Essen & Trinken

Interview mit dem Bierbotschafter Sven Förster

Interview mit dem Bierbotschafter Sven Förster

Eigentlich hatte Sven Förster was ganz anderes gelernt, etwas mit Zahlen. Commerzbank, Kreditwesen. Aber kurz nach der Ausbildung hat er bei der Bank gekündigt und sich im ­KaDeWe hinter den Zapfhahn gestellt, eigentlich nur ein Aushilfs­job. Es folgten fast 15 Jahre in Berlins berühmtester Lebensmittel­abteilung, in denen sich der gebürtige Steglitzer zwar um alle ­Getränke kümmern sollte, das Bier aber ist ihm das liebste ­geblieben. Beinahe zwangsläufig also hat er im vergangenen Jahr Foersters Feine Biere in der Bornstraße in Friedenau eröffnet. Nicht als Craft-Beer-Bar, sondern als Bierlokal im besten Sinne, ein Bekenntnis handwerklicher Brautradition, das überraschend selbstverständlich auch von Biertrinkerinnen besucht wird. Ein Gespräch über den Geschmackssinn, die Preisfrage und das deutsche Reinheitsgebot.

tip
Herr Förster, Sie und das Bier, wie kam es eigentlich zu dieser Liaison?
Sven Förster?Ach, in meinem Freundeskreis bin ich schon immer irgendwie der Bierdepp gewesen. Wein, Drinks, das war nie so mein Thema. Mir hat Bier geschmeckt, vor allem aber hat es mich interessiert.

tip Schultheiss oder Kindl?
Sven Förster?Das war ja damals in West-Berlin die Glaubensfrage. Ich habe Kindl eigentlich lieber gemocht, bin über einen neuen Freundes­kreis aber bei Schultheiss gelandet. Bier – und Biergeschmack – ist eben oft auch eine kollektive Erfahrung. Aber da war ich dann, biografisch betrachtet, schon bald an die bayerischen Biere verloren. Das Memminger im Ski­urlaub oder die ganzen fränkischen Sachen, in jedem Urlaub wurde der Kofferraum vollgepackt.

tip Seit zehn, fünfzehn Jahren heißt es, das Bier stecke in der Krise. Weniger Absatz, schlechteres Image. Ist die neue Berliner Bierkultur, wie sie sich in der Craft-Beer-Szene, aber auch in einem Lokal wie Ihrem zeigt, nun Indiz oder Anti­these dieser Krise?
Sven Förster?Krise, welche Krise? Wenn man davon redet, dass der Bierkonsum zurückgeht, reden wir vom Flaschenverbrauch, also dem, was über die Supermärkte und Getränkehändler abgesetzt wird. Die Leute sind nicht mehr bereit, in ein Produkt zu investieren, das ihnen keinen Mehrwert, keine Atmosphäre verspricht. Das jedenfalls ist die Erfahrung, die ich hier in meinem Lokal gemacht habe. Die Gäste kommen, weil sie wieder Unterschiede schmecken wollen. Wir verkaufen ja nicht nur Bier, wir kommunizieren es zunächst ­einmal. Uns geht es darum, dass das Bier wieder einen Stellenwert ­bekommt.

tip Ein Kasten, der im Handel 9,90 Euro oder gar 4,99 Euro ­kostet, transportiert diesen Stellenwert nicht …
Sven Förster?Bier ist definitiv zu billig. Diese Preise, die man heute im Super­markt sieht, sind hochgradig marktgetrieben. Ein Kasten für zehn Euro, da hat es seit den 90er-Jahren keine Preisentwicklung mehr gegeben. Das geht alleine zulasten der Qualität. Qualität kann nur dann entstehen, wenn ein Produkt von allen Beteiligten, vom Hopfenbauern über den Brauer bis zum Konsumenten angemessen wertgeschätzt wird.

tip Sie nehmen also auch uns Biertrinker in die Pflicht?
Sven Förster?Der Kasten Helles, meinetwegen von einer fränkischen Privatbrauerei, für circa 20 Euro – das ist nicht teuer, sondern im Wortsinne preiswert.

tip Wie betrachten Sie die Berliner Craft-Beer-Szene?
Sven Förster?Hinter dem, was jetzt als Craft Beer in Berlin Furore macht, ­stehen Bierstile. Bei uns geht es halt vorwiegend um deutsche Bierstile. Was jetzt aus Amerika rüberkommt, Pale Ale, Porter und so weiter, das sind hopfenintensive Biere. Die riechen nach Mango, die riechen nach Maracuja. Viele Konsumenten sind da erst einmal überfordert, die kennen diese klebrigen Biermischgetränke, kämen aber nie darauf, dass solche Fruchtnoten durch den ­Hopfen generiert werden können.

tip Traditionalisten verweisen an dieser Stelle gern auf das deutsche Reinheitsgebot von 1516 …
Sven Förster?Das Problem ist nicht das Reinheitsgebot, auch wenn ich nicht recht verstehen will, warum nicht auch ein deutscher Brauer mit Kirschen oder Kakaobohnen experimentieren darf, wenn er denn dazu Lust hat. Das Problem sind Brauereien, die sich auf dem Reinheitsgebot ausruhen.

tip Alkoholfreies Bier – kommt das einem Puristen wie Ihnen überhaupt ins Glas?
Sven Förster?Bier ist ein Moment. Ich habe unterschiedliche Momente am Tag, in der Woche, im Leben. Mal habe ich Lust auf ein Pils, mal auf ein Weißbier und mal auf ein alkoholfreies Bier. In meinem Verständnis ist alkoholfreies Bier also ein eigener Braustil. Ein Getränk zu erwarten, das genauso wie ein Pils oder wie ein ­Weizen schmeckt, das wird nicht funktionieren.

tip Alkoholfreies Bier sollte sich also von seinen alkoholhaltigen Geschwistern emanzipieren?
Sven Förster?Alkohol ist ein Geschmacksträger, so wie Fett auch. Jetzt gibt es zwei Wege, alkoholfreies Bier herzustellen: Entweder man stoppt die Gärung, so wie wir es hier beim Unertl Weißbier haben. Dann schmeckt man die Vorderwürze, das getreidige, diese honigsüßen Momente. Oder man braut ein Bier komplett und zieht dann den Alkohol raus, aber damit zieht man in erster Linie eben ­Geschmack heraus. Alkoholfreies Bier kann dir nicht das Gefühl geben, ein „richtiges“ Bier zu trinken. Aber darum sollte es ­meiner Meinung nach auch gar nicht gehen.

Interview: Clemens Niedenthal

Foto: Harry Schnitger

Foersters ?Feine Biere Vier Biere aus dem Hahn und rund 60 wechselnde Sorten aus dem Flaschenausschank, Bornstraße 20, Friedenau, Mo–Fr 15–24 Uhr, ?Sa 16–24 Uhr, www.foerstersfeinebiere.de

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