Butzke. Auf dem Gelände des Kunsthauses Aqua-Carre parkte den Sommer über ein Oldtimer-Taco-Truck. Seit es kalt geworden ist, nutzen die Betreiber von Vato’s Tacos, Billy Davis und Sascha Steinfurth, zusätzlich die Kantine des Hauses. Die Idee für den Imbiss kam ihnen, als der Bruder von Billy Davis aus Texas zu Besuch kam. „Er fand es toll, dass man in Berlin nachts jederzeit Pizza oder Döner bekommen kann, vermisste aber die Tacos“, erzählt Sascha Steinfurth.
Beim Essen gilt das Prinzip der Reduktion aufs Wesentliche: Es gibt zwei Sorten Tacos, den Nacho Taco mit Rindfleisch und den Virgin Taco als vegane Variante. Dazu mexikanisches Bier und guten Kaffee. Schnell soll es gehen, die Leute sollen nicht länger auf die Tacos warten, als sie es für eine Bratwurst tun würden. Trotzdem wird alles frisch zubereitet und die Hot Sauces sind selbstgemacht.

Wer den Besuch bei Vato’s Tacos als Ausgangspunkt für eine Runde durch die Clubs nimmt, kann sich hier bereits einstimmen lassen. „Da wir beide selbst Musiker sind, ist uns der Sound auch beim Essen wichtig. Auf der Theke des Trucks und jetzt in der Kantine steht ein Plattenspieler, wo wir alles auflegen, was uns gefällt. MP3s finden wir blöd. Neulich war ein amerikanischer Gast ganz fasziniert, weil er zum ersten Mal sah, wie eine Platte abgespielt wird“, amüsiert sich Steinfurth. Freitags spielen Livebands, mal Synthesizer-Sounds und mal Jazz.

Musik spielt auch im Luigi Zuckermann in Mitte eine Rolle. „Nachts vergrößern wir gerne unsere musikalische Bandbreite über den Soul, Funk und Jazz vom Tagesbetrieb hinaus. Da wird es oft etwas lauter und lebhafter“, erklärt Manager Jan Weber. „Am meisten los ist in der Regel zwischen zehn und eins, weil viele das Deli als Ausgangspunkt für die Nacht nutzen und sich vorher noch mal stärken. Aber eigentlich mischt sich das Publikum die ganze Nacht über. Es sind Leute, die erst noch losgehen oder auf dem Nachhauseweg vorbei kommen, und andere, die zwischen zwei Bars schnell was essen wollen.“ Prinzipiell ist immer alles da, „aber natürlich gehen nachts die deftigen Sachen am besten“, so Jan Webers Erfahrungen.

Text: Lene Bayerlein

Foto: Daniel Friebel/HiPi (Luigi Zuckermann)

Scheers Schnitzel
Warschauer Straße, Ecke Stralauer Allee, Friedrichshain, Tel. 0157-889 48 011, www.scheers-schnitzel.de, Fr 12-3 Uhr, Sa 18-3 Uhr

Südblock
Admiralstraße 1-2, Kreuzberg, Tel. 609 418 53, www.suedblock.org, Fr + Sa Nachtimbiss bis mindestens 3 Uhr

Vato’s Tacos
im Aqua-Carre, Lobeckstraße 30-35, Kreuzberg, www.vatos-tacos.com, Mi-Fr 18-24 Uhr, Öffnungszeiten des Trucks je nach aktuellem Standort

Luigi Zuckermann
Rosenthaler Straße 67, Mitte, Tel. 28 04 06 44, www.luigizuckermann.com, So-Do 8-24 Uhr, Fr + Sa durchgehend geöffnet

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