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Essen & Trinken

Das Auge isst mit: Kulinarische Comics erobern die Buchläden

Passard

Comic-Künstler Christophe Blain übersetzt die Logik der Haute cuisine in dynamische, skizzenhafte Bilder

Mampf! Schmatz! Schlürf! Honigtöpfe, Wildschweinbraten, Dosenspinat. In Comics und Zeichentrickfilmen ist Essen allgegenwärtig. Donald Duck liebt seine Pfannkuchen, Tom und Jerry streiten sich um den guten Käse und Homer Simpsons Leben dreht sich sowieso rund um Donuts, Pizza und Burger. Comics richten sich – zumindest traditionell – an Kinder, und diese direkte Unbekümmertheit und rasende Leidenschaft ihrer lustigen Helden im Umgang mit dem Essen kommt gut an. Doch es hat lange gedauert, bis sich auch Autoren und Zeichner anspruchsvoller und an ein erwachsenes Publikum gerichteter Comics und Graphic Novels an das Thema heranwagten. Bis dato galten Bürgerkriege, Literaturadaptionen und Autobiografien als eher geeigneter Stoff für das Genre. Das ändert sich allmählich. Und wie könnte es anders sein? Die Trendwende wurde in Frankreich eingeläutet.

Passard_CoverDer Comic-Künstler Christophe Blain hat sich mit Piratenabenteuern und verstörenden Einblicken in den französischen Politsumpf einen Namen gemacht, bevor er drei Jahre lang den Pariser Drei-Sterne-Koch Alain Passard begleitete. Er beobachtete den Maоtre bei der Arbeit, sprach mit ihm über Tischkultur, richtige Zutaten und gehütete Geheimnisse. Herausgekommen ist dabei der Band „In der Küche mit Alain Passard“ (Reprodukt), in dem Blain das Konzept und die Logik der Haute cuisine in dynamische, skizzenhafte Bilder übersetzt. Bei ihm ist alles im ständigen Wandel, jede Seite ein neuer Blick in jenen chaotischen Dauerzustand, den ein Sterne-Unternehmen einfordert und der charmant in einer subtil kolorierten Anmutung von Werbegrafiken der 50er-Jahre daherkommt. Die Kunst der hohen Küche holt der Zeichner mit skurrilen Anekdoten rund um den Restaurantbetrieb auf den Boden der Tatsachen herunter und macht zugleich Lust auf die ausgeklügelten Kreationen. 15 Rezepte von Passard hat er ausgewählt, die Zubereitung als Comicstrip gezeichnet und über das gesamte Buch verstreut. Langustinen-Carpaccio mit Schnittlauch etwa oder ein Dragйe von der Taube mit Honigwein und auch das „einfachste Dessert der Welt“ ist dabei: frische Erdbeeren mit Berlingot-Splittern an Olivenöl.

IgnorantenDiese Lust am Essen beschäftigt auch den Schweizer Guillame Long, und zwar seit seiner Kindheit. Während die Mutter kochte, saß er am Küchentisch und fabrizierte Cartoons und Zeichnungen am laufenden Band. Heute ist der Hobbykoch, Blogger und Illustrator eine Persönlichkeit in seiner Wahlheimat Frankreich, nicht zuletzt dank seiner kulinarischen Comic-Kolumne für die Tageszeitung „Le Monde“. „Kochen ist wie eine Geschichte schreiben“, sagt er, „die Zutaten sind die Akteure, die Küche die Szenerie und der Koch der Erzähler.“ In dem Comic für Genießer „Kann denn Kochen Sünde sein?“ (Carlsen) stellt er Rezepte zusammen, verrät Adressen ebenso unbekannter wie grandioser Bistros, erklärt Trinkrituale und empfiehlt 24 nützliche Utensilien für die Küche. Im Mittelpunkt der kurzen, cartoonartigen, knallbunten Kapitel steht immer der Autor selbst. Ein bebrilltes Männchen mit einem etwas zu großem Kopf, das auch Kindern gut gefallen könnte, so wie es sich durch die Höhen und Tiefen seiner kulinarischen Abenteuer schlängelt. „Mich interessieren nicht diese ganzen Kochbücher mit ihren Hochglanz-Fotos von perfekt zubereiteten Gerichten, die wir zu Hause so ohnehin nicht hinbekommen. Ich bin selbst kein Profi, aber ich esse gerne gut und ich will andere dafür begeistern“, fasst er seine Intention zusammen.

gauillaume_longFür Long ist die Verflechtung von Comic und Essen selbstverständlich, doch das gilt nicht für jeden. Йtienne Davodeau etwa ist Comiczeichner, seine Werke wie „Geronimo“ oder „Lulu – Die nackte Frau“ gehören zum modernen Kanon des französischen Comics, vom Essen wusste er aber nicht sehr viel, und noch weniger von der Welt des Weins. Mit Richard Leroy traf er einen enthusiastischen Winzer, für den wiederum Comics fremdes Terrain waren. Die beiden warfen ihre Vorurteile beiseite, freundeten sich an, diskutierten, tranken, lasen – und am Ende entstand „Die Ignoranten – Wenn Wein und Comic sich begegnen“ (Egmont), eine in nuanciertem Schwarz-Weiß gehaltene Graphic Novel, in der der Winzer und der Zeichner in ihren jeweiligen Leidenschaften aufgehen und sich gegenseitig inspirieren. Realistisch, detailverliebt, geradezu dokumentarisch lässt sich Davodeaus Werk beschreiben und ist dabei mehr als ein gezeichneter Roman, es ein Plädoyer dafür, auch mal über den eigenen Teller- oder in dem Fall Weinglasrand zu schauen, und sich für andere Dinge zu öffnen. En passant lernt der Leser bei diesem Annäherungsprozess zweier recht unterschiedlicher Männer viel über Comics, Kunst, die Entstehung eines Buches und natürlich über Wein, über die Qualität der Erde und der Trauben, über Rebstöcke und Fässer, über die Arbeitsabläufe, bürokratische Tücken und Mysterien des vollmundigen Geschmacks.

Diese Werke sind keine spröden Sachbücher. Die Zeichner umkreisen mit ebenso viel Liebe und Leidenschaft wie Humor und einer gewissen Prise Ironie die großen Themen des genussvollen Essens und Trinkens. Sie bewegen sich in einer kulturellen Nische zwischen Food-Bloggern, Slow-Food-Enthusiasten, Hobbyköchen und Comic- und Graphic-Novel-Fans. Einer Nische, die weiter wachsen wird. Guillaume Long plant schon jetzt weitere Bände seines Comics, und er ist sich sicher, dass auch andere Autoren auf den Zug aufspringen werden. „Ob es eine richtige Bewegung wird, ist schwer zu sagen, aber es ist ein Trend, auch wenn man mit Comics nicht das ganz große Geld verdienen kann“, sagt er, „ich persönlich finde das aber nicht so schlimm.“ Manchmal ist es vielleicht ganz gut, etwas länger ein Geheimtipp zu bleiben.

Text: Jacek Slaski

Foto: Reprodukt 2013  

Buchtipps

„In der Küche mit Alain Passard“ von ­Chris­tophe Blain, Reprodukt 2013, 96 Seiten, 17 Ђ

„Kann denn Kochen Sünde sein? – Ein Comic für Genießer“ von Guillaume Long, Carlsen 2013, 144 Seiten, 24,90 Ђ

„Die Ignoranten: Wenn Wein und Comic sich begegnen“ von Йtienne Davodeau, Egmont Graphic Novel 2013, 272 Seiten, 29,99 Ђ

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