Essen & Trinken

Ich mag es, beim Kochen zuschauen zu können

Melanie_ScheiderSonntagmorgen, kurz nach 11 Uhr. Immer wieder habe ich an diesem verflixten Tag, zu dieser indiskutablen Uhrzeit, Hunger. Und zwar nicht auf Frühstück, sondern auf ein ganz reales Mittagessen. Selbermachen – danke für den Vorschlag! Kommt aber überhaupt nicht in Frage. Auch wenn ganz Berlin noch im Tiefschlaf liegt, möchte ich bedient werden, genießen, und zwar gesund.

Früher habe ich notgedrungen das Buffet-Angebot der zahlreichen Frühstückscafйs in Anspruch genommen. Inzwischen bin ich Stammgast bei Gorilla Natürlich Fastfood in der Friedrichstraße. Es dampft aus den Töpfen, es riecht nach frischen Kräutern und der Laden sieht immer so frisch und glänzend aus, als hätte er am Tag zuvor erst aufgemacht. Freiheit bedeutet, Essengehen zu können, wenn der Hunger kommt! Bei den Gorillas geht das auch am Wochenende ab 10 Uhr. Mitten in der Woche arbeitet die Berliner Gastronomie ja Gott sei Dank im Takt der Stadt. Sie ist mitgewachsen mit den Essgewohnheiten der Snackgeneration, der Freelancer und Wellnessmenschen. Essen um die Mittagszeit soll fit und nicht schläf­rig machen. Zu meinen Lieblingsadressen gehören der Japannudelladen Susuru in der Rosa-Luxemburg-Straße und das Cafй Ellas in der Brunnenstraße, wo es jeden Tag etwa sechs abenteuerliche Suppensorten zur Auswahl gibt, nur leider selten einen freien Tisch.

brandolVor allem im Sommer mag ich diese Ecke in Berlin-Mitte besonders. Auch dank der Familie Pane. Ein Bummel durch die südliche Acker­straße lässt allen Italienfreunden das Herz aufgehen. Bei Papа Pane gibt es die knusprigste Pizza, im Locanda Pane die leckerste Pasta und im Fior di Pane kann man alles für zu Hause kaufen: Antipasti, Käse, Gebäck, Kaffee und Eis. Der späte Nachmittag, gegen 17 Uhr, gehört auch zu den Zeiten, in denen sich mein Magen meldet. Der Weg in die Torstraße lohnt sich. Nur 100 Meter voneinander entfernt liegen das Toca Rouge, ein puristisch gestaltetes Minirestaurant mit ausgetüftelter chinesischer Küche, und das Bandol Sur Merraffiniert französisch, mit einem klaren Bekenntnis zu Fleisch- und Käsespezialitäten. Herrlich kann man dort nach Feierabend auf der jeweiligen Terrasse sitzen und sich über die eigentlich unwirtliche und verkehrsüberströmte, aber immer bunter werdende Torstraße freuen. Noch ein Ort, der wie gemacht ist für den Auftakt in einen schönen Abend, ist das La Muse Gueule in der Sredzkistraße in Prenzlauer Berg. Quiche mit Lauch oder Rucola, Salate, Käseteller, dazu ein Glas Rotwein – schmeckt nach Provence, ist urgemütlich und wahrscheinlich für immer meine Kino-Vorspiel-Institution.

paris-moskauKlein, aber oho – das ist generell die Eigenschaft, die mich an Res­­taurants besonders anzieht. Ich mag es, beim Kochen zuschauen zu können, und es begeistert mich, wenn der Raum, das Team und die Küche als Gesamtkunstwerk funktionieren. Ganz bewusst genieße ich deshalb auch in Lokalen der gehobenen Gastronomie eine Art Choreografie, die zeigt, dass dort mit Überzeugung und Sinn für das Ganze gearbeitet wird. Das Paris– Moskau repräsentiert den zeitlos, klassischen Stil und wirkt besonders durch kleine verspielte Extras. Und sogar übertriebener Perfektionismus kann sinnlich sein. Das zeigt Sternekoch Tim Raue in seinen Euro-Asia-Restaurants Ma und Uma. Häppchenweise erlebt man vor allem im japanisch orientierten Uma Geschmacksnoten, die man vorher nicht kannte, z.B. bei Rote Bete mit Forellenkaviar und Wasabijoghurt. Die Service-Crew bewegt sich durch die goldene Kulisse wie in einem Pantomimen­theater.

Genug der Schwärmerei – zurück zu den alltäglichen Genüssen! Wirklich faszinierend finde ich gastronomische Niederlassungen, wo man sie überhaupt nicht vermutet. Die besten Bratkartoffeln meines Lebens habe ich in der Gaststätte Dauerkolonie Rehberge, also im Clubhaus einer Laubenpiepersiedlung, gegessen. Sonntagmorgens um kurz nach 10 Uhr übrigens. Stundenlang einnisten könnte ich mich mit Apfelkuchen im Cafй Niesen in der Korsöer Straße. Das ist eine Art Ausflugslokal am äußersten Ende des Mauerparks. Ein biss­chen Stallgeruch vom Kinderbauernhof weht herüber, und man kann die Starts und Landeanflüge vom Flughafen Tegel beobachten. Sicher gibt es nicht die Berliner Gastronomie und auch wenn man wollte, man könnte nicht alles ausprobieren. Umso schöner, dass es utopische Orte und Zufälle gibt. Auf einer Fahrradtour durch das Niemandsland in der Scharnhorststraße, zwischen Bundeswehrkrankenhaus, Invalidenfriedhof und Wirtschaftsministerium, sah ich an einem unscheinbaren Haus vor einer Baulücke eine rote Fahne flattern. Auf der Speisekarte: Frühstück, Kuchen und Mittags­tisch. Hier wohnt doch kein Mensch, dachte ich. „Kann sein“, sagt Ulrike Rodel, die Wirtin vom Am Ende der Welt. „Hauptsache, der Laden ist jeden Tag voll.“

Am Ende der Welt Scharnhorststraße 5, Mitte, Tel. 0176-23 29 94 49; Mo-Fr 8-18 Uhr, Sa 10-16 Uhr
Bandol sur Mer Torstraße 167, Mitte, Tel. 67 30 20 51; tgl. ab 18 Uhr, Küche bis 23.30 Uhr
Cafй Niesen Salon Social International, Korsörer Straße 13, Prenzlauer Berg
Ellas Brunnenstraße 24, Mitte, Tel. 66 65 54 20; Mo-Fr 9-18 Uhr
Fior di Pane Ackerstraße 16, Mitte, Tel. 28 38 77 22, www.fiordipane.de; Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa ab 12 Uhr
Gaststätte Dauerkolonie Rehberge An der Swakopmunder Straße, Wedding, Tel. 451 30 71
Gorilla Natürlich Fastfood Friedrichstraße 120, Mitte, Tel. 92 21 64 52, www.gorilla-natuerlich.com; Mo-Fr 8-20 Uhr, Sa+So 10-20 Uhr
La Muse Gueule Sredzkistraße 14, Prenzlauer Berg, Tel. 43 20 65 96; tgl. ab 17.30 Uhr, Küche 18-24 Uhr
Locanda Pane Ackerstraße 17, Mitte, Tel. 28 38 77 22, www.locandapane.de; Di-Sa ab 18.30 Uhr, Küche bis 24 Uhr
Ma Tim Raue Behrenstraße 72, Mitte, Tel. 30 11 17 33 3, www.ma-restaurants.de; Di-Sa 12.30-14 + 19-22 Uhr
Papа Pane di Sorrento Ackerstraße 23, Mitte, Tel. 28 09 27 01, www.papapane.de; Mo-Sa 12-24 Uhr, So 17-24 Uhr
Paris-Moskau Alt-Moabit 141, Tiergarten, Tel. 394 20 81, www.paris-moskau.de; Mo-Fr 12-15 + 18-24 Uhr, Sa+So 18-24 Uhr, Küche tgl. bis 23 Uhr
Susuru Rosa-Luxemburg-Straße 17, Mitte, Tel. 211 11 82, www.susuru.de; tgl. 11.30-23.30 Uhr
Toca Rouge Torstraße 195, Mitte, Tel. 84 71 21 42; Mo-Fr 12-24 Uhr, Sa+So 17-24 Uhr
Uma Behrenstraße 72, Mitte, Tel. 30 11 17 33-3, www.ma-restaurants.de; Di-Sa 18.30-24 Uhr

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