Essen & Trinken

Kulinarisches Österreich in Berlin

Andraschko_c_esther_suave_hipiAlso den Wiener Schmäh, den würde sie schon vermissen. Elisabeth Andraschko (Foto) relativiert aber gleich: „Na ja, nach einiger Zeit hast du auch hier die Leute um dich herum gesammelt, die einen speziellen Humor haben und über vieles mit dir lachen können.“ Elisabeth Andraschko ist seit Mitte der neunziger Jahre in Berlin. „Der Liebe wegen – in aller Unschuld“, und schon lacht sie herrlich laut. Ihr Mann Wilhelm, „der Willi“, Andraschko hat in den siebziger Jahren Wiener Kaffeehauskultur in der deutschen Hauptstadt etabliert. Unter den Berliner Österreichern gilt er als graue Eminenz. Das Einstein in der Kurfürstenstraße profitiert noch heute von seinem Engagement, das Ehefrau Elisabeth liebevoll als „Willis Lebensleidenschaft“ tituliert. Denn da lässt Willi Andraschko keinen Zweifel und auch keine Gegenargument gelten. Kaffeegenuss heißt für ihn hohe Kultur des Anbaus, der Röstung, der Zubereitung. Nach einer turbulenten gastronomischen Karriere (Einstein Unter den Linden, Einstein Coffee Shops) entschloss sich das Paar, eine Kaffeerösterei ins Leben zu rufen und zu managen.

Die österreichische Community hat das positiv aufgenommen. So serviert Martin Hartmann vom Sissi den Andraschko-Kaffee. Neben einem der besten Schnitzel bekommt man bei ihm in der Motzstraße eben auch einen der besten Kaffees. Warum er trotz erfolgreicher gastronomischer Laufbahn in Salzburg 2000 nach Berlin gekommen ist? „Die Homophobie der Österreicher!“ In Berlin arbeitete er zuerst im Ottenthal, einige Jahre lang im Borchardt. Seine große Liebe fand er 2005, den Comedian Harmonist Olaf Drauschke. Später hat Martin Hartmann sich selbstständig gemacht. Er wollte eine ruhigere Kugel schieben, mit einem kleinen Feinkostladen, wo es morgens belegte Semmeln und zur Mittagszeit ein kleines Angebot an warmen Speisen geben sollte. Nach kürzester Zeit stand Hartmann in der Mittagszeit nur noch in der Küche und kochte, kochte, kochte – bis klar wurde: Das mit dem kleinem Laden und der ruhigen Kugel kann er vergessen. Und so wurde aus der kleinen Sissi ein großes Restaurant über zwei Etagen und eine Tortenmanufaktur.

Severin_Wohlleben_hipiEine Torte gibt es auch bei Max Sedrak und Renate Dengg (Foto rechts) im Jolesch. Die Österreicher sind eben Experten in Sachen Schokoladentorten und anderen Backwaren. Auch Franz-Karl Kaufmann zeigt in seinem Geschäft Franz-Karl, was die österreichische Backtradition berühmt gemacht hat. Sedrak und Dengg haben vor einigen Jahren die Kreuzberger Institution Jolesch übernommen. Eine Institution ist das Restaurant deshalb, weil Edith Berlinger, die zweite eher blonde Eminenz der österreichischen Kulturrevolution in Berlin, die alpenländische Essfreude in den Achtzigern mit dem Restaurant auf der Ecke von Muskauer und Zeughofstraße nach Kreuzberg gebracht hatte.

Heute hat sie neben dem ehemaligen Exil, Ossi Wieners legendärem Restaurant der Siebziger, mit dem Horvбth ein österreichisches Sternerestaurant etabliert (sie hat Küchenchef Sebastian Frank aus Österreich nach Berlin geholt) und mit dem Rio Grande einen der schönsten Plätze am Kreuzberger Spreeufer geschaffen. Sie erinnert sich gern an die Vergangenheit und an frühere Mitstreiter wie Ossi Wiener. Sein Erbe wird von Tochter Sarah weitergeführt. Sie ist Kopf eines Catering-Unternehmens, von einigen Restaurants in Museen und vor einigen Wochen eröffnete Wiener eine Brotbäckerei, um die Brotkultur Berlins voranzutreiben.

Auch Max Sedrak hat hohe Anforderungen an die österreichische Kochkunst. Denn Edith Berlinger hat einiges vorgelegt. Sie hat die Abendküche des Jolesch damals in die Hände von Stefan Hartmann (einem Nordlicht) gelegt. Der hat neben dem Tagesgeschäft für eine anspruchsvolle Abendkarte gesorgt. Heute hält er mit seinem eigenen Restaurant einen Michelin-Stern.
Hohe Anforderungen kennt auch der Kärntener Stephan Wohlfahrt, der früher Küchenchef im Jolesch war und sich vor einigen Monaten selbstständig gemacht hat. Er ist seit 12 Jahren in Berlin – „der Liebe wegen“. Das hat am Anfang nicht geklappt. Deshalb pendelte er früher von Velden am österreichischen Wörther See nach Berlin und zurück. Doch jetzt hat er sein Glück gefunden. Seine Lebensgefährtin Isabelle Mienes, wie sollte es anders sein, hat er im Sissi kennengelernt: „Es war Liebe auf den ersten Blick!“ Und seit dem Umzug nach Schöneberg, vorher wohnte er in Randbezirken, gefällt ihm Berlin sehr gut: „Ich bleibe hier!“

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: Esther Suave (oben), Severin Wohlleben / HiPi

Andraschko Kaffeemanufaktur Köpenicker Straße 154, Kreuzberg, Tel. 69 59 86 87, www.andraschkokaffee.de

Franz-Karl Bötzowstraße 15, Prenzlauer Berg, Tel. 68 07 37 03, www.kuchenkultur-franz-karl.de

Horvбth Paul-Lincke-Ufer 44a, Kreuzberg, Tel. 61 28 99 92, www.restaurant-horvath.de

Jolesch Muskauer Straße 1, Kreuzberg, Tel. 612 35 81, www.jolesch.de

Rio Grande May-Ayim-Ufer 9, Kreuzberg, www.riogrande-berlin.de

Wohlfahrt’s Hardenbergstraße 15, Ecke Fasanenstraße, Charlottenburg, Tel. 31 01 51 33, www.wohlfahrts.com

Wiener Brot Tucholskystraße 31, Mitte, Tel. 32 51 65 26, www.wienerbrot.de

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