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Kaffeemanufakteur Willy Andraschko: „Schlimm ist es in Hotels“

Andraschko_DvB_11Herr Andraschko, die Kulturtechnik des Kaffeetrinkens kennt zwei typische Gesten: den im Vorübergehen heruntergekippten Espresso und den zelebrierten Müßiggang bei einem Cappuccino, Latte macchiato, Milchkaffee …
Das gehört ja zusammen, die kurze Seite des Espressos in der Bar in Italien und dieses Aus-der-Zeit-Fallen einer Wiener Kaffeehauskultur. Und: In beiden Fällen steht Kaffee für Nüchternheit, für das Wachsein des Geistes. Das lebt im Format des Kaffeehauses und seiner Kultur. Dem Kaffee näherzukommen heißt, diese Kultur des Kaffees zu verstehen. Wie schmeckte ein Kaffee zu Joyces Zeiten in Triest? Wie trank ihn Robert Musil in Wien?

Die Kaffeetasse ist demnach auch ein Behälter für gesellschaftliche Rituale?
Das liebe ich an Italien so. Das Kaffeehaus ist das Eingangstor zu einer Stadt, man bestellt seinen Espresso und ist sofort mitten in der Gesellschaft, kann zuschauen, wie das soziale Leben funktioniert.

be es denn eine Situation, in der ein Willy Andraschko einen Espresso aus der Kapselmaschine goutieren würde?
Beim Anwalt vielleicht, beim Gespräch über irgendetwas wenig Erbauliches. Man will diese modernen Errungenschaften in den Büros ja auch nicht kleiner machen.

Weiterlesen: Warum man in Berlin gerade den besten Kaffee trinken kann.

Eine Anwaltskanzlei taugt wohl ohnehin kaum zum höchsten Kaffeegenuss.
Da muss eh so vieles stimmen, das Glas, der Ort, die Temperatur, das Gespräch. Sie können Kaffee heute auf der Tankstelle trinken, beim Friseur, in der U-Bahn, im Gehen sowieso. Kaffee ist allgegenwärtig, seine Wertschätzung ist es nicht.

Selbst in der guten Gastronomie gibt es oft mittelmäßigen Kaffee.
Schlimm ist es in den Hotels. Dort, wo einfach viel zu viele Leute an die Kaffeemaschinen gelassen werden, gibt es die Neigung, einen Automaten aufzustellen. Jeder drückt nur noch auf einen Knopf. Dieser Kaffee ist weit weggerückt von einer wichtigen Erfahrung: Dass es sich um ein Produkt handelt, das wie ein gutes Steak mit Leidenschaft und Sachverstand zubereitet gehört.

Gerade etabliert sich ja in Berlin so eine junge, sachverständige Kaffee-Boheme.
Der Barista ist als Lebensmodell ja schon ganz schön sexy. Nur muss dieser Mythos ja auch gefüllt werden mit Wissen. Dass wir da von diesen Automaten aus Plastik wegkommen und von be-geisterten, sympathischen, leidenschaftlichen Menschen eine gute Tasse Kaffee kriegen, ist doch eine tolle Sache.

Die tolle Sache hat bereits einen Namen – „Third Wave“. Wie verhält sich Willy Andraschko, bekannt für seine dunkle Triester Röstung, zu diesen Evangelisten des sanft extrahierten Filterkaffees?
Interessant ist, dass diese Entwicklung aus Ländern kommt, die nie eine wirkliche Kaffeekultur hatten, die USA etwa und die skandinavischen Länder. Darüber hinaus freue ich mich über Menschen, die die entscheidenden Fragen stellen: Wo kommen die Bohnen her und unter welchen, auch sozialen Bedingungen wurden sie geerntet? Wie wurde die Frucht getrocknet, wie geröstet? Ich habe als Teenager in Wien-Hietzing im Cafй Dommayer über einem Kaffee gesessen und mir gedacht, der müsste doch noch besser hinzukriegen sein. Solche Aufgaben sollen sich ruhig viele stellen.

Interview: Clemens Niedenthal

Foto: David von Becker

Andraschko Kaffeemanufaktur? Bereits in den 1980er-Jahren röstete der Wiener Willy Andraschko für das und zunächst auch im Cafй Einstein in der -Kurfürstenstraße eigenen Kaffee. ?Seit 2005 sind die Einstein-Anteile verkauft und Andraschko ist nur noch Kaffeemanufakteur. Seinen Kaffee gibt es etwa bei Mogg & Melzer, in der Markthalle Neun ?und nun auch in Wien.

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