Kerb aus London haben das Multiplex-Kino im ehemaligen Sony Center in einen imposanten Streetfoodmarkt verwandelt. Das Konzept ist ziemlich lecker – und vielleicht die letzte Chance für eine Revitalisierung des Potsdamer Platz.

Streetfood – was war das für ein Versprechen, damals vor mehr als zehn Jahren, als der Hype um niedrigschwellige Köstlichkeiten aus unterschiedlichen kulinarischen Kulturen, serviert auf Papptellern und verkauft aus der Luke eines Food-Trucks heraus, über Deutschland hereingebrochen war. Es war nichts Geringeres als eine kulinarische Revolution. Nicht alle Streetfoodprojekte überlebten, aber viele veränderten die gastronomische Landschaft. Nicht nur in Berlin mit seiner seither diverseren, vielfältigeren Gastroszene, sondern in ganz Deutschland.
Gutes Essen kann nahbar sein, aufregend, und es kann die große weite Welt, metaphorisch gesprochen, in den eigenen Vorgarten bringen. Das versprach der Hype um Streetfood zumindest, und auch wenn es dieses Versprechen nicht immer einlösen sollte, so sind Berlin und Deutschland doch zumindest ein ganzes Stück leckerer seitdem. „Streetfood hat Berlins Küche revolutioniert“, schrieben wir 2023 in einer Liebeserklärung.

Kerb am Potsdamer Platz: Neues, schickes Zuhause für Streetfood
Mittlerweile ist es ruhiger um das Prinzip „Streetfood“ geworden. Man könnte auch sagen: Die Szene hat sich konsolidiert. Märkte wie den Streetfood Thursday in der Markthalle Neun und Streetfood auf Achse in der Kulturbrauerei gehören fest in den Kalender der Stadt. Und nun hat Streetfood noch ein neues, ziemlich schickes Zuhause bekommen – ja was für eines: In das ehemalige Kino im Center am Potsdamer Platz (ehemals Sony Center) ist die britische Food-Unternehmung Kerb eingezogen. An ein Kino erinnert nur noch wenig – in einer kleinen Ecke findet sich versteckt ein lauschiges „Kino für zwei“ mit zwei Kinosesseln und einem Screen. Seit dem Wegzug des Kino Arsenal und der Deutschen Kinemathek erinnern ohnehin nur noch die Büros der Berlinale daran, dass der Potsdamer Platz noch vor wenigen Jahren Berlins Filmzentrum war.
Nun ist also Essen – den Witz muss man dann doch machen – das große Kino am Platz. Elf Berliner Gastronom:innen sind dem Ruf der Briten gefolgt. Und sie sind ja nicht die ersten, die den Potsdamer Platz kulinarisch aufwerten wollen: Vor rund zwei Jahren erst eröffneten am anderen Ende des Potsdamer Platzes in den ehemaligen Arkaden ja „Manifesto Market“, die nun auch in Neukölln die Eröffnung einer zweiten Location „Kalle Halle“ feiern.
Käse am Fließband
Das Konzept von Kerb ist ähnlich und doch anders: Unabhängige Händler:innen mieten sich in eine der Küchen vor Ort ein. Die Organisation übernimmt die Infrastruktur, den Getränkeverkauf und das Marketing. Und schafft hoffentlich einen schönen Ort, an dem Menschen ihre Mittagspausen verbringen wollen – und vielleicht sogar auch darüber hinaus ein wenig Zeit. Denn mit zwei großzügigen Bars, einer Terrasse, einem Private-Dining-Room und einer farbenfrohen Architektur zeigt die neue Foodhalle, dass sie nicht nur ein Lunchspot sein will. Dazu gibt es ein Foodkonzept, das geradezu darauf ausgelegt ist, in den Sozialen Medien viral zu gehen: „Pick & Cheese“, bei dem kleine Teller mit Käse und speziell dazu ausgesuchtem Pairing auf einem motorisierten Band, wie man es aus Sushi-Läden kennt, an Laktosefans vorbeifahren. Ganz günstig ist der Spaß nicht – dafür aber ein ziemlich einmaliges und qualitativ begeisterndes Erlebnis.

„Pick & Cheese“ ist das einzige Konzept, das Kerb aus London nach Berlin gebracht hat, alle anderen Händler:innen sind teils altbekannte und populäre Berliner Gastrogesichter, so etwa Fräulein Kimchi mit ihrer US-amerikanisch-koreanisch-berlinerischen Fusionfood, Pannek seine Budike und seine Berliner Hausmannskost, Grindhouse Burgers, das indische Foodkonzept Moksa und die Hähnchenburger von Butter Bronson. Tacospezialitäten aus den verschiedenen Regionen Mexikos liefert El Amigo Taquería, die ihren Anfang als kleiner Stand im Sony Center nahmen, Jian Bing Town die chinesische Frühstücksspezialität Jian Bings. Was – gerade im Vergleich – auffällt ist die Originalität und die Qualität der einzelnen Stände.
Kerb hat mittlerweile drei Foodhallen in London
In London operiert Kerb seit vielen Jahren schon Lunchmärkte an zentralen Orten und hat mittlerweile drei solche Foodhallen eröffnet wie nun auch in Berlin. Gegründet wurde das Unternehmen von Petra Barran, die selbst Anfang des Jahrtausends mit ihrem Foodtruck „Choc Star“ in ganz Großbritannien unterwegs war, bevor sie die in Europa noch neue Idee hatte, sich mit anderen Händler:innen zusammenzuschließen und gemeinsam Märkte auszurichten. „eat.st“ war so etwas wie der Vorgänger von Kerb und begründete in Großbritannien die selbsternannte „Streetfood Revolution“, die bald auch nach Berlin herüberschwappen sollte.
Auch wenn der gute alte Quarkkeulchenstand, Grillhähnchenwagen und die Kirmesgastronomie als frühe Vorgänger der Streetfoodmärkte gesehen werden können, war es doch die ungezwungene Partyatmosphäre von Märkten wie Kerb und später in Berlin eben auch der Markthalle Neun und ihr diverses Angebot, das an südostasiatische Nightmarkets genauso erinnern sollte wie an die nordamerikanische und insbesondere mexikanische Taco- und Foodtruck-Kultur. Diese Atmosphäre scheint die neue Berliner Foodhalle wieder aufleben lassen zu wollen. Und das, so zumindest der Eindruck in den ersten Tagen, aus Überzeugung und mit viel Herzblut. Und dem Sony Center tut die quietschbunte Lebensfreude der Halle auch ganz gut. Wir sehen uns am Käsestand!
- Kerb Potsdamer Str. 2 (im ehemaligen Center am Potsdamer Platz), Tiergarten, So–Do 12–23 Uhr,
Fr+Sa 12–0 Uhr, Website
Da hat sich wirklich viel verändert: Potsdamer Platz im Wandel der Zeit – Geschichte in Bildern. Das Wichtigste zu einem anderen Streetfood-Markt lest ihr hier: Die Infos zum Thaimarkt. Köstlich und versteckt: Himitsu im The Playce.

