Essen & Trinken

Internationale Küche in der Kantine der Markthalle Neun

Internationale Küche in der Kantine der Markthalle Neun

Ok, in Damaskus stehen neben dem Herd immer Gaskartuschen, es wird dort sowieso nur auf offener Flamme gekocht.Ansonsten aber ist eine Küche eben eine Küche, und in der kennen sich Azad Soltan, gelernter Koch, und Mzkin Matini, langjähriger Restaurantmitarbeiter aus – egal ob Herdplatten mit Gas, oder wie hier in der Martkhalle Neun, mit Strom funktionieren.
Die Küche, mit der sich die beiden Flüchtlinge aus Syrien so problemlos vertraut gemacht haben, ist im Normalbetrieb als Kantine Neun bekannt, jetzt ist sie für einen Monat Arbeitsstätte für Azad, Mzkin und andere Flüchtlinge, die über das Hilfsprojekt „Über den Tellerrand kochen“ gekommen sind um für die Kreuzberger Gäste zu kochen. Florian Niedermeier, einer der Betreiber der Markthalle, weiß gar nicht mehr genau wer da auf wen zugekommen ist: „Es hat sich so ergeben. Für uns ist es wichtig, einerseits zu helfen und andererseits zu zeigen, wie andere Menschen kochen und leben, das ist ja auch ein Ansatz der Markthalle.“
Einen Monat lang wird es also jetzt zunächst Syrisches Essen geben, Reis mit Huhn oder vegetarisch mit Gemüse, Humus, Fatousch-Salat, Zitronensuppe. Alles mit einer Würzmischung von Azad Soltan versehen, die er schon in Damaskus perfektioniert hat. Und die mit ihm über diverse Stationen nach Deutschland gekommen ist. Seit einem Monat wohnt er in einem Brandenburger Flüchtlingsheim. Er ist anerkannter Flüchtling, genauso wie sein Kollege Mzkin, der seit vier Monaten in Deutschland ist. Beide dürfen und wollen arbeiten, und beide freuen auf den Job: „Es ist gut zur Arbeit zu fahren, es gibt Normalität“ sagt Mzkin, der in Damaskus neben seinen Jobs in Restaurants Marketing und Kommunikation studiert hat.
Normalität ist es unter anderem, was er und Chefkoch Azad bitter vermisst haben: „Wir Syrier sind hier, weil es bei uns nichts mehr normal ist. Es ist Krieg, es gibt keinen Alltag mehr. Es gibt keine Restaurants in denen wir arbeiten können, keine Universitäten mehr zum Studieren.“  Mzkin, der fließend englisch spricht und deutsch lernt, hofft jetzt in Deutschland seinen Universitätsabschluss anerkannt zu bekommen.
Sein Kollege Azad hofft dagegen auf einen festen Job als Koch. Eine Küche zu organisieren hat er gelernt, er kann unter Bedingungen kochen, die andere sicher vor Probleme stellen, aber er hat auch gar nichts gegen eine funktionierende, professionelle Ausstattung wie er sie hier zur Verfügung hat: „Das macht es einfacher für viele Leute gleichzeitig zu kochen.“
Auch das Projekt „Über den Tellerrand kochen“ hat sich entwickelt und professionalisiert. Vor etwas mehr als zwei Jahren als Uni-Projekt von Studierenden der FU und der TU initiiert, ist die Organisation mittlerweile ziemlich weit damit gekommen, über Kochen, Gärtnern oder Sport Verständnis für einander zu entwickeln und Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen. „Wir sind damals  einfach spontan mit Bunsenbrenner und ein paar Kisten Lebensmittel zum Oranienplatz und zum dortigen Flüchtlingscamp gezogen“, erzählt Lisa, die seit Beginn dabei ist. Und dann haben sie die Menschen dort machen lassen, was die viele können und noch mehr zusammenbringt: Kochen und gemeinsam Essen.
Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte. Berichten über die gelungene interkulturelle Arbeit folgten Auszeichnungen als Vorzeigeprojekt, es gibt mittlerweile ein Kochbuch, sowie Kochkurse der Flüchtlinge die gut besucht sind, alles ist aber immer noch zum Großteil ehrenamtlich organisiert.  Als nächstes wird in Schöneberg ein „Kitchen-Hub“ folgen, also ein fester Ort an denen Flüchtlinge täglich kochen werden.
Bis es soweit ist, lässt sich ein Vorgeschmack auf diese Küche bei Azad und Mzkin in der Markthalle Neun abholen.

Text: Iris Braun

Foto: Clemens Niedenthal

Kantine Neun Den ganzen Oktober gibt es syrisch-arabische Küche in der Markthalle Neun, Eisenbahnstraße 42/42, Kreuzberg. Tellergerichte zwischen 5 und 9,50 Euro. ?Mo-Fr 11.30-15.30 Uhr, Sa 11-17 Uhr, ?www.markthalleneun.de

Über den Tellerand kochen Die 2013 von Studierenden gegründete Initiative organisiert etwa von Flüchtlingen geleitete Kochkurse. Gerade wurde „Über den Tellerrand kochen“ mit dem Inno­vationspreis der Berliner Meisterköche ausgezeichnet. www.ueberdentellerrand.org

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