Essen & Trinken

Genusskultur: Cupping in Berlin

CK_Cafe-31Wein natürlich, Olivenöl auch, ja sogar Balsamico – verkostet habe ich schon so einiges. Aber jetzt Kaffee? Wenn damit gemeint ist, den geeisten Karamell-Latte-macchiato von einem zimtbestreuten Cappuccino mit Schokonote zu unterscheiden – na klar, dann bin ich sofort dabei. Doch das, was Cory Andreen (Foto) beim sogenannten Cupping gerade auf der Theke seines Cafйs CK im Prenzlauer Berg anrührt, sieht, ehrlich gesagt, mehr als unappetitlich aus: ein ungefilterter brauner Sud aus gemahlenem Kaffee und lauwarmem Wasser. Bisher hielt ich mich eigentlich für eine informierte Kaffee-Liebhaberin. Immerhin kann ich die original italienische Angebermaschine in unserer Büroküche leidlich bedienen – nachdem ich mich unauffällig direkt hinter der Kollegin eingereiht habe, die die Milch immer so schön aufschäumt. Doch das hier? Kein Milchschaum, nirgends.

Cory bemerkt meinen ungläubigen Blick. Und sagt in fast perfektem Deutsch: „Ich weiß, das Schlürfen des Kaffeemehl-Wasser-Mix ist für Anfänger erst mal ein bisschen ungewohnt.“ Sein Akzent lässt mich aufhorchen: Ausgerechnet ein Amerikaner will mir also erklären, was ein guter Kaffee ist? Einer immerhin, der schon seit fünf Jahren in Berlin wohnt. Aber trotzdem jemand aus dem Land, in dem statt eines ordentlichen Espresso noch immer ein ominöses, dünnes Wasser serviert wird, free refills inklusive. Doch ehe ich mich weiter echauffieren kann, lenkt Cory meinen Blick auf eine glänzende Plakette, die über seinen Kaffeemühlen hängt: „Cupping World Champion 2012“, steht da. Ich habe es also mit niemand Geringerem als dem weltbesten Kaffeetester zu tun. Der Mann scheint zu wissen, was er tut. Jetzt bloß nicht schon beim Geruchstest versagen, denke ich, während Cory fünf kleine Schälchen mit frisch gemahlenem Kaffee vor mir abstellt. Schließlich schnuppere ich nicht als Einzige an dem dunklen Pulver, neben mir nimmt noch eine Handvoll Cafй-Besucher an der Verkostung teil.

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Beim Blind-Tasting geht es darum, die Aromen zu definieren und die Herkunfts­länder zuzuordnen. Zuerst wird nur gerochen: Ein hochgewachsener Typ neben mir in dicker Winterjacke steckt seine Nase so hingebungsvoll in die Tassen, schnuppert erst hier, dann dort, und murmelt von einer „leicht fruchtigen Note.“ Gut, dass er nicht bemerkt, wie ich aus Versehen einen zu tiefen Zug nehme. Und das Ganze wie Schnupftabak einatme. Cory grinst und sagt: „Ein Kaffee hat viel mehr Aromen als Wein.“ Von den fünf Schälchen unterscheidet sich für mich trotzdem nur eines, das tatsächlich sehr aufdringlich zitronig riecht. Der Rest riecht einfach nur nach – Kaffee. „Beim Geschmackstest hast du sicher mehr Glück“, tröstet Cory.

CK_Cafe-27Doch zunächst filtert er das Wasser – das Berliner Leitungswasser sei zu hart. Dann gießt er es vorsichtig in die kleinen Schalen, das braune Pulver schwimmt oben und sammelt sich langsam zu einer dicken Kruste. Schon will ich todesmutig die Schale an die Lippen setzen, da bremst mich der Typ in der Winterjacke: „Nein, nein, doch nicht so!“ Er reicht mit eine Art Suppenlöffel, das Cupping-Besteck. Damit brechen wir vorsichtig die Kruste, schöpfen ein bisschen Flüssigkeit ab – und schlürfen den Mix in uns hinein. Lautstark. Denn nur so zerstäubt man die Masse in einen feinen Nebel, der dann über den Rachen in die Nase gelangen kann. Die Profis um mich herum spucken aus, ich schlucke lieber runter – vielleicht bringt das ja ein paar Extra­geschmacks­punkte.

Und siehe da, Nummer eins schmeckt irgendwie … „Holzig!“, rufe ich triumphierend. „Ja, wie tot“, nickt der Winterjacken-Typ anerkennend. Cory löst auf und zeigt uns die Packung: Nummer eins ist ein sogenannter Konzeptkaffee aus nicht gewaschenen, sondern sonnengetrockneten Bohnen. „Tastes­ like strawberry“, wirbt der Produzent auf dem Label. Von wegen Erdbeer­geschmack – wie kann das sein? Cory zuckt mit den Schultern: „Vielleicht war es gestern großartiger Kaffee, aber heute ist er wohl einfach nicht mehr frisch.“ Ich fühle mich plötzlich wie ein echter Cupping-Profi.

Text: Johanna Rüdiger

Fotos: harry Schnitger

Cupping Immer mittwochs, 13 Uhr, verkostet Cory Andreen sortenreine Kaffees aus allen Ecken der Kaffeewelt. Die Teilnahme ist kostenfrei.

Cafй CK, Marienburger Straße 49, Prenzlauer Berg, www.cafeckberlin.com

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