Kommentar

„Hungerlohn“ von Clemens Niedenthal

Gerade fand ich in der Süddeutschen Zeitung eine schöne Überschrift. „Kinderteller“ stand da über einem wohltemperiert recherchierten Artikel über junge und ganz junge Köche.

Clemens Niedenthal
Clemens Niedenthal

Über Flynn McGarry etwa. Der ist 16 Jahre jung, er hat bei Instagram 75.000 Follower und – weil er seine Teller nicht bloß fotografiert – gerade in New York sein eigenes Popup-Restaurant eröffnet. All die jungen Köche, so die Quintessenz, sie seien kreativ, handwerklich präzise und früh bereit für große und ganz große Aufgaben. Mit dieser Lektüre auf dem Gaumen aß ich in der vergangenen Woche dann hervorragende drei Gänge für beschämend günstige 29 Euro in Friedrichshain. Molke, Aprikose, Bergamotte. Oder Zweierlei vom Flanksteak, wobei das großartige Carpaccio nicht einmal auf der Karte aufgeführt war. Genauso wenig das nonchalant gereichte Prädessert vom fermentierten Holunder. Der 24-jährige Koch, der im Morsh in der Mainzer Straße all das komplett alleine auf die Beine stellt heißt Laurens Friedl. Ausbildung bei Christian Lohse im Fischers Fritz, danach drei Jahre unter drei Sternen im Bareiss in Baiersbronn. Nun sollte es nach Tokio gehen – eigentlich. Aber die neue, so verantwortungsvolle wie prestigeträchtige Stelle entpuppte sich Tage vor dem Abflug – als unbezahltes Praktikum. Und so kocht der gebürtige Kreuzberger nun also ganz wunderbar in Friedrichshain. Für Berlin ist das ein Geschenk. Für die internationale Gourmetszene ist es ein ­Armutszeugnis.

Mehr über Cookies erfahren