Essen & Trinken

Gastro-Pubs in Berlin

Wer sagte nochmal, die Briten hätte keine Esskultur? In den neuen  Gastro-Pubs zeigt sich die britische Kulinarik gewohnt trinkfreudig – aber nicht minder delikat. Ungebrochen ist die Leidenschaft für alles Deftige.

Gastro-Pubs in Berlin

Ein Baum steht mitten im Raum, an einem Zweig hängt ein ausgestopfter Vogel. Beides war schon da, als die Schotten Rachel und Barry Burns ins ehemalige „Donaueck“ einzogen sind, ebenso die lange, einladende Bar, die Holzvertäfelung und das Gros des Mobiliars. „Wir wollten möglichst viel von der alten Kneipe erhalten und damit ihre Geschichte bewahren“, sagt Rachel Burns. Auch den Namen haben sie so ausgesucht, dass er in beiden Sprachen Sinn ergibt. „Gift“ heißt im Englischen nicht nur „Geschenk“ oder „Gabe“, in Glasgows Pubs lautet die Standard-Frage danach, welchem alkoholischen Getränk man zugeneigt ist: „What’s your poison?“

Pubs sind auf den britischen Inseln traditionell Orte, an denen Trink-, Treff- und inzwischen auch Esskultur Hand in Hand gehen. In manchen von Ihnen kann man ganze Tage verbringen. Tee- geht allmählich in Alkoholkonsum über. Es entspinnen sich Gespräche über Generationen hinweg.
Seit den 90ern wird in sogenannten „Gastropubs“ auch immer mehr Wert auf gute Küche gelegt. Dieses Konzept ist  allmählich auch in Berlin angekommen. So auch im „Gift“, wo die Speisen passenderweise als „Gegengift“ firmieren, das es zunächst nur zu besonderen Anlässen gab. Inzwischen serviert die Küche täglich traditionell schottisches Essen, das glücklicherweise weit entfernt ist von den frittierten Marsriegeln, die man auf Glasgows Touristenmeilen erwerben kann.

Um das Nationalgericht „Haggis“ ranken sich seit eh und je wilde Mythen. Manche Schotten erzählen, es handle sich um ein kleines Tier, das stets im Kreis um die Highland-Hügel hetzt und dessen Beine darum auf einer Seite verkürzt sind. In Wirklichkeit ist es eine raffinierte Mischung aus Innereienhackfleisch und Hafer. Rachel Burns importiert den höchst deliziösen Haggis wie auch die Blutwurst-Spezialität „Stornoway Black Pudding“ von preisgekrönten Traditionsbetrieben direkt aus ihrer Heimat. Fleischskeptiker haben die Möglichkeit, eine vegetarische Haggis-Variante mit Kidneybohnen zu probieren.

Die Fischgerichte haben zwar weniger Anekdotenpotential, sind aber allesamt kulinarische Kleinode. Der gebratene Räucherlachs mit Honig und Senfkörnern beispielsweise oder die hausgemachte Makrelenpastete bieten Anlass zum Schwärmen. Perfekt passen dazu herzhafte Haferkekse oder Sodabrot, liebevoll gebacken mit einem Schuss Laphroaig-Maltwhisky.

Als Klassiker der Pubfood-Küche galten bisher eher schlichte, deftige Gerichte wie Fish and Chips, Würste oder Steak Pies. Wer indes im Salt n Bone im Prenzlauer Berg an einem der schwarzen Tische unter dem gedämpftem Licht der Glühdrahtlampen Platz nimmt, wird auf der Speisekarte einige Überraschungen entdecken. Das sogenannte „Scotch Egg“, auf den britischen Inseln eher zweifelhafter Picknicksnack, den sich – anders als der Name suggeriert – einst die Engländer ausdachten, erfährt eine spannende Neuinterpretation: Statt steinhart gekocht wird das Ei hier halb weich mit hausgemachtem Wurstmantel umhüllt, außen rundet eine Schicht knuspriger japanischer Panko-Brotstreusel die Kreation ab.
Für die aufgepieksten Fleischwürfel „Meat on a Stick“ wird Schweinebauch über Nacht in einer dickflüssigen Sojapaste geschmort. Jede Woche gibt es beim „Sunday Roast“, der sich an das traditionelle Wochenend-Familienessen auf den britischen Inseln anlehnt, zudem wechselnde Fleischspezialitäten wie Rinderbraten mit Schwarzbier und irischem Kohl oder Schweinshacksen mit Griebenschmalz.
Das Fleisch beziehen die Gastgeber Rebecca Lynch und Andrew Costello vor allem aus dem Havelland. „Wir würden gern öfter original irisches Lamm anbieten“, sagt Lynch, „aber noch wichtiger ist uns der regionale Bezug“. Sie lebte als Kind schon einmal in Berlin, seit sieben Jahren wohnt sie nun in Prenzlauer Berg und hat beobachtet, wie die Eltern der Babyboom-Generation langsam wieder den Weg aus den Kinderzimmern in die Kneipen finden. Allerdings mit gehobenen gastronomischen Ansprüchen. Die erfüllt das „Salt n bone“ auch beim Nachtisch, etwa dem „Stoutaholic“, einem saftigen Schokoladenkuchen mit Guinness-Sauce.
Wenn Teller und Dessertgläser abgeräumt sind, gehen in einem Gastropub noch lang nicht die Lichter aus. Anders als auf den Britischen Inseln, wo trotz offizieller Aufhebung der Sperrstunde viele Orte den Betrieb schon vor Mitternacht beenden, kann man in Berlin „open end“ an Tisch und Tresen verweilen. Und im Salt n Bone Barman Andrew Costello beim Mixen seiner Cocktailkreationen mit abenteuerlichen Namen wie „The Ginger Pirate“ oder „Debbie does Dessert“ zuschauen.
Wer sich für Das Gift entschieden hat, könnte den Rest der Nacht allein mit der Musikauswahl an der original 80er Jahre Jukebox verbringen. Sogar Promis wie Robert Smith von „The Cure“ haben eigene Playlisten beigesteuert, erzählt Barry Burns, selbst Keyboarder und Gitarrist der Glasgower Postrockband Mogwai. Dazu nun ein köstliches kaltes Bier, wie das der schottischen Brauerei „Brewdog“.

Und dann kommt der Whisky. Schwerpunkt sind hier die legendären torfigen Single Malts von der Insel Islay, darunter Klassiker wie Ardbeg, aber auch weniger bekannte wie Bruichladdich oder der wunderbare Bunnahabhain. Ein letzter Drink, gälisch „deoch an doras“, darf es noch sein. Bevor es irgendwann – leider – doch auf den Heimweg geht.

Text:
Teresa Schomburg

Foto:
2015 Max von Saurma / www.saurma-fotografie.de

Berliner Gastro-Pubs

Das Gift Donaustr. 119, Neukölln, Mo–So ab 17 Uhr (Essen bis 22 Uhr)
Salt n Bone Schliemannstr. 31, Prenzlauer Berg, Tel. 91 44 88, Di–So ab 17 Uhr
The Lir Flensburger Str. 7, Tiergarten,  ?Tel. 3 92 85 02, Mo–So ab 17 Uhr
East London Mehringdamm 33, ?Kreuzberg, Mo–Fr 11.30-23 Uhr, Sa–So 10–23 Uhr

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