Essen & Trinken

Kulinarisches Kino der Berlinale

I-RecchiDieses Jahr beginnt das Kulinarische Kino luxuriös, mit italienischem Design in Perfektion. „Io sono?l’amore“ beschreibt das exklusive Leben einer Mailänder Familie, eine Lebensweise, die unbeschwert von materiellen Nöten dahin schwebt. Drei Generationen von Großindustriellen treffen sich hier. Der Großvater, der das Unternehmen aufgebaut hat, vererbt es seinem Sohn, dem Ehemann von Emma (Tilda Swinton), der Hauptfigur des Filmes, und seinem Enkel. Während der eine nur an das Geld denkt, die Firma verkaufen möchte, will der jüngste Spross an der Manufaktur, an dem Unternehmen festhalten.

Doch das ist Nebenschauplatz. Hauptsächlich beschreibt Regisseur Luca Guadagnino in großartiger Kulisse die Leidenschaft von Emma, Ehefrau und Mutter, die sich in den jungen Antonio – einen ebenso leidenschaftlichen Koch und Freund ihres Sohnes – verliebt. Es ist ein Gericht, das die Liebe entfacht, eine Garnele. Und es ist ein Gericht, nämlich Ucha, eine ukrainische Suppe, die den Verrat, das Ende der idealen, fami­liären Idylle bedeutet. Welcher Koch könnte darauf besser reagieren als Christian Lohse? Der Berliner Meisterkoch und Zwei-Sterne-Koch?verführt mit einer „russisch-italienischen Liebeserklärung“ das Kinopublikum nach dem Film. Ein so genannter San Remo Kabeljau mit Borschtsch-Gemüse, Rote-Bete-Coulis sowie Smetana von Koriander und Dill lassen die Hoffnung aufkeimen, dass Perfektion doch so einfach sein kann, und – das darf man nicht vergessen – im Rahmen des Kulinarischen Kinos auch bezahlbar.

Doch das Kulinarische Kino hätte seinen hohen Stellenwert nicht innerhalb so kurzer Zeit erreicht, wenn nicht auch dokumentarisch auf das Thema Lebensmittel eingegangen würde. Eine vielleicht etwas spröde Liebeserklärung ist „The Botany of Desire„. Hierbei wird die Wechselbeziehung von Mensch und Pflanze beleuchtet. An vier Beispielen – Apfel, Tulpe, Marihuana und Kartoffel – zeigt der Film von Michael Schwarz, wie sich die beiden Gattungen ge­gen­seitig weiterbringen, einschränken oder auch behindern. Und ganz hervorragend passen dann sowohl das Gericht „Tanz zwischen Himmel und Erde“ als auch der jüngste Sternekoch Michael Kempf dazu. Die Mecklenburger Bisonbacke mit Bio-Hanfsaat, eine Anspielung an den höchst ertragreichen Marihuana-Anbau, die Apfelblüten und das Urkartoffel-Confit sind eine Hommage an alte Sorten und deren Pflege.?

Thomas Kammeiers kulinarischer Beitrag zu „Iranian Cookbook“ ist genauso wunderbar subtil wie die Beobachtung des iranischen Regisseurs Mohammad Shirvani. Er filmt seine Mutter, die Tante und drei weitere Verwandte bei der Zubereitung des Essens für die ganze Familie. Ganz nebenbei erfährt der Zuschauer etwas über die Spielregeln innerhalb der Ehepaare. Kammeiers Statement dazu heißt „Frommes Lamm„: Lammschulter, Gemüse-Linsen-Sud und Graupe Djah Oftadeh. Dass Sternekoch Tim Raue zu „Tun Yuan„, dem chinesischen Wettbewerbs-Beitrag, der im Kulinarischen Kino wiederholt wird, seinen Beitrag leistet, ist wohl selbstverständlich. Ob Buddha springt, wenn Raue kocht? So nennt sich nämlich sein Menü, das der beleibten Gottheit gewidmet ist.

kulinariscxhes-kinoDie Luxemburger Sterneköchin Lea Linster wiederum bleibt der Grundzutat Zucker treu. Die ist bei „Kings of Pastry“ unverzichtbar. In Frankreich findet unter der Schirmherrschaft von Präsident Sarkozy der Wettbewerb Meilleurs Ouvriers de France statt. Alle vier Jahre treten dabei Patissiers aus der ganzen Welt an. Chris Hegedus und D.A. Pennebaker sind von Anfang an mit der Kamera dabei. Schweißperlen, Hysterie, Rührung – selten sieht man so viele Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs. Lea Linster bleibt cool und serviert ein so genanntes „Happy Ent„: Blätterteig-Pastete in Ahornsirup, karamellisiertes Entenklein, Pom­me D’Amour mit gewürzten Zucker­fäden.

Viel Feingefühl beweisen die Veranstalter, indem sie die Filme, die sich mit der Schattenseite der Lebensmittelproduktion befassen, nicht mit einem genussvollen Essen konterkarieren. „Bananas“ ist so ein Film. Hierbei wird der Rechtsstreit zwischen 12 Bananenplantagen-Arbeitern aus Nicaragua mit dem Konzern Dole verfolgt. Dole hat trotz Verbot in den 70er Jahren das Pestizid Nemagon in Nicaragua verwendet. Mit welcher Unverfrorenheit und Menschenverachtung ein Unternehmen mit den Mitarbeitern umgeht, ist bodenlos und der Film ein weiteres Argument für ein entsprechendes Konsumverhalten.

kulinarisches_kinoAuch Schauspieler Hannes Jaenicke macht in „Im Einsatz für Haie“ deutlich, dass der Verbraucher die Produktionsbedingungen letztendlich bestimmt. Jaenicke zeigt, dass Haie keine menschenfressenden Monster sind, sondern umgekehrt. Wir machen dieser Spezies den Gar­aus, indem wir sie entweder wegen ihrer Flossen fangen oder als Beifang gnadenlos abschlachten. Einer der bewegendsten Filme ist der über die Besatzung der Rainbow Warrior, dem ersten Schiff von Greenpeace. Es wird in Rückblenden gezeigt, wie die Greenpeace-Aktivisten in den 80er Jahren den Walfang behinderten. Mit Schlauchbooten setzten sie sich bis zur totalen Erschöpfung vor Bug und vor Harpunen. Die konsequenten Streiter erzählen aus heutiger Sicht, wie sie damals zum Beispiel die kranken Bewohner des Mururoa-Atolls in Sicherheit brachten. Die Menschen wurden als Versuchskaninchen bei Atombombentests benutzt. Nach diesem Film ist kluger Widerstand wieder etwas Selbstverständliches.

Text: Eva-Maria Hilker?

Kulinarisches Kino
In the Food for Love„, 14. bis 19.2., Filmbeginn 19.30 Uhr; Film inkl. Essen, Wein, Wasser und Saft 49 Ђ; Karten unter www.berlinale.de und in den Zentralen Vorverkaufsstellen in den Arkaden am Potsdamer Platz, im International und in der Urania

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