Essen & Trinken

Kulinarisches Kino

Mit der Dokumentation hat das Kulinarische Kino sein Medium gefunden. Und so erzählt die gehaltvollste Berlinale-Sektion etwa von unserem maßlosen Fleischkonsum. Gekocht wird indes: rein vegetarisch.

Kulinarisches Kino

Krieg sei nun einmal kaum das geeignete Mittel, um die großen globalen Probleme wie Rassismus, Armut oder Klimawandel zu lösen – findet Dieter Kosslick. Die Küchen der Welt seien da schon eher geeignet. „Essen verbindet und Gastfreundschaft ist ein Beitrag zur Völkerverständigung“, erläutert der Berlinale-Chef. Unnötig zu erwähnen, dass auch die Qualität am Herd in diesem Jahr jener auf den Berlinale-Leinwänden mindestens ebenbürtig ist.
Sonja Frühsammer aus dem Frühsammers, „Berliner Meisterköchin 2015“, und Michael Kempf aus dem Facil sind fast schon Festival-Stammköche. Sven Elverfeld reist aus dem Aqua in Wolfsburg an. Andoni Luis Aduriz aus dem Mugaritz im Baskenland war schon 2012 dabei: Neu ist Alexander Dressel aus dem Bayerischen Haus in Potsdam. Nach dem Hauptfilm im Martin-Gropius-Bau geht es ins Gropius Mirror Restaurant, dem temporären Spiegelzelt vor dem Ausstellungshaus. Aus 200 Zuschauern werden 200 Gäste, Inspirationsquelle der Menüs ist der jeweilige Film.
Eröffnet wird das kulinarisch-cineastische Festival mit der spanischen Dokumentation „Campo a travйs. Muugaritz, intuyendo un camino“. „Es ist eine Art Hörspiel aus der Küche von Auriz, der den Film mitproduziert hat“, sagt Thomas Struck, Leiter des Kulinarischen Kinos. Um das Publikum vor einer Flut von Untertiteln zu bewahren, wird der Streifen vom Schauspieler und Betreiber der Kreuzberger Bar Reval, Daniel Brühl, live kommentiert. Brühl kennt sich ja aus, im Kino und der Küche.
Lagen die Anfänge des Festivals in einer Zeit von US-amerikanischen Produktionen wie „Julie & Julia“ oder „Ratatouille“, so  dominieren inzwischen engagierte Dokumentationen. Entsprechend das Programm: Gezeigt werden, als deutsche oder internationale Premieren und begleitet von Talkgästen, aktuelle Dokumenarfilme über die Beziehungen von Essen, Kultur und Politik.
„Cooked“, eine vierteilige US-Serie, fußt auf dem gleichnamigen, großartigen Buch von ­Michael Pollan und dessen Erkenntnis, dass nur die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde Rohes in Gegartes verwandeln. Filmfreund und 2-Sterne-Koch Michael Kempf kocht zu zwei Folgen – in dem Fall zu den Elementen Luft und Feuer. Mit „Brot und Barbecue“, bringt er sein Menü, das nach dem gemeinsamen Filmerlebnis mit seiner Küchencrew entstanden ist, auf den Punkt. „Wir backen Falafel, die lang auf dem Tisch liegt, und die man selber abbrechen muss, dazu gibt es Cremes und Pasten zum Dippen ohne Besteck“, beschreibt Kempf die Vorspeise, der BBQ vom Wintergemüse folgt.
Obwohl das Kulinarische Kino seit Kosslicks Einstieg einer rein vegetarischen Philosphie folgt, wurde Sonja Frühsammer, zumindest auf der Leinwand, jede Menge Fleisch vorgesetzt. „Need for Meat“ heißt die niederländische Dokumentation über Massentierhaltung und maßlosen Fleischkonsum. Der Film habe ihr gefallen –ihren Ehemann Peter Frühsammer jedoch schwer im Magen gelegen. Ihr Menü: ein Gemüse- und Getreidegarten mit Kopfsalat, Hokkaido Kürbis, Roter Bete, Meerrettich und Buchweizen.
Sven Elverfeld serviert zu Pierre Deschamps Dokumentation über das Kopenhagener Kult­restaurant Noma, das der Filmemacher über drei Jahre mit der Kamera beobachtet hat, vegetarisch. Plus: Sylter Auster und Büsumer Krabben zu Apfel, Algen und fermentierter Gurke, Bachsailbing und Kaviar zu Kopfsalat und Champignons.
Alexander Dressel aus dem Bayerischen Hof hat Berühungspunkte mit Wanton, der kleinen asiatischen Teigtasche, um die es im Film „Wanton Mee“ von Eric Khoo geht. Für den in Singapore lebenden Filmemacher ist sie eine Droge, ohne die er nicht einschlafen kann. „Ich war mehrmals in Singapore und kann die Leidenschaft gut nachvollziehen. Der Film hat viele kulinarische Erinnerungen wachgerufen“, so Dressel.
Die „weniger verdaulichen“ Filme, sagt Thomas Struck, werden im Spätprogramm ohne kulinarisches Rahmenprogramm gezeigt. Zudem findet traditionell die „TeaTime“ für die Begegnung mit Filmemachern statt. Das „Kulinarischen Kino Goes Kiez“ führt in diesem Jahr ins Restaurant Rastis im Centre Français in der Müllerstraße im Wedding.

Text: Manuela Blisse

Foto: IDTV Docs / NTR

10. Kulinarisches Kino 14.–19.2.2016, Infos und Tickets: ?www.berlinale .de, Karten: 95 Euro (Film plus Menü), ?11 Euro (Film), Kulinarisches Kino Goes Kiez 40 Euro.

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