Festival

Essen mit Anliegen: Stadt Land Food 2016

Festivals rund um unsere Lebensmittel gibt es jede Woche – aber keines kümmert sich um den Genuss und dessen gesellschaftliche Grundlagen so wie Stadt Land Food

Stadt Land Food Festival 2014

Fassen wir nochmal kurz zusammen. Es gab in diesem Jahr schon Festivals für Craft Bier, für Kaffee, für Feinschmecker, für Veganer, für Gegrilltes. Eines für Eis fand dann doch nicht statt, ein anderes für Eis aber schon. Es gab wie immer die Grüne Woche für die Lebensmittelindustrie und jede Woche gibt es Streetfood-Events. Eine Trendshow, wie die ehemalige Modemesse Bread&Butter, behandelt neben Mode und Musik inzwischen auch „Food“, wie man das in dieser Szene nennt. Und dann gibt es da noch regelmäßig Großveranstaltungen, die vor allem zu existieren scheinen, weil jemand einen guten Draht zu einem Küchenhersteller hat. Gegen all das ist ja gar nichts zu sagen. Nur gibt es  auf solchen Veranstaltungen immer wieder Momente, in denen man sich fühlt, als sei man in eine Dauerwerbesendung geraten.

Das würde einem bei Stadt Land Food nicht passieren. So viel ist schon mal klar. Hier geht es ums Große und Ganze. Um den Genuss und um dessen Grundlagen. In Zeiten atomisierter Foodtrends mit allen nur erdenklichen Mikronischen ein wohltuender Ansatz. Und erstaunlicherweise bei all den vielen Veranstaltungen rund ums bessere Essen ist das immer noch ein Alleinstellungsmerkmal.
Immer noch ist der Weg zwischen Stadt und Land ganz schön weit. Da muss man nur mal einen Bauern aus dem Umland fragen. Wenn man noch einen findet. Denn durch die niedrigen Lebensmittel- und die explodierenden Landpreise werden kleine Höfe gerade regelrecht zerrieben. Schon seit sechs Jahren geht das „Wir haben es satt“-Bündnis deshalb für eine bäuerliche, ökologischere und sozial gerechtere Landwirtschaft auf die Straße. Darum und um Fragen der weltweiten Ernährungssouveränität geht es dann auch auf dem Kongress der Bewegung, der zum zweiten Mal parallel zu, besser gesagt gemeinsam mit Stadt Land Food stattfindet.

Wie das schmeckt, wenn Stadt und Land auf dem Teller zusammenkommen, das zeigt etwa das Stadt-Land-Food-Menü, das es dieses Jahr zum ersten Mal gibt. 20 Restaurants sind beteiligt, die jeweils mit einem Hof aus dem Umland kooperieren und ein Produkt in den Mittelpunkt stellen und somit erfahrbar machen. Der Erzeuger bekommt eine Plattform für sein Produkt, die Esser bekommen ein Gesicht zum Geschmack. Im besten Fall ist das für beide Seiten lehrreich. Mit dabei sind natürlich „brutal-lokale“ Restaurants wie das Nobelhart & Schmutzig, Einsunternull, das Horváth oder Dylan Watson vom Supperclub Ernst, also alles Leute, die schon länger dieses Feld beackern und entsprechend gerade die Gemeinschaft für gute deutsche Esskultur gegründet haben.

Dass Essen etwas ist, an dem Identitäten verhandelt werden, etwas, dass die Menschen zusammenbringt und es ihnen ermöglicht, Wurzeln zu schlagen, das zeigt der United Street Food Market an der Lausitzer Straße, den Kavita Meelu initiiert hat. Hier kochen Einwanderer aus der ersten bis vierten Generation.

Das Projekt ist Teil der Inititive Souk Berlin. Bis 2020 soll ein Ort in Berlin entstehen, der den kulturellen und kulinarischen Identitäten von Neuberlinern Raum gibt. Auch Mothers Mother ist Teil der Initiative. Ursprünglich als Supperclub gegründet, bei dem die Köche ein Menü nach Rezepten ihrer Oma zubereiten mussten, ist daraus ein Empowerment-Projekt für Flüchtlingsfrauen geworden, aus dem ein Start-up entstehen soll.
So sieht man, wie sich Identitäten ändern können. Trug die Foodie-Bewegung anfangs schon mal elitäre Züge, immerhin werden auch soziale Grenzen entlang des Essens ausgemacht, entdeckt sie immer mehr ihre soziale Seite.  Und eben die Kraft, die im (gemeinsamen) Essen steckt.

Unklar schien hingegen lange, ob es überhaupt eine zweite Auflage von Stadt Land Food geben wird. Zwar kamen bei dem fulminanten Auftakt im Oktober 2014 rund 100.000 Besucher, die bei zauberhaftem Herbstwetter in und um die Markthalle Neun in Kreuzberg flanierten, wo etwa 150 Stände aufgebaut waren. Doch auf ihre Kosten kamen die Veranstalter nicht. Bei vielen Workshops und Veranstaltungen war der Eintritt ja frei. Wenn dieses Jahr an vielen Ständen gelbe Soli-Bändchen für einen Euro verkauft werden, dann ist das also kein Witz, sondern eine Notwendigkeit.
Und wo wir schon bei den Ständen sind:  Ein riesiger Markt mit Street Food, lokalen Produzenten, wildem Gemüse,  noch wilderen Weinen und überhaupt wortwörtlich Geschmackvollem ist dieses Festival selbstredend auch.

Stadt Land Food
DAs Festival Stadt Land Food findet von Samstag, 1. Oktober, bis Montag, 3.Oktober, in der Kreuzberger Markthalle Neun, Eisenbahnstraße 42/43, statt. Der Eintritt ist frei.
www.stadtlandfood.com

Der Kongress Parallel zum Festival findet In der Emmaus-Kirche auf dem Lausitzer Platz wieder der Fachkongress des ernährungspolitischen Bündnisses „Wir haben es satt“ statt. Alle Informationen unter:
www.wir-haben-es-satt.de

Stadt-Land-Food-Menü 30 Berliner Restaurants, darunter das Richard, Lode & Stijn, das Roy & Pris, die Cordobar, das Spindler … , haben sich mit jeweils einem regionalen Produzenten zusammengestan und ein Menü kreiert, das sie vom 23. bis zum 31. September anbieten werden:
www.stadtlandfood.com/menue

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