Am Kollwitzplatz könnt ihr euch nach Paris träumen: Das Jolie ist ein Bistro im allerfranzösischsten Sinne.

Wäre diese Rezension einzig ein Tweet, ich würde mich der Worte meiner Frau bedienen, gesprochen am nächsten Morgen beim ersten Espresso: „Im Jolie möchte ich, von nun an, an jedem Abend sitzen.“
Damit ist eigentlich noch nichts gesagt. Und doch auch alles: In der Wörther Straße gibt es jetzt eine retro-schöne Brasserie mit einer Terrasse direkt zum Kollwitzplatz, einer so zeitgenössischen wie zugänglichen Weinkarte und tollen Tellern, mal ganz nah am Produkt und mal aufs Vollmundigste fast klassisch französisch gekocht. Ein Ort mit einem, auch das sei unbedingt erwähnt, anregenden, aber keinem aufgeregten Publikum. Kein Place to be, schon gar nicht unter den Bedingungen der sozial-medialen Erregungskurven. Sondern ein Ort, an dem man gerne sein möchte. Umsorgt von Menschen, die offensichtlich große Lust am Gastgeben haben. Und denen es gelingt, ihren Gästen eine Bühne zu bauen.
Jolie heißt dieses selbsternannte Bistro. Wobei der Gattungsbegriff ja ein wenig erklärungsbedürftig ist. Hierzulande nennt sich die Caféteria in einem Krankenhaus Bistro. Oder auch ein Tiefkühlbaguette. In Frankreich dagegen ist das Bistro (wahlweise auch „Bistrot“ geschrieben) die lässige Schwester der Brasserie. Und die hungrige Schwester der Weinbar.
Das Jolie ist ein Bistro im allerfranzösischsten Sinne.
Und das beginnt schon mit Oliven – sizilianische und griechische – und den eingelegten Sardinen zum von Restaurantleiterin Annina Kull treffsicher empfohlenen Petnat von der Loire. Kull gelingt es, zwei Gäste mit einer Flasche so sehr zu beglücken, weil sie zuhört – und nicht referiert. Der Küche gelingt dieser souveräne, gleichzeitig aber unprätentiöse Start, weil sie genau hinschmeckt. Und zwei sehr einfache Produkte in jeweils herausragender Qualität serviert. Zu einem jeweils absolut angemessenen Preis (5 bzw. 8 Euro).

Jolie ist der jüngste Ableger hervorragender Seafood-Küchen
Nun ist das Jolie der jüngste Ableger der hervorragenden (Seafood-)Küchen The Catch (Charlottenburg) und November (ebenfalls Prenzlauer Berg). Hinter allen drei Orten steht eine lettische Gastronomenfamilie. In der Jolie-Küche steht mit Danas Pozlevičius, zuletzt Sous-Chef eben im November, ein litauischer Koch. Und schickt im Verlauf des Abend ein herrlich intuitives (und angenehm leichtes) Tatar und eine auf den Punkt (und auf Holzkohle) gegrillte Goldbrasse mit Fenchelsalat (20 Euro), zu der wir unbedingt diese auch handwerklich eindrückliche Kartoffeln in einer wohligen Comté-Sauce empfehlen (13 Euro). Kartoffeln und Käse machen einfach glücklich, zumal derart fein und spielerisch zusammengedacht.
Wir empfehlen drei Teller pro Person, in der Summe sind das gut 40 Euro. Ein absolut berechtigter, ja fairer Preis angesichts der kulinarischen Qualität und der erwähnt begeisternden Atmosphäre.
An den Wochenenden, das sei noch erwähnt, hat das Jolie bereits ab mittags geöffnet. Einer Tageszeit, zu der der Skagen-Toast passt, eine Lobster Roll quasi, skandinavisch interpretiert. Und Austern und Champagner, aber die passen eh immer. Dem Kollwitzplatz steht diese lässige Eleganz mehr als gut. Fast hätte man sie in dieser Nachbarschaft nicht mehr erwartet.
- Jolie Bistrot Wörther Str. 35 (am Kollwitzplatz), Prenzlauer Berg, Mo, Mi–Fr 18–24 Uhr, Sa+So 12–24 Uhr, Website
Sie ist wieder da und hat sich neu erfunden: Die Gärtnerei serviert nun Wohlfühlteller und gutes Schnitzel. Mezze im Kino: Sinema Transtopia hat mit Meyhane ein Food-Konzept auf die Beine gestellt. Ein Dampfschiff im Museumshafen: Wir haben Spree Fumée besucht. Unprätentiös und radikal traditionell: Hanuman feiert das Thaicurry. Exzellente Küche, herzliche Gastfreundschaft: Boii Boii steht für zeitgenössische Thai-Cuisine. Neu erfunden: Bistro GriGri am Landwehrkanal. Immer Neues zu Essen und Trinken in Berlin findet ihr hier. Berlins Food-Guide 2025: Bestellt hier unsere Speisekarte. In der historischen Kirche St. Elisabeth feiern wir und der Feinkosthändler Viani vom 5. bis 7. September 2025 Frizzante – das italienischste Wochenende des Jahres.



