Mittagstisch

Krise des Lunch?

Essen ist das neue Pop? Aber für Musik wollen ja auch immer weniger bezahlen. Warum wir gerade in den hippen Ecken der Stadt eine Krise des Lunch erleben

FA Schaap

Die Revolution, heißt es, frisst ihre Kinder. Im Falle jener kulinarischen Revolution, die Berlin zuletzt zu einem ganz wundervoll geniessbaren Platz gemacht hat, muss man indes in diesen Tagen attestieren: Diese kulinarische Revolution, sie hat ein wenig an Appetit verloren. Zumindest in Kreuzberg, an diesem Mittwochmittag. Um fünf vor eins.

Die Pastrami-Sandwichbar Louis Pretty in der Ritterstraße, von einem Designer eingekleidet und mit einigen Lorbeeren, auch von unserer Seite, gestartet – seit Anfang des Jahres ist diese Berlin-Dependance des inzwischen Frankfurter Gastronomen Oskar Melzer verwaist. Nebenan in Neukölln hat die neue Filiale des begeisternden Street-Food-Inders Chutnify gerade den Mittagstisch eingestellt. Dass drüben am Hermannplatz der vegane Dandy Diner der Modeblogger vom Dandy Diary auch nur einen Sommer tanzte – vielleicht ein bewusst kalkulierter Gag. Spätestens Ludwig Cramer-Klett vom Katz Orange und nun auch dem Panama Restaurant meinte es aber durchaus ernst mit dem Candy on Bone am Planufer, einer Mischung aus Mittagsbar und Feinkostladen, wie er doch in London längst üblich sei. Auch das Candy on Bone ist seit dem Herbst Geschichte. Was jener Sprayer noch nicht mitbekommen haben dürfte, der den Laden noch Ende Januar, nun ja, kommentiert hat: „If you want Englisch, go to New York. Berlin hates you.“

Nun, englisch war am Candy on Bone vor allem der Name. Die Produkte waren radikal regional. Auch ein Grund, neben dem schicken Ambiente, warum der Mittagstisch dort in der Summe knapp zweistellig gekostet hat.

Leben in dieser Stadt also schlechte Esser? Tagsdrauf auf ein Koshary, dem ägyptischen Lunchklassiker, ins Koshar Lux. Michael Landeck, im Rheinland geboren, aber in Kairo aufgewachsen, hat sich bewusst für ein Deli, ein Lunchlokal entschieden, als er vor gut zwei Jahren mit seinem Street-Food-Konzept sesshaft geworden ist. Auf die Grolmannstraße in Charlottenburg kam er, obwohl eine etablierte kulinarische Adresse, erst auf den zweiten Blick. Inzwischen ist er froh über die Kaufkraft und die Lunchkultur in dieser Nachbarschaft. „Mittags muss immer hart kalkuliert werden, in jeder Gastronomie. Da kann der eine Euro mehr, den man an einem Standort nehmen kann, entscheidend sein.“

Thomas Kos vom Habe die Ehre in der Moabiter Arminiusmarkthalle hat kalkuliert   – und sich wie das Rosa Lisbert am Marktstand nebenan vom Mittagstisch verabschiedet: „Wir sind ein kleines Team mit einer aufwendigen handwerklichen Küche – im Prinzip müssten wir für mittags ein komplett anderes Konzept fahren, dafür fehlen uns die Kapazitäten und letztlich auch die Zeit.“ Dabei sind Österreicher eigentlich traditionell eine Mittagsadresse, nur eben in Charlottenburg oder Mitte, wo die Touristen flanieren und der Businesslunch floriert. „Wir könnten eine Aushilfe einstellen und unseren wunderbaren Leberkäse in  der Semmel verkaufen,  aber das hätte, abgesehen vom Leberkäse, wenig mit uns zu tun.“

Darüber hinaus aber ist es vermutlich auch so: Wo sich die neue Berliner Esskultur auch und gerade im aromatischen Dunstkreis der Street Food entwickelt hat, bleibt die etablierte Street Food, all die Falafelimbisse und Dürümläden, eben immer auch eine günstige und, ja, soulfoodige Alternative. Essen ist das neue Pop? Mag sein. Aber der Döner ist halt auch das alte Punkrock. Und die Lohn- und Brotverhältnisse  sind in Berlin noch gerne solche, die eher am Imbisstresen verhandelt werden.

Was vielleicht auch die Renaissance des Brunchs erklärt, die lustvoll wie lecker vertrödelten Vormittage in all den neuen, internationalen Läden in Kreuzberg, Neukölln, Prenzlauer Berg. Es wird schon Geld gelassen,  tagsüber in der Berliner Gastronomie. Nur dann eben für ein ausgedehntes atmosphärisches und lebensstilästhetisches Erlebnis – nicht für die 30 Minuten zwischen dem Workflow im Großraumbüro.

Michaek Landeck sucht derweil nach einer zweiten Location. Er glaubt an ägyptisches Street Food, an das Koshary Lux und an das Lunch. In Kreuzberg aber, wo er einst am Street Food Thursday angefangen hat, hat er sich zuletzt nicht mehr umgesehen. In Mitte soll es gerade mittags mehr Touristen geben.

Tip-Lieblingslunch

Koshary Lux Street Food aus Kairo, etwa das namensgebende Linsengericht. Grolmannstraße 27, Charlottenburg,
www.klx-kosharylux.com

Mother, Maiden & Crone Schmorgerichte aus der Tajine, mal afrikanisch, mal asiatisch, mal europäisch. Tolle Atmosphäre. Potsdamer Straße 93, Tiergarten, www.facebook.com/maidmothcro

Data Kitchen Bestellt wird per App. Das Essen aber ist radikal regional und brutal handgemacht. Rosenthaler Straße 38, Mitte, www.datakitchen.berlin

Kantine Neun Soulfood im Wortsinn, ob Borschtsch, Bulette oder Bibimbap. Eisenbahnstraße 42/32 (in der Markthalle Neun), Kreuzberg, www.facebook.com/KantineNEUN

Kanaan Ein Israeli und ein Palästinenser machen gemeinsame Sache – es schmeckt  noch besser, als es diese Geschichte ist. Kopenhagener Straße 17, Prenzlauer Berg, www.facebook.com/KanaanRestaurantBerlin

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