Kommentar

„Hunger nach Bedeutung“ von Clemens Niedenthal

Clemens Niedenthal
Clemens Niedenthal

Was Du auch machst, mach es nicht selbst“, haben die notorisch cleveren Tocotronic einmal gesungen. Die Hiphop-Nihilisten von Deichkind plädieren ganz in diesem Sinne fürs „Selbermachen lassen“. Das Milieu und seine Affekte, aus dem beide Lieder erzählen, kennen wir nur zu gut. Kein Selbst mehr ohne Selbstverwirklichung. „Wo hast Du den diese tolle Salami gekauft?“ „Gekauft? Die habe ich selbst gewurstet.“
„Schaufensterkochen“ nennt die österreichische Kulturwissenschaftlerin Klara Löffler dieses Phänomen. Ein urbanes, gut ausgebildetes und kulturell interessiertes Milieu trifft sich zu Kochkursen, bei denen nicht mehr das Erlernen einer kulturellen Technik im Mittelpunkt steht und schon gar nicht der Anspruch, fortan tagtäglich besser zu kochen. Es geht, so die Wissenschaflerin, vielmehr ums „coole Kapital, um die Behauptung einer Kennerschaft“.

Nun haben Tocotronic und Deichkind gut singen – sind sie doch per definitionem kreative Künstlermenschen. Wir übrigen müssen uns das kreative Kapital mühsam  erarbeiten. Oder dazukaufen. Bei einem Kochkurs beispielsweise.
Als ich meine erste Marmelade selbstgemacht hatte, von Johannisbeerstrauch hinter dem Haus, habe ich ein Glas meiner Oma geschenkt. Meine Oma konnte das ganze Gewese darum nicht verstehen. Wo sollte Marmelade denn sonst herkommen, wenn nicht vom Selbermachen.

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