Essen & Trinken

Kochevents in der Mittagspause

moira_seba_ratatuilleHeute gibt es Brust von der Maispoularde, gefüllt mit Basilikum und Ziegenkäse, dazu Zucchinigemüse aus der Pfanne. Auf dem Tisch stehen schon die Zutaten bereit, fertig gewaschen in zehn Schälchen. Der Magen knurrt, der Appetit ist groß. Also Schürze um, Hände waschen, los geht’s. Wohin gehen wir heute Mittagessen? In französischen Büros ist das die zentrale Frage des Tages. Man nimmt sich Zeit für die Mittagspause, mindestens anderthalb Stunden, manchmal sogar zwei. Franzosen genießen diese Mahlzeit, gerne auch mit einem Gläschen Wein dabei. Die kulturellen Unterschiede zu unseren westlichen Nachbarn sind groß. Franzosen wickeln beim Mittagessen Geschäfte ab, Deutsche besiegeln sie mit einem Mittagessen, heißt es. Und sowieso hat man es in Deutschland eilig mit dem Lunch. Wenn er nicht sogar vor dem Computer heruntergeschlungen wird, dann doch häufig in einem Schnellrestaurant, Zeit ist schließlich Geld. Nirgends zeigen sich kulturelle Unterschiede so deutlich wie beim Essen.

Im Kochatelier Ratatouille müssen die Gäste Zeit mitbringen, schließlich kochen sie selbst. Es gibt ausschließlich französische Gerichte. Die Idee ist: Die Gäste lernen etwas Neues kennen und bekommen Lust, die Speisen später zu Hause nachzukochen. „Die französische Küche hat ein sehr elitäres Image: Man sagt, sie bewege sich auf hohem Niveau, nutze nur edelste Zutaten. Heraus kämen Gerichte, deren Namen man nur aussprechen könne, wenn man auf eine bessere Schule gegangen ist“, sagt Moira Seba. Selbst in Frankreich lebe dieses Klischee. Die 45-jährige Französin, die übrigens eine deutsche Großmutter hat, ist nach Berlin gekommen, um die französische Küche zu entmystifizieren. Sie möchte beweisen, dass sie viel unkomplizierter ist als ihr Ruf. Bei Moira kocht man „ohne Tamtam“, alles geht unkompliziert, ganz nach dem Motto: Jeder kann kochen. Das sagte schon der von der wunderbaren Ratte Rйmy verehrte Starkoch in dem Film „Ratatouille“, passenderweise Namensgeber des Kochateliers. „In Deutschland kocht man gerne gemeinsam“, sagt Moira, „das ist schön. In Frankreich kommt das nicht vor.“ So entstand die Idee für das Kochatelier.

moira_seba_ratatuilleUnverputzte Backsteinwände hinter Regalen mit geheimnisvollen Gewürzen, Salzen und ungewöhnlichen Senfsorten. Seit Februar treffen sich in der rustikalen Remise in der Ackerstraße die verschiedensten Menschen zum Kochen. Es sind Menschen im Alter zwischen fünf und siebzig Jahren, Schüler mit ihren Klassen sind darunter, arbeitende Menschen, die zum Mittag nicht nur satt werden, sondern abschalten wollen. Manche werden von ihrem Chef geschickt, zum gemeinsamen Kochen verdonnert, als teambildende Maßnahme. Heute ist die Studentin Jenny da, die in der Nachbarschaft wohnt und öfter mal zu Moira kommt, weil sie mittags nicht gerne alleine isst. Markus, Marit und Susanne wollen ihre Pause einmal anders verbringen und lernen sich jetzt erst kennen.

Moira und ihre Mitstreiterin Lucie, ebenfalls Französin, verwenden vor allem saisonale Zutaten aus der Region, die nicht schwer zu bekommen sind. Sie kaufen bei Rewe und auf dem Markt ein. Manche Produkte stellen die beiden selber her, wie etwa die Tapanade aus Oliven oder die in Salz und Zimt eingelegten Früchte, die man hier auch kaufen kann. Moira zeigt, wie man eine Knoblauchzehe mit dem Handballen zerdrückt. Mit Schale wird sie später in der Pfanne brutzeln. Das gibt dem Gemüsesud diese feine Knoblauchnote, die nicht aufdringlich schmeckt, erklärt sie. „Nachdem ihr den Knoblauch berührt habt, solltet ihr die Hände nicht mit warmem Wasser abspülen“, sagt Moira und erklärt auch gleich, warum das so ist: Unter Hitze öffnen sich die Poren und der Geruch dringt in die Haut ein.

Die Küchenchefin hat in den rund eineinhalb Stunden, die der Mittagskurs dauert, noch viele Tipps auf Lager. Sie zeigt ihren Gästen, wie man Kräuter zerkleinert, ohne ihr Aroma zu zerstören, wie man die Zucchini am besten in Stifte schneidet und dass man die gelbe Haut der Maispoulardenbrust leicht mit den Fingern ablösen kann, um den mit dem Basilikum vermischten Ziegenkäse vorsichtig darunterzuschieben. Alles geht überraschend einfach. Den besonderen Pfiff erhält unser Mahl durch eine in Salz eingelegte Zitrone, deren in winzige Stücke geschnittene Schale unter das Zucchini-Gemüse gehoben wird. Im arabischen Raum wird öfter damit gekocht. „Die französische Küche hat viele Ideen von den Einwanderern übernommen, auch wenn wir das nicht gerne sagen“, sagt Moira. Man denke nur an Couscous, ein Lieblingsgericht der Franzosen.

Nach 45 Minuten wird serviert. Auf dem Tisch steht eine Flasche Rosй, die sicherlich ganz hervorragend zu der Maispoularde schmeckt. „Wein zum Mittag?“ Marit weiß nicht, ob das so gut ist. Na klar, sagen die anderen, nur ein winziges Gläschen. Heute verbringen wir unsere Pause ganz französisch. Santй!

Text: Kirsten Niemann

Kochatelier Ratatuille Mittags und abends buchbar. Der Kochworkshop kann von einzelnen Personen und als geschlossene Gruppe gebucht werden. Kosten: 18 Euro/Person. Ackerstr. 2, Mitte, Tel. 24 04 68 90, www.ratatouille-berlin.de

Kochatelier Berlin Vom Basic-Kurs für Neugierige bis zu Profikursen. Am 5. Oktober Kulinarische Weltreise: die französische Provence.  Kosten: 68 Euro/Person. Michaelkirchstraße 17-18, Mitte, Tel. 24 04 96 97, www.kochatelier-berlin.de

Kulinarischer Salon Auch Kochkurse für Kinder (9–12 Jahre). Am 24. Oktober wird mit den Köchen vom Restaurant Le Piaf gekocht. 119 Euro/Person (inklusive Speisen, Getränke und Rezeptheft). Danckelmannstr. 20, Charlottenburg, Tel. 34 09 51 03, www.kulinarischer-salon.de

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