Essen & Trinken

Junge Weinexperten in Berlin

Noer_c_kai_schuette_hipi„Schau mal, was ich hier habe. Ein schwarzer Riesling Rosй, ein echtes Juwel aus der Pfalz. Probier einfach mal!“ Christian Khalaf stellt das Glas auf den Tresen und wartet gespannt auf das Geschmacksurteil. Und damit meint er keinen Vortrag über Reifegrad und Abgang, sondern einfach nur: Schmeckt’s oder nicht? Der ehemalige Küchenchef, der zusammen mit Marketing-Fachmann Sebastian Kohlmeyer im Sommer diesen Jahres die Weinbar Nachtigall am Prenzlauer Berg eröffnete, hat ein feines Gespür für die Vorlieben seiner Gäste. Weil er fragt, zuhört und vor allem nicht überfordert: „Ich erkundige mich immer zuerst, ob jemand Rot oder Weiß trinken möchte und ob er etwas Bestimmtes mag. Vor allem möchten wir die Leute nicht mit Fachbegriffen überladen“, erklärt Khalaf. Und Mitinhaber Kohlmeyer ergänzt: „Wer möchte, kann sich natürlich intellektuell an einem Glas aufhalten, aber das ist kein Muss.“ In Berlin versuchen sich immer mehr junge Weinexperten und -liebhaber daran, das elitäre Image der Fachszene abzulegen. Viele von ihnen tun das ohne klassische Sommelier-Ausbildung, aber mit umso mehr Begeisterung. Gleichzeitig wächst das Interesse der Generation zwischen Anfang 20 und Ende 30, sich ein bisschen tiefer in die Materie einzudenken. Auch der Wunsch vieler Konsumenten, die Herkunft der Lebensmittel zu kennen, hängt damit zusammen. Das weiß auch Khalaf, der den Schwerpunkt auf pfälzische und italienische Weine gelegt hat: „Ich bin in der Pfalz aufgewachsen und kenne unsere Winzer persönlich. Dieser Bezug ist für viele Kunden wichtig.“ Und nicht zuletzt ist die Atmosphäre entscheidend, wenn es um unverkrampften Genuss geht. „Unsere Bar soll ein Ort der Begegnung sein“, sagt Kohlmeyer. „Am Tresen kommen 19-Jährige mit einem 60-Jährigen ins Gespräch.“

Auf entspannte Stimmung setzen auch Marion Streubel und Andrй Gersdorf. (Foto oben) Vor zwei Jahren hat das Paar in Kreuzberg den Weinladen Noer eröffnet. Neben dem Verkauf finden Seminare und Verkostungen statt. „Die Resonanz ist groß, wir müssen zu fast jedem Termin einen Zusatztermin anbieten“, so Gersdorf. Die beiden wollten aber auch etwas Eigenes kreieren. Aktuell verkaufen sie sechs Noer-Weine, die sie von befreundeten Winzern produzieren lassen und die charmante Namen wie Rosabella und Sophie tragen. Letzterer ist ein wunderbar aromatischer Weißburgunder, den Gersdorf in bauchigen Gläsern ohne Stiel zum Probieren reicht. Alle Flaschen der Hausmarke kosten 6,35 Euro: „Wir wollen zeigen, dass gute Weine kein Vermögen kosten müssen.“ Auch besitzen sie ein paar eigene Hektar auf einem Weinberg und lassen aus der Ernte die limitierten „Noer 368-Reben“-Weine produzieren.

fraeulein_broesel_c_esther_suave_hipi„Die meisten Kunden sind aus der Umgebung, aber zu den Seminaren kommen auch Leute aus anderen Stadtteilen“, weiß Marion Streubel. „Man merkt, dass das Interesse an Wein gestiegen ist. Das gemeinsame Kochen hat ja auch wieder einen hohen Stellenwert, und dazu wollen die Leute etwas Gutes trinken.“ Aber auch die Bar- und Clubszene legt in Sachen Wein nach. Davon profitiert Stefanie Drobits alias Fräulein Brösel (Foto rechts): Die gebürtige Österreicherin lebt seit sechs Jahren in Berlin und bringt mit ihrem Ein-Frau-Handel Weinerwachen Produkte aus ihrer Heimat und aus Ungarn unters Volk. Meist ist sie in der Bar Fluxbau anzutreffen, hier ist auch ihr Vor-Ort-Verkauf. Wenn Fräulein Brösel, die sich so an ihren „Künstlernamen“ gewöhnt hat, dass sie ihn ganz selbstverständlich benutzt, von ihrem Lieblingsthema spricht, wird alles andere ausgeblendet: „Ich bin im Burgenland aufgewachsen, eine absolute Weinregion“, erzählt sie. „Aber als ich nach Berlin kam, gab es diese Weine nirgendwo. Deswegen fing ich an, mir meine Lieblingsweine schicken zu lassen und auch zu Freunden mitzubringen.

Die Resonanz war so gut, dass ich ständig nachordern musste, und daraus hat sich irgendwann ein Unternehmen entwickelt.“ Vor allem Bars und Restaurants gehören zu ihren Kunden, neben dem Fluxbau auch das Kater-Holzig-Restaurant. Neben ihren Großabnehmern kümmert sich Fräulein Brösel gerne auch um kleinere Anfragen und möchte künftig auch Veranstaltungen anbieten – wenn die Zeit es ­erlaubt. Denn die ist bei der Jungunternehmerin mit abgeschlossenem BWL-Studium knapp bemessen. Auch, weil sie neuerdings ihre eigene Spirituosenmarke produzieren lässt: Fräulein-Brösel-Johannisbeer-, Vogelbeer- und Haselnussgeist. Genau wie die Inhaber der Nachtigall und vom Noer verkörpert auch Fräulein Brösel die pure Lust am Weingenuss. Das einzige Problem: Nach einer Exkursion in die schöne, neue Weinwelt lässt sich der spontan gekaufte Späti-Tropfen so gar nicht mehr trinken.

Text: Isabel Ehrlich

Fotos: Esther Suave / Kai Schütte / HiPi

Fräulein Brösels ­Weinerwachen Verkauf: Fluxbau, Pfuelstraße 5, Kreuzberg, Tel. 0151-64 81 04 62, www.weinerwachen.com
Weihnachtsempfehlung: Weninger, Blaufränkisch ­Hochäcker 2009 aus Horitschon, Kirschfrucht, vielschichtig, reif, 14 Ђ

Nachtigall Knaackstraße 43, Prenzlauer Berg, Tel. 22 49 45 60, www.nachtigall-berlin.com, tägl. ab 18 Uhr
Weihnachtsempfehlung: ­Petrussa, Merlot Colli Orientali del Friuli 2009, vollmundig und würzig, 30 Ђ

Noer Falckensteinstraße 10, Kreuzberg, Tel. 67 51 62 85, www.noer.de, Di-Fr 12-22, Sa 15-22 Uhr (und länger)
Weihnachtsempfehlung: Noer, 368 Reben, Dhron Hofberger, Riesling von der Mosel 2011, ­harmonisch und fruchtig, 12 Ђ

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