Essen & Trinken

Groß aus Prinzip: The Grand

the_grand_c_jan_wirdeier_hipiWie zur Zeit angesagt, muss man diese neue Adresse aber erst einmal finden. Es ist tatsächlich das graue, unscheinbare Gebäude neben dem Berliner Verlag. Die Inneneinrichtung setzt Maßstäbe. Es ist eine Verbindung aus Ruine, britischer Old-School-Eleganz und einer Sammelleidenschaft für Skurriles. Aber zwischendurch findet man auch Zeichen anspruchsvoller Kunstliebhaberei. Martin Hölzel, bekannt vom Rodeo, und Jesko Klatt von Spindler & Klatt haben alles richtig gemacht. Und mit Rainer Möckel, dem stadtbekannten Restaurantleiter, ist ein guter Gastgeber vor Ort, mit dem es sich hervorragend plaudern lässt. An seiner Auswahl der Weine lässt sich nichts mäkeln. Der Chablis, der sowohl als Flasche als auch offen serviert wird, passt einfach. Mit Tilo Roth, früher Küchenchef im Rodeo, hat man sicher auch eine gute Wahl getroffen.

Vielleicht lag es am wechselhaftem Wetter an diesem Abend. Die Gäste schwankten zwischen Terrasse und Innenraum, die Begleitung hin und her bei der Wahl der Gerichte. Die Speisekarte umfasst etliche Seiten. Jedenfalls glänzte der Service mit professioneller Routine, doch beim Gang zur Toilette war nicht zu überhören, wie sich dieser anzickte und recht unappetitliches Vokabular benutzte. Vielleicht lag es auch daran, dass der Mann für den Southbend-Ofen krank war, jedenfalls fehlten dem Steak die typischen Röstaromen. Eigentlich hat man diesen Ofen extra dafür. Den kann man auf 800 Grad hochjagen, damit die Fleischstruktur innen erhalten, sprich das Steak saftig bleibt, während es außen richtig kross gegrillt wird.
Vielleicht lag es an uns und wir hatten an diesem Tag einfach das Falsche bestellt.

Das Menü: Bei der Vorspeise war der Schweinebauch wunderbar zart und aromatisch, die schwarze Nuss und die rote Bete ganz nett, aber der kleine Oktopus auf dem Tintenfischsalat eher Gummi. Kann vorkommen. Die Artischocke als Zwischengang war ganz okay. Aber warum da im Herzen dieser fein cremigen Blüte eine Caponata lauert? Ein Blick auf die umliegende Tische zeigt: Die Gäste mögen’s. Der Hauptgang, das Kalbsfilet, war erstklassig, die dazugehörige Kalbsschwanz-Semmel-Crepinette (eine Art Wurstscheibe) ein bisschen zu pappig, die Pfifferlinge knirschten. Für diese Art von Speisen muss man nicht ins The Grand pilgern, diese Küche gibt es auch in guten Hotels. Vielleicht deshalb die Anspielung mit dem Namen The Grand? Abschließend erinnert man sich gerne an Tilo Roths Qualitäten im Rodeo. Daran, manchmal einfach auch etwas zu wagen, mit Zutaten zu spielen, dass man Spaß am Essen hatte. Jetzt aber ist alles bedeutend, schwergewichtig und um die Mitte-Karawane bemüht. Die sich gerne an diesem neuen Ort sehen lässt.

Text: Eva-Maria Hilker

Foto: Jan Wirdeier / HIPI

tip-Bewertung: Zwiespältig

The Grand Hirtenstraße 4, Mitte, Tel. 27 89 09 95 55; U+S-Bhf. Alexanderplatz; tgl. 18-23.30 Uhr; Speisen 6 bis 39 €, Softdrinks ab 3 €, Bier (0,3 l) 4 €, Wein (0,1 l) 4 €, Fl. Wein (0,75 l) ab 30 €

Mehr über Cookies erfahren