Kommentar

„Kost in Translation“ von Clemens Niedenthal

Essen ist nationale Identität. Und es ist kulturelle Praxis. Wenn wir also Platz nehmen, sagen wir in diesem brandneuen Lokal an einem Kreuzberger Kanal, dann sitzt immer auch das kollektive Unterbewusstsein mit am Tisch. Und dieses kollektive Unterbewusstsein sagt dem Wirt dann Sätze wie diesen: „Deine Portionen sind aber etwas klein.“

Clemens Niedenthal
Clemens Niedenthal

So also geschah es dem Wirt dieses neuen Lokals an einem Kreuzberger Kanal. Und der Wirt, geboren in den Niederlanden und aufgewachsen in Mexiko und den USA, dachte, die finden meine Gerichte also zu teuer. Dabei meinten diese im Übrigen durch die Bank deutschen Gäste tatsächlich: Deine Portionen sind etwas klein.
Das universelle Konzept der Tapas-Küche nämlich, kleine Gänge, tischweise geteilt, tut sich hierzulande noch immer schwer. Ins Restaurant geht man immer auch, um satt zu werden. Und teilen mag man nicht einmal die Rechnung. „Getrennt zahlen, bitte“, woraufhin der aller Wahrscheinlichkeit nach weitgereiste Service nicht einmal mehr mit den Augen rollt. So gesehen leistet der Wirt dieses neuen Lokals an einem Kreuzberger Lokal also Aufklärungsarbeit, mit seinen kleinen Portionen zu angemessenen Preisen.
Erzählt hat der mir die Geschichte übrigens in einer anderen neuen Gaststätte am Kanal. Danach wollte er mit Karte bezahlen. „Nein, nur Barzahlung möglich.“ Noch so eine (womöglich aber sehr sympathische) Sache, die man nur in Deutschland erleben kann.

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