Italienisch

Il Calice am Walter-Benjamin-Platz

Italienisch für Fortgeschrittene: Antonio Bragato ist zurück im Il Calice am Walter-Benjamin-Platz. Er könnte seine kulinarische Geschichte konservieren – doch der Wirt will es noch einmal wissen

Il Calice

Der Lardo di Colonnata liegt hauchdünn auf den Parmesanbrocken. Und schmeckt doch so intensiv, als habe ein ganzes Schwein seinen ganzen Geschmack nur für diese eine Scheibe aufgehoben. Antonio Bragato reicht diesen Happen als Gruß aus der Küche. Daran ist nichts gekocht, und doch erzählt es bereits alles: die Liebe zu den Lebensmitteln, zu ihrer bedingungslosen Qualität. Die Renaissance der Antipasti, von der noch zu reden sein wird. Das Kuratieren der Produkte, das im Il Calice am Walter-Benjamin-Platz in Charlottenburg mindestens so wichtig ist wie ihre Zubereitung selbst.
Kurz: Es erzählt die Geschichte eines Mannes, der dieselbe Weinbar gleich dreimal gegründet hat. Es macht nichts, wenn sie diesen Mann bis dato noch nicht kennen. Er ist ja selbst gerade dabei, sich und sein Il Calice noch einmal neu kennenzulernen.
Mit 15 hatte Antonio Bragato in einem Hotel in Jesolo angefangen. Adriaküste, Massentourismus, aber auch: Dolce Vita. Er war das Mädchen für alles, dem bald schon ein gutes Gespür für die Gäste und das Gastgeben nachgesagt worden war. Mit 24 leitete er sein erstes Hotel, bei weitem nicht das Schlechteste an der Promenade. Vier Jahre später dann wollte er sein eigener Chef werden, den eigenen Ideen und dem eigenen Geschmack folgen. Und so kam Antonio Bragato ausgerechnet 1990 nach Berlin: „Ich hatte nur einen Schuss frei, da war keine Familie mit altem Geld im Hintergrund, die irgendwelche Spielereien hätte finanzieren können.“

Der Schuss traf ins Schwarze. Und für Berlin war Bragatos Il Calice geradezu sensationell. Eine lässige, laute Weinbar in der Charlottenburger Giesebrechtstraße mit einer für die Mauerstadt, die Berlin bis eben noch war, schier ungeahnten Weltläufigkeit. Die Antipasti wurden tischweise gereicht, Abend für Abend gab es rund 50 offene (!) Weine. Sharing is Caring – tut nicht die aktuelle Gastromode so, als hätte sie diesen kulinarischen Gemeinschaftssinn gerade erst erfunden?

„Ich hatte kein Startkapital – aber Kredit bei den Winzern. Nur so konnte das was werden“, erinnert sich Antonio Bragato. Er  hatte die Weinmacher auf seiner Seite – und bald darauf auch einen Stararchitekten. Am Stehtisch in der Weinbar, so geht die Legende, hat er Hans Kollhoff vom neuen, zweitem Il Calice überzeugt,  am Walter-Benjamin-Platz am nobleren Ende des Kurfürstendamms. Kollhoff hatte auf der lange als Parkplatz genutzen Brache gerade ein Gebäudeensemble  realisiert – vor allem aber eine fast mediterrane Raumsituation. Eine Agora, ein Markplatz, dieser Ort brauchte ein italienisches Restaurant. München mag Helmut Dietls Rossini gehabt haben, Berlin hatte nun das Il Calice. Spät, fast zu spät: Als die Kollhoff-Arkaden im Jahr 2000 eröffnet wurden, pulsierte das Leben längst an anderen Ecken der Stadt. Gut gegessen wurde, wenn überhaupt, aber noch immer im Alten Westen.

2012 war Schluss mit dem Il Calice, dem besten, kosmopolitischsten Italiener der Stadt. Der Bruder Claudio hatte sich mit der Enoteca Langolino in der Knesebeckstraße selbstständig gemacht. Die Ehefrau, eine Architektin, war selbige nicht mehr. Antonio Bragato beendet ein Kapitel, geht nach Mallorca. Macht was mit Immobilien.  Vater ist er nochmal geworden. Die Zwillinge wachsen viersprachig auf.

Im vergangenen Oktober dann die Nachricht aus Berlin. Dem Il Calice geht es schlecht, die neuen Besitzer sind gescheitert. Also sitzt Antonio Bragato nächtelang wach. Denkt darüber nach was er machen würde. Und was er ohnehin schon die ganze Zeit macht. Bauern und Produzenten hat er auf Mallorca aufgetrieben. Olivenöle und vor allem großartiges Fleisch. Wieder so Produkte, mit denen man eigentlich nicht viel machen muss.

In Windeseile hat er ein tolles Team zusammen. Der älteste Sohn hilft im Service.  Andrian Held, bekannt etwa aus der Weinbar Thal, feilt mit am Konzept, Christian Crepaldi, der vor zwei, drei Jahren mit dem wunderbaren Café Pförtner im Wedding begeistert hatte, ist der neue Küchenchef.

Das neue Konzept wird radikaler als das alte. Klar, die Pasta ist noch immer begeisternd. Aber eigentlich geht es Antonio Bragato um die Antipasti. Um die besten Produkte, die man sich tischweise teilt. Dazu offene Weine, viele offene Weine. Dem Lambrusco wird viel Platz  eingeräumt. Leichte, handwerkliche Rote mit Charakter und Charisma – das passt in die Zeit. Genauso wie dieser Wirt, der den Sommer schon nicht mehr erwarten kann.  Wenn das Leben vor der Tür und in der Abendsonne beginnt. 100 Stühle stehen bereit, die nach Belieben auf dem Walter-Benjamin-Platz verteilt werden können.
Erstmals wird es bei Antonia Bragato dann auch eine Pizza geben. Zum Teilen, na klar, und erst nach dem Backen mit säuerlich-cremiger Burrata belegt. Pizza, das kannst Du doch nicht machen, haben einige zu ihm gesagt, Er kann. Und er wird es noch einmal beweisen. Sich selbst und der Stadt.

Il Calice Walter-Benjamin-Platz 4, Charlottenburg, tgl. 12–1 Uhr, www.enoiteca-il-calice.de

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