Essen & Trinken

Gesunde Ernährung: Verzicht ist der neue Luxus

Foto: Catherine Gericke Are you hungry? Was für eine Frage. Über keine andere Konsumentscheidung denken wir so oft nach wie über unsere Lebensmittel. Was essen? Was kochen? Was kaufen? Oder ist dem vielleicht gar nicht so? Bleiben viele unserer Mahlzeiten doch eher gewohnte Routine als bewusst erlebtes Ritual? Unsere Alltagskultur jedenfalls, von den Tim Mälzers des Fernsehens bis zu neuen Berliner Orten wie der Kreuzberger Markthalle Neun, ist voll von Indizien, die vollmundig von jener Konjunktur des Kulinarischen künden.

Die Zahl der Vegetarier beispielsweise, der Bundesbürger also, die von sich selbst sagen, keine fleischlichen Produkte zu essen, ist seit 2007 indes um nicht einmal fünf Prozent von 6,6 auf 6,9 Millionen gestiegen. Eine im europäischen Vergleich immerhin leicht überdurchschnittliche Quote. Überdurchschnittlich aber ist vor allem die Aufmerksamkeit, die unserem täglichen Brot gegenwärtig entgegengebracht wird. Was aus dem Blickwinkel der Veganer und Vegetarier immerhin auch bedeutet: Endlich bekommen sie auch in einem nur durchschnittlich ambitionierten Restaurant nicht mehr nur die Sättigungsbeilagen und ein paar Salatblätter vorgesetzt. Wobei es gerade in Berlin, im Cookies Cream etwa oder in Michael Hoffmanns vor wenigen Tagen geschlossenen Margaux, schon länger Orte gibt, an denen eine großartige Küche nur oder vor allem fleischlos ist.

Es bleibt zu konstatieren: Essen ist in aller Munde, ist Talk of the Town. Zumindest aber ist es ein zentraler Baustein im Patchwork der eigenen Identität. Manche vergleichen den Stellenwert unserer Nahrung, ihres Konsums und ihrer Zubereitung, zumal in jungen, gut ausgebildeten, urbanen Milieus, bereits mit dem Stellenwert, den die Popmusik lange hatte. Autos zumindest, um ein anderes Distinktionsmodell zu benutzen, spielen diese Rolle im breiten gesellschaftlichen Diskurs längst nicht mehr.

Ausweitung?der Mampfzone

Unter dem Motto „Wir haben es satt“ demonstrierten am 18. Januar während der Grünen Woche mehr als 25?000 Menschen vor dem Bundeskanzleramt für nicht weniger als eine neue Lebensmittelkultur. Von allen Rednern fand Carlo Petrini, Vorsitzender von Slow Food, die eindrücklichsten Worte. Er sprach nicht über Genmais, über eine Kolonialisierung der Agrarproduktion oder über zu viele, zu nackte Legehennen in zu kleinen Käfigen. Er sprach vor allem über den auch kulturellen Reichtum einer kleinteiligen, regional verwurzelten Agrarkultur. Familiengeführte Betriebe in pittoresken Hügellandschaften, die Almen der Alpen, die Olivenhaine in der Toskana.

Weiterlesen: Von wegen Verzicht – Eine neue Generation von Veganern und Vegetariern erobert gerade die ?gastronomische Szene.

Carlo Petrini packte die Lust am Essen wie die Sorge um dessen Produktionsbedingungen in eine positive Erzählung. Seine Rede war eben gerade keine Verzichtserklärung. Weit weg war sie von jener tristen Semantik, die den nachhaltigen Umgang mit der Nahrung so lange begleitet hatte. Damals, als man noch ins Reformhaus ging, um sich von Schonkost zu ernähren. Dort die barocke Fleischeslust, hier die calvinistische Ethik der Enthaltsamkeit – so einfach lassen sich die unterschiedlichen Fraktionen eben nicht mehr charakterisieren. Spaß macht längst auch der vegane Burger und vor dem Freilandschweinebraten ist auch ein Moment der Nachdenklichkeit erlaubt.

Aber: Sind es letztlich nicht vor allem gut situierte oder zumindest gut ausgebildete Städter, die diese Lebens- und Sehnsuchtswelten begehren, während längst in jedem abgelegenen Alpental auch ein Discounter steht und sich selbst die großen Biomarktketten schwer damit tun, auf dem flachen Land „nachhaltig“ zu wachsen? Was nun keineswegs heißen soll, dass sich die Menschen dort per se weniger Gedanken darüber machen, was sie denn so essen oder ihren Touristen vorsetzen. Heißen soll es, dass unser Lebensstil, der mehr denn je auch ein Ernährungsstil geworden ist, immer auch gemeinschaftlich ausgehandelt wird. In den kreativen, exaltierten Milieus einer Großstadt verhandelt sich das eben besonders gut.

Diese Demo also war ein eindrückliches Bekenntnis einer kulinarischen Gegenkultur, die an diesem Januarsamstag ganz sinnbildlich zum Mainstream Berlins geworden war. Und wie es sich für ein Mainstream-Phänomen gehört, hatten auch ihre Zeichen nicht mehr die Eindeutigkeit einer verschworenen Gegenkultur.

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