Essen & Trinken

Gastronomen und Touristen

c_esther_suave_hipi.jpg„Natürlich sind Touristen wirtschaftlich sehr wichtig für uns“, sagt Rainer Menning (Foto), Inhaber des Weltrestaurants Markthalle in Kreuzberg. Die Karte wirkt auf den ersten Blick wie ein Fremdsprachenlexikon – sie ist in fünf Sprachen gedruckt (Deutsch, Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch). Menning ist jedoch der Meinung, dass man den Touristenandrang nicht forcieren soll. „Die Leute kommen hierhin, weil sie den urigen Charakter mögen. Sie haben das ewige Stühlerücken eines beflissenen Oberkellners satt. Deswegen kommt auch Quentin Tarantino zu uns, wenn er in der Stadt ist.“ Urig ist es hier allemal, einfache Holztische und Stühle stellen das Inventar. Außer zwei düsteren Bildern gibt es keine Deko, noch nicht einmal Musik ist zu hören. Neben Tarantino sind vor allem spanische Touristen vom Wirtshausflair angetan. Seit 20 Jahren führt Menning das Restaurant und hat in dieser Zeit kaum Änderungen am Konzept vorgenommen. „Wir haben nach der Wende eben nicht auf hip gemacht und damit sind wir heute noch erfolgreich.“ Mit ernsthafter Stimme gesteht er: „Sicher ist es zum Teil auch schwierig mit so vielen Touristen, wir wollen nicht die Stammkundschaft vergraulen.“ Menning spricht damit den Aspekt der Authentizität an. Denn die lebt auch von der Authentizität der anwesenden Gäste.

Während sich Rainer Menning dieses Konfliktpotenzials bewusst ist, sieht der Inhaber des Restaurants Silberlöffel am Maibachufer, Ayhan Yuvanc, keinerlei Nachteile am Touristenboom. „Wir lieben die Touristen! Circa 50 Prozent unsere Gäste sind nicht von hier.“ In ein Schema lässt sich das Publikum allerdings nicht packen. „Wir haben hier alles, von ausländischen Geschäftsleuten über die Senioren-WG von nebenan bis hin zu jugendlichen Gruppen und Studenten, die zu Besuch sind und das Leitungswasser zum Wiener Schnitzel mitbestellen“, erzählt Mitarbeiterin Jasmin Kemera. Angepöbelt wurde sie aber noch nie. Auch wenn die Kellnerin die Entwicklung begrüßt, gibt es einen kleinen Wermutstropfen: „Die Touristen könnten ein bisschen mehr Trinkgeld geben.“ Hin­weise auf die Karte zu drucken а la „Tip is not Included“ ist keine Alternative im Silberlöffel. Auch nicht für Christina Schey, die seit zehn Jahren in der Volckswirtschaft in Friedrichshain arbeitet. „Es kommen sehr viele Franzosen, die geben kein Trinkgeld, das ist das einzige Negative“, sagt sie. Ob das die Kunden aus dem Kiez auch so sehen? Denn in der Volckswirtschaft findet eine Segregation statt. „Tagsüber kommen Kiezbewohner und abends Franzosen.“ Das erklärt auch die unterschiedlichen Preise für die „kreativ-bürgerliche Küche“. Die Franzosen fallen nicht durch extremes Trinkverhalten, sondern durch mangelnde Englischkenntnisse auf. „Ich muss die Karte oft mit Händen und Füßen erklären“, meint Christina Schey.

c_esther_suave_hipi.jpgDas gibt es im Restaurant Stadt Land Fluss im Prenzlauer Berg nicht. „Bei uns arbeitet überwiegend geschultes Fachpersonal, das mehrere Sprachen spricht“, betont Andreas Böhm (Foto), einer von vier Geschäftsführern. Die Farben der Inneneinrichtung sind aufeinander abgestimmt. Das zarte Flieder an den Wänden harmoniert mit dem dunklen Lila der gepolsterten Sitzbänke und dem hellen Holz der Tische und Stühle. Überhaupt ist alles sehr akkurat. Die Gäste finden beim Eintreten perfekt eingedeckte Tische. „Unser Ziel ist es, hochwertige regionale Produkte erstklassig zu präsentieren“, meint Andreas Böhm. Die Touristen, die zu ihm ins Restaurant kommen, gehören zu einer besonderen Spezies, „die Essengehen als Event begreift“. „Foodtouristen“ nennt Böhm sie, „die sich gezielt informieren, zum Beispiel über Slowtravel und Foodspotting.“ Böhm beschreibt eine Entwicklung, die in der Fachsprache unter dem Begriff Glokalisierung zusammengefasst wird. Die Verbindung der beiden Wörter Global und Lokal bezeichnet einen Prozess, bei dem Internationalität und Weltoffenheit gleichzeitig mit regionaler Verwurzelung funktioniert.

c_esther_suave_hipi.jpgAls Glokalisten könnte man auch Nam Cao Hoai, den Besitzer des Restaurants Dudu in Mitte bezeichnen. Als Sohn vietnamesischer Eltern ist er auf der Torstraße aufgewachsen und hat 2008 sein Restaurant eröffnet. Man sitzt an einfachen, schwarzen Bierbänken, drinnen hängen über der Bar rote Kois, das Markenzeichen des Dudu. Ansonsten wird auf Understatement gesetzt. Schlichte lange Massivholztische laden zum Gespräch mit den Tischnachbarn ein. Tischläufer hingegen wären hier ein absolutes No Go. Auch wenn Karl Lagerfeld, David LaChapelle und andere nationale und internationale Kreative gerne bei ihm essen, hat Inhaber Nam die Bodenhaftung nicht verloren.“Ich begegne jedem mit dem gleichen Respekt und will aber auch selbst so behandelt werden.“ Wer sich daran nicht hält, muss gehen. „Ich habe neulich das erste Mal tatsächlich eine englische Touristengruppe rausgeschmissen, weil sie arrogant und herablassend war.“ Eine weitere Klientel kann Nam nicht leiden: „Touristen, die beim Bezahlen einen Stapel Coupons auspacken, das ist abturnend.“ Sonst hat er nichts gegen Touristen: „Sie bringen Leben in die Stadt und machen das Dudu zur kulturellen Begegnungsstätte.“

Text: Nasiha Ahyoud

Fotos: Esther Suave / HIPI

ADRESSEN

Weltrestaurant Markthalle Pücklerstraße 34, Kreuzberg, Tel. 617 55 02, www.weltrestaurant-markthalle.de; tgl. ab 10 Uhr

Silberlöffel Maybachufer 21, Neukölln, Tel. 62 90 00 43; tgl. ab 10 Uhr

Volckswirtschaft Krossener Straße 17, Friedrichshain, Tel. 69 20 68 61, www.volckswirtschaft-berlin.de; tgl. ab 10 Uhr

Stadt Land Fluss Pappelallee 65, Prenzlauer Berg, Tel. 40 57 47 36; www.slf-restaurant.de; Mo-Fr ab 18 Uhr, Sa+So ab 10 Uhr

Dudu Torstraße 134, Mitte, Tel. 51 73 68 54, www.dudu-berlin.de; Mo-Fr ab 12-24 Uhr, Sa+So ab 14-24 Uhr

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