Essen & Trinken

Kochen mit Unbekannten

haxeMan nehme etwa 150 kochbegeisterte Berliner, gebe ein paar Rezepte hinzu, schüttele alles gut durch und heraus kommt: Auf Haxe. Das Projekt ist, einfach formuliert, ein Blind Date zu sechst mit Essen als Rahmenhandlung. Das Ziel: die Nachbarschaft näher kennenlernen, zusammen kochen, Spaß haben. Seit knapp einem Jahr gibt es Auf Haxe. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von den Medienwissenschaftsstudenten Johannes Groß und Philipp Günther. „Unser Antrieb war, im Kiez ein paar mehr Leute kennenzulernen“, sagt Philipp Günther. „Wir haben uns eine Möglichkeit überlegt, den anonymen Häusern und Wohnungen Gesichter und Geschichten zu verleihen.“

In der Praxis sieht das so aus: In Zweierteams, also immer mit einem Freund oder einer Freundin, besuchen sich die Teilnehmer in ihren Wohnungen. Kochen für sich und lassen sich bekochen. Der Abend besteht dabei aus drei Gängen. Jeder findet in einer anderen Wohnung in der Nachbarschaft statt. Einen Gang kocht man selbst mit Partner in der eigenen Küche und bekommt Besuch von vier anderen Teilnehmern. Die anderen zwei Gänge werden in fremden Wohnungen serviert, in denen man dann selbst Gast ist. Wieder mit vier Leuten. Immer vier anderen Leuten, wohlgemerkt. Wer, welcher Gang und wo – das alles wird ausgelost. Für den Ablauf des Abends gibt es einen ausgeklügelten Zeitplan: Für Vorspeise und Dessert sind jeweils 45 Minuten geplant, für das Haupt­gericht eine Stunde und für die Wege eine halbe Stunde.

Das klingt zunächst kompliziert, ist aber ganz einfach. Die Teilnehmer melden sich zwei Wochen bis spätestens zwei Tage vorher an. Johannes Groß und Philipp Günther liefern anschließend eine Speisekarte und einen Ablaufplan für den Abend, individuell für jedes Team. „Denn läuft man einfach an dem Abend ab“, erklärt Günther. Schwierig wird es für ihn, im Vorfeld die Teams und Touren so zu planen, dass keines sich zwei Mal begegnet und alle Wohnungen in ihrer Nähe finden. „Ein Programmierer hilft uns dabei“, verrät der Student. Denn inzwischen ist das Projekt so groß geworden, dass eine Zuordnung der Teams und Gänge per Hand nicht mehr möglich ist. Beim ersten Termin letzten Frühling waren 40 Leute dabei, viele aus dem Freundeskreis. „Die Planung hat den ganzen Tag gedauert“, erinnert sich Philipp Günther. Beim letzten Event im Februar kochten bereits 160 Berliner für ihre Nachbarschaft. Und das Konzept ließe sich beliebig vergrößern. Immer gleich bleibt: Man trifft beim Essen insgesamt nur zwölf Personen. Was die anderen gequatscht und gekocht haben, das erfahren die Teilnehmer auf der anschließenden Party, wo sich alle treffen.

haxeDas Sportliche an dem Abend: Niemand weiß genau, wo er landet. Schmalzstulle mit Schnittlauch trifft auf aufwendigen Braten, Gelächter auf peinliche Gesprächspausen. Kochen muss man dafür nicht können. „Es geht um die Geselligkeit“, bringt es Philipp Günther auf den Punkt. Die Zielgruppe liegt zwischen 25 und 35, „ein Alter, in dem man anfängt, die Tiefkühlpizza nur noch als Notreserve zu betrachten. Wenn man dann die Leute auf dem Flohmarkt oder im Park wiedertrifft, merkt man, dass das Konzept funktioniert. Die Leute sollen in Bewegung kommen, ohne quer durch die Stadt zu fahren.“ Die nächste Veranstaltung soll Anfang Mai stattfinden, es wird gleichzeitig das einjährige Bestehen gefeiert.

Das Konzept, Leute durch das Internet zusammenzubringen, ist nicht neu. Vernetzungsmöglichkeiten wie Facebook werden auch von Auf Haxe intensiv genutzt. Eine andere Onlineplattform, Groops, lässt den sozialen Austausch im Netz weg und konzentriert sich darauf, die Leute im richtigen Leben zusammenzubringen. Besucher der Webseite haben die Möglichkeit, eine Gruppe zu gründen, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Nicht nur gemeinsames Kochen oder Essen, auch Wanderungen, Ausflüge und Reisen werden organisiert. Die Plattform Groops agiert in Österreich, der Schweiz und Deutschland. In Hamburg und Berlin würde das Konzept am besten funktionieren, sagt Jens Doka, Geschäftsführer der Plattform. Für viele Menschen sei Groops eine Möglichkeit, der Anonymität der Stadt zu entkommen oder in einer neuen Stadt einen Freundeskreis aufzubauen.

haxeJede Gruppe hat einen oder zwei Organisatoren, die das jeweilige Projekt leiten. Generell gäbe es immer „einen Antreiber und ein bis drei Co-Organisatoren“, sagt Doka. Die Gruppen­größe läge durchschnittlich bei zehn Personen. Kochen sei sehr beliebt, vor allem bei den über 35-Jährigen. Es gibt vegetarische Gruppen, Kochgruppen zum Abnehmen, Brunchen oder Ausgehen. Insgesamt 17 Gruppen sind in der Rubrik „Essen&Trinken in Berlin“ eingetragen, die regelmäßig zu kulinarischen Treffen zusammenkommen. Alles würde von privat zu privat geregelt. Daneben gäbe es aber auch einige kommerzielle Nutzer, wie zum Beispiel ein Squashcenter, das dann Rabatte anbietet. Wenn es jedoch zu weit geht, dann greifen die Macher ein.

Schließlich verdienen sie selbst auch kein Geld mit dem Unternehmen. Jens Doka ist ein Idealist, „so wie das ganze Unternehmen idealistischen Charakter besitzt“. Er hat die Plattform dem Holtzbrink-Verlag abgekauft. Dem Konzern war das Konzept nicht lukrativ genug –das Angebot sollte eingestellt werden. Die Kosten werden nun durch Spenden abgedeckt.
Auf ehrenamtlicher Arbeit basiert auch Auf Haxe. Johannes Groß und Philipp Günther organisieren die gemeinsamen Essen, ohne daran zu verdienen. Die Teilnahme kostet nichts außer den nötigen Zutaten. Die Party im Club ist das Einzige, was für die Teilnehmer zu Buche schlägt.

Text: Antje Binder

Infos
www.aufhaxe.de
www.groops.de

Mehr über Cookies erfahren