Essen & Trinken

„Kater Holzig“ bittet zu Tisch

katerschmausAls die Gerüchte über einen Neustart die Runde machten, hingen in der verlassenen Holzmarktstraße 25 noch ein paar Diskokugeln verloren in den Bäumen. Direkt gegenüber soll die Bar 25 wieder aufmachen, so hörte man. Doch lange blieb es nur bei den Gerüchten. „Eine neue Bar 25 wird es nicht geben“, hieß es. Kalkutta wurde als neuer Standort in den Medien durchdekliniert. Irgendwann stand Kater Holzig am Briefkasten, an einem Lattenzaun auf der Köpenicker Straße. Vom Wasser aus sah man die ersten Bretterkonstruktionen und hörte Baustellenlärm, der die Gerüchte noch mehr anheizte und bei manchem auch die Hoffnung auf einen neuen Anfang. Mitte Juli nun endlich die Eröffnung, nachdem sie so lange verschoben wurde. Doch der Weg ins Kater Holzig wird begleitet von gemischten Gefühlen. Viel Aufhebens wurde um den Vorgänger Bar 25 gemacht. Zu viel. Sie polarisierte die Gemüter, viele mochten zum Schluss nicht mehr hingehen. Zu viele Touristen, zu viel Adidas, zu leise die Musik, zu lang die Schlange. Das Restaurant – überbewertet. Vor allem die Toilette war das Grauen. Wenn man in der Bar essen gehen wollte, durfte man nur wenig trinken. Denn mehr als ein Mal hat kaum jemand den Weg in diesen ständig überschwemmten Ort riskiert.

Eine zweite Bar 25 wird es nicht geben, betonten die Betreiber immer wieder, vielleicht auch wegen der vielen Kritik. Doch das Image der Bar mit dem neuen Projekt Kater Holzig abzuschütteln, ist nicht einfach. Allein schon wegen der Lage vis-а-vis der legendären Trauerweiden. Und dann ist auch noch auch einer der alten Betreiber der Bar dabei: Christoph Klenzendorf, der damals zusammen mit dem Schweizer Juval Dieziger, damaliger Küchenchef, die Bar am Spreeufer gegründet hatte. Im Kater Holzig ist nun vieles anders. Schon die Location: das alte Backsteingebäude, das früher mal eine Garnfabrik war. Jahrelang war das Gebäude eine Ruine, aber auch ein Ort für Partys. Im letzten Sommer schummelte sich so mancher Gast der Bar 25 für eine verbotene After Hour in das alte Gemäuer auf der anderen Seite der Spree. Von den Wagenburglern, die auf dem Gelände des Schwarzen Kanals nebenan wohnten, wurde das nicht gern gesehen. Und so manch ein Schlafsack lag nachts auch in den Etagen des Gebäudes. Durch das bunt besprüht und getaggte Treppenhaus geht es nun ganz offiziell zum „Katerschmaus“ in die dritte Etage. Dort stehen Holztische und -stühle.

katerEs gibt eine große offene Küche, Hayk Seirig kocht hier jetzt. An den grob verputzten Wände scheinen an manchen Stellen noch die Graffitis durch, andere wurden in einem strahlenden Türkis bemalt. „Viel Kraft und Nerven hat der Um- und Ausbau gekostet“, sagt die Bedienung, und ihre Mimik verrät deutlich, welche Anstrengungen es gekostet haben muss, dieses heruntergekommene Gelände so aufzubauen, wie es jetzt funk­tioniert. Ausgestopfte Tiere hängen an der Wand, eine alte Standuhr aus Holz steht in der Ecke, alte Olivenölkanister dienen als Leuchten, in der Raucher­ecke stehen schwere Ledermöbel. Vor den Fenstern hängen Geranien. Saloon trifft auf Heimatlokal, Punk-Attitüde auf Bretterbudencharme.
Vieles ist anders als früher. Jeder im Restaurant will die Gäste gut behandeln. Selbst Steffi Lotta am Reservierungspult bemüht sich, ein freundliches Wort zu finden, zum Glück ohne dabei ihre spröde Art zu verlieren, für die sie in der Bar 25 als Türsteherin bekannt und bei vielen verhasst war. Selten wird man in einem konventionellen Restaurant derart freundlich begrüßt, beraten und bedient. Das böse Wort Authentizität – Direktheit ohne Konventionen – trifft hier voll und ganz zu. Nichts ist übrig von der früheren Arroganz. Eine Reisegruppe findet ebenso ihren Platz wie diejenigen, die mit ihren Eltern zu einem besonderen Abend gekommen sind. Die Generation um 60 ist es denn auch, die den Innenausbau voller Bewunderung erforscht und genau unter die Lupe nimmt.

katerUm neun ist der Laden voll. Am Tresen haben es sich ein paar Gäste bequem gemacht. Zwei frühere Stammgäste der Bar 25 plaudern von früher, von ihren Abenden drüben unten den Diskokugeln und Trauerweiden, von der Eröffnung des Kater Holzig am Wochenende und davon, dass sie gerade ein Märchen über die Bar schreiben. In der Küche wird derweil hochkonzentriert und hochprofessionell gearbeitet – für rund 100 Gäste an diesem Abend, die meistens ein Drei-Gänge-Menü geordert haben. Kein Chaos, kein Geschrei, keine Schlamperei. Über die Küchentheke gehen gute, solide Produkte, die gekonnt und originell zubereitet werden. Ziegenkäse mit Honig, Salat mit Datteltomaten und Zi­tronendressing. Argentinisches Rinderfilet mit Bohnen im Speckmantel oder Büffelmozzarella an hausgemachter Tagliatelle mit Kaiserschoten, Pfifferlingen und Orangenschaum. Wenn man Glück hat, sitzt man direkt am Fenster. Mit Blick auf das benachbarte Industriegelände, den Fernsehturm und auf das Treiben unten im Club. Anders als beim Vorgängerprojekt soll es hier mehr um Theater und Kultur und weniger um pure Feierei gehen, heißt es. Offiziell ist das Projekt als „Versammlungsstätte für kulturelle Veranstaltungen“ angemeldet.

Das Gelände an der Spree, Zugang über die Michaelkirchstraße, ist nicht einfach Meter für Meter in Besitz genommen worden. Es wurde strategisch erschlossen und ist ohne jeden Zweifel spektakulär. Trotz einiger Ressentiments und durchaus berechtigten Zweifel, ob das mit dem Beichtstuhl denn immer noch sein muss, ist die anarchische Versuchsanordnung Bar 25 zu einem unkonventionell funktionierenden Freiraum Kater Holzig gewachsen. Ein großes rotes Zelt bildet den Mittelpunkt. Darunter veranstaltet Beaner, auch so ein Urgestein der Bar 25, an diesem Abend ein Barbecue. Holztreppen führen zum Ufer. Dort knistert ein Feuer. Ein Steg wirkt wie ein Aussichtspunkt zur verlassenen Spielstätte am anderen Ufer. In einem Holzhäuschen läuft Musik. Anders als früher ist es ein geschlossenes Häuschen. Gedämpft schallt Musik durch die Fenster nach draußen. Immer wieder hatte die Bar 25 Probleme mit Ruhestörungen. Selbst bei der endgültigen Abschiedsparty letzten September kam die Polizei. Nur zwei Jahre soll es diesen Ort hier geben, heißt es vom Kater Holzig. Doch schaut man sich an, mit wie viel Liebe und Detailverliebtheit dieser Ort entstand, mag man das weder glauben, noch dem Team wünschen.

Text: Antje Binder, Eva-Maria Hilker

Foto: Andre C. Hercher

Katerschmaus im Kater Holzig Eingang: Michaelkirchstraße 22, Kreuzberg, Di-Sa ab 18 Uhr, Reservierungen telefonisch unter  51 05 21 34 oder per E-Mail an [email protected], Reservierungszeiten: Di-Sa 12–18 Uhr

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