Der Kommentar

„Heute bleibt die Küche kalt“ von Clemens Niedenthal

Der tip-Gastroredakteur über Essen als Rockkonzert, Markthallen und das Kochverhalten der krea­tiven urbanen Mittelschicht.

Essen ist das neue Pop. Haben wir n dieser Stelle ja schon häufiger erzählt. Und ja, da ist auch tatsächlich etwas dran. Zumal in einer Stadt wie dieser, die sich so sehr über das öffentliche Leben definiert. Essen ist das neue Rockkonzert, ist die durchgetanzte Nacht im Club. Die neue CD-Sammlung ist Essen eher nicht.
Was hatte doch Hallenmanger Yiannis Kaufmann bei aller neuerlichen Begeisterung über die vor wenigen Jahren fast verwaiste Arminiusmarkthalle festgestellt: „An jedem neuen Stand soll auch ­immer etwas verkauft werden, das man auch nach Hause mitnehmen kann – aber es ist ganz klar so, dass die Leute eher zum Essen in die Halle kommen.“ Auch an den Ständen der Markthalle Neun zeichnet sich ein ähnliches (Stimmungs-)Bild. Und ein neues Konzept wie das Candy on Bone am Planufer, rechts die ambitionierte Mittagsküche und links das Delikatessengeschäft, wird noch zu beweisen haben, dass die Leute nicht nur zum Essen kommen – sondern auch zum Essen einkaufen.
Liegt das nun daran, dass die krea­tive urbane Mittelschicht – trotz anderweitiger Gerüchte – doch selten selber kocht? Oder ist es einfach schick, schick essen zu gehen, während zuhause ja keiner sieht, was man sich da so genau in den Kühlschrank packt. Es steht Berlin gut, inzwischen an so vielen Orten gut essen zu können. Den Berlinern würde es gut stehen, das Thema ganzheitlicher in ihren Alltag zu integrieren.

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